Lange Haft oder Bewährungsstrafe?
Auf der Anklagebank bitterlich geweint

In diesem chinesisch-mongolischen Restaurant an der Regensburger Straße gerieten die beiden Köche aneinander. Bild: Steinbacher

Vom Tötungsvorsatz ist die Staatsanwaltschaft abgerückt. Dennoch will sie, dass ein 29-jähriger Chinese für fast fünf Jahre in Haft kommt. In einem Amberger Asia-Lokal hatte er im Mai 2016 einen Arbeitskollegen erst mit einer Schere und dann mit einem Zerlegebeil verletzt.

Am zweiten Prozesstag wurden die Plädoyers gehalten. "Der 24. Mai war kein guter Tag für das asiatische Restaurant", sagte der Leitende Oberstaatsanwalt Joachim Diesch in seinem Schlussvortrag. Wohl wahr. Im Küchenbereich gingen zwei Köche aus nichtigem Grund aufeinander los. Wer gab den Anlass?

Für Diesch herrschte nach längerer Beweisaufnahme Klarheit darüber, "dass der Angeklagte tätlich wurde". Später hörte der Leitende Oberstaatsanwalt von Verteidiger Jörg Jendricke, dass sein Mandant eigentlich in Notwehr agierte und deshalb dessen Reaktionen durchaus plausibel gewesen seien.

"Das war lebensgefährlich"

Die beiden Männer aus China gerieten, wie vorher schon mehrfach, am 24. Mai 2016 gegen 14.20 Uhr aneinander. Der 29-Jährige, erregt offenbar darüber, dass sein Kollege ein ihm zustehendes Regal zur Ablagerung geschälter Gurken benutzte, griff zu einer Schere und stach zu. Der Stich wurde vom Widersacher abgewehrt, er hinterließ Kratzer. Dann eskalierte das Geschehen. Der jetzt des versuchten Totschlags beschuldigte Mann aus der Provinz Shandong nahm ein wuchtig aussehendes Zerlegebeil, holte aus und brachte seinem Kontrahenten, obgleich zwei weitere Mitarbeiter des Lokals eingriffen, eine tiefe Schnittwunde am Bauch bei. "Das war lebensgefährlich", unterstrich der Leitende Oberstaatsanwalt.

Ging diese Aktion mit Tötungsvorsatz oder Inkaufnahme einer Tötung des später nach ambulanter Versorgung aus dem Krankenhaus entlassenen 37-Jährigen vonstatten? Diesch hielt nach der Befragung vieler Zeugen nicht länger am Vorwurf eines Kapitalverbrechens fest.

Er ordnete sowohl den Angriff mit der Schere als auch die Attacke mit der Küchenaxt als gefährliche Körperverletzungen ein. Dafür forderte er eine Haftstrafe von vier Jahren und neun Monaten. Verteidiger Jörg Jendricke stemmte sich vehement dagegen. Er lenkte die Blicke des Schwurgerichts auf viele während der Verhandlung zutage getretene Widersprüche und ließ erkennen: "Mein Mandant hat sich gewehrt." Das sei an sich straffrei.

Für den Fall eines Schuldspruchs empfahl Jendricke den Richtern, zum einen auf fahrlässige, zum anderen auf gefährliche Körperverletzung zu erkennen. Seine Forderung: "Eine Strafe im bewährungsfähigen Bereich und folglich nicht über zwei Jahre." Der Koch aus China, dessen Aufenthaltsvisum in den nächsten Tagen abläuft, mochte die Gelegenheit des Schlussworts nicht nutzen. Über zwei Prozesstage hinweg hatte der Vater eines zusammen mit seiner Mutter in China lebenden sechsjährigen Sohnes wie versteinert vor sich hin geblickt.

Nur einmal zeigte er Reaktionen. Und zwar dann, als ihn Richterin Stöber fragte, wie er denn aus der U-Haft heraus Kontakt zu Frau und Sohn habe. Da weinte der Chinese bitterlich. Sein Anwalt erläuterte: "Er konnte seither nur zweimal telefonieren und er ist ohne jeglichen Kontakt in der Justizvollzugsanstalt." Das Urteil wird am Montag verkündet.

Unglaubliche ArbeitsbedingungenEs ist Richterin Roswitha Stöber zu danken, dass im Prozess wegen Totschlagsversuchs gegen einen 29-jährigen Chinesen hinter die Kulissen eines asiatischen Spezialitätenlokals in Amberg geblickt werden konnte. Sie bohrte hartnäckig nach und hörte: In dem Restaurant herrschten, zumindest was die Zeit vor Mai 2016 betraf, offenbar unglaubliche Arbeitsbedingungen. Sie wurden später auch im Plädoyer des Verteidigers Jörg Jendricke scharf gebrandmarkt. Mit der Anmerkung, dass Behörden sich dringend dafür interessieren sollten.

Wie die Schwurgerichts-Vorsitzende erfuhr, mussten der Angeklagte und wohl auch seine Küchenkollegen sechs Tage in der Woche jeweils zwischen zehn und elf Stunden bis nachts um 23 Uhr ihren Dienst verrichten. Nur am Montag hatten die Leute frei. Dann, so wurde deutlich, zogen sie sich offenbar in ihre vom Arbeitgeber nicht weit vom Restaurant angemietete Gemeinschaftswohnung zurück. An solchen freien Tagen will der Angeklagte dem Alkohol zugesprochen haben. Er verdiente anfangs 1000 Euro, später waren es 1200 und zuletzt 1400 Euro.

Die Männer aus China, ausgestattet mit einem Visum für Spezialitätenköche, hatten keinerlei soziale Kontakte. Sie waren unter sich und kannten sonst keinen. 100 Euro will der 29-Jährige monatlich an Eigenbedarf gebraucht haben. Den Rest überwies er nach China an seine Familie. Dort weiß bis heute nur seine Ehefrau, dass er in Haft ist. Die Eltern dürfen das nicht erfahren. Im Gefängnis sitzt der Mann jetzt weiter ohne jeden Kontakt. Er konnte seit Mai zwei Telefonate mit seiner Frau führen. (hwo)
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