09.02.2018 - 20:00 Uhr

"Ministrantin unter Mordverdacht": Leserin stört sich an Überschrift Eine Schlagzeile, die zum Aufreger taugte

Amberg/Weiden . "Ministrantin unter Mordverdacht" - diese Überschrift gefiel Leserin Christine W. nun überhaupt nicht: "Der Mord hat (...) mit der Kirche nicht das Geringste zu tun, es handelt sich wohl um eine Beziehungstat. Zudem ist die Täterin eventuell schuldunfähig." Warum daher in der Überschrift die Ministrantentätigkeit erwähnt werden müsse, bleibe ihr rätselhaft.

Ein 64-Jähriger aus dem Landkreis Wunsiedel wurde mit Frostschutzmittel vergiftet. Umgebracht hat ihn eine 38-Jährige aus Regensburg. Man hätte im Titel nicht erwähnen müssen, dass sie Ministrantin ist, so eine Leserin. Bild: Lukas Meister
von Jürgen Kandziora Kontakt Profil

Christine W. weiter: "Angeblich werden solche Dinge doch nur geschrieben, wenn sie in Zusammenhang mit der Tat stehen oder irgendwie wichtig sind. Das kann ich hier nicht erkennen. Würden Sie schreiben: ,Chorsängerin unter Mordverdacht'? Oder warum schreiben Sie nicht: ,Psychisch Kranke unter Mordverdacht', was ja gerechtfertigt wäre. Da wird auf die Kirche wieder mal ein schlechtes Licht geworfen, die Leute werden sagen, da sieht man wieder, wie's da zugeht."

Was die Vorgehensweise der Redaktion und die Wahl der Überschrift angeht, verwies ich in meiner Antwort auf die Mail unserer Leserin auf die Ziffer 8 des Pressekodex (Schutz der Persönlichkeit) und besonders auf die Richtlinie 8.1 (Kriminalitätsberichterstattung). Bei Ziffer 8 heißt es einleitend: "An der Information über Straftaten (...) besteht ein berechtigtes Interesse der Öffentlichkeit. Es ist Aufgabe der Presse, darüber zu berichten. Die Presse veröffentlicht dabei Namen, Fotos und andere Angaben, durch die Verdächtige oder Täter identifizierbar werden könnten, nur dann, wenn das berechtigte Interesse der Öffentlichkeit im Einzelfall die schutzwürdigen Interessen von Betroffenen überwiegt. Bei der Abwägung sind insbesondere zu berücksichtigen: die Intensität des Tatverdachts, die Schwere des Vorwurfs, der Verfahrensstand, der Bekanntheitsgrad des Verdächtigen oder Täters, das frühere Verhalten des Verdächtigen oder Täters und die Intensität, mit der er die Öffentlichkeit sucht."

Für ein überwiegendes öffentliches Interesse spricht laut Richtlinie 8.1. in der Regel, wenn eine außergewöhnlich schwere oder in ihrer Art und Dimension besondere Straftat vorliegt oder ein Zusammenhang bzw. Widerspruch besteht zwischen Amt, Mandat, gesellschaftlicher Rolle oder Funktion einer Person und der ihr zur Last gelegten Tat.

Also stimmte ich nicht mit Christine W. überein, dass durch die Überschrift "Ministrantin unter Mordverdacht" ein schlechtes Licht auf die Kirche geworfen werde und ließ unsere Leserin wissen: "An so exponierter Stelle zu erwähnen, dass es sich bei der Täterin um eine Ministrantin handelt, halte ich zum einen wegen der Schwere der vorgeworfenen Straftat für gerechtfertigt. Zum anderen drängt sich diese Titelzeile auf wegen des Widerspruchs zwischen der Tat und dem christlichen Engagement der Frau. Im Text wird ja dann auch erwähnt, dass die 38-jährige Frührentnerin ,ihr Leben weitgehend der Kirche gewidmet hat'. Sie war nicht nur Ministrantin, sondern führte nach Presseberichten auch als Kreuzträgerin Trauerzüge an und sang im Kirchenchor. Zudem gehörte sie einer weltlichen Franziskanergemeinschaft an. Also hat es genügend Gründe gegeben, das Wort Ministrantin in die Überschrift zu nehmen. Dies auch unter dem Aspekt ,früheres Verhalten'."

Klicken Sie hier für mehr Artikel zum Thema:

Kommentare

Um Kommentare verfassen zu können, müssen Sie sich anmelden.

Bitte beachten Sie unsere Nutzungsregeln.

Nachrichten per WhatsApp