Nach der IS-Razzia in Amberg
Im Strudel der Verunsicherung

Es gibt etliche Formen der Steigerung von Vorurteilen. Eine beunruhigt in Amberg lebende Flüchtlinge aus muslimischen Ländern seit wenigen Tagen: der Generalverdacht.

Sie wussten es gar nicht. Aber nachdem sie verspätet die Zeitungs-Schlagzeilen gelesen hatten, war die Verunsicherung sofort da. In Amberg gab es am Mittwoch vergangener Woche eine Razzia. Im Visier Verdächtige aus dem Dunstkreis der Terrormiliz Islamischer Staat (IS, wir berichteten). "Genau deshalb haben wir unser Land verlassen, und nun soll uns all das wieder einholen?", warf Ahmad H. in die Runde. Jeder stimmte zu.

Die Beraterin in Asylfragen der Caritas, Anne Kuchler, hatte die Männer im Alter zwischen 19 und 43 Jahren zu diesem Gespräch zusammengetrommelt. Sie stammen aus Syrien, dem Irak, Algerien und Somalia. Einige sind bereits als Flüchtlinge anerkannt, bei den anderen läuft das Verfahren noch. Was sie eint, sie kamen als Flüchtlinge nach Deutschland, Amberg. Alle sind Muslime und verleugnen ihren Glauben nicht.

Spontane Reaktion

Sofort treib deshalb Mourad Y. jetzt die Besorgnis um, dass nach dieser Razzia jeder, der regelmäßig die Moschee besucht, nun noch mehr in den Ruch gerät, mit Islamisten zu sympathisieren. Solche Gedankengänge können er und die anderen durchaus nachvollziehen. Doch "das ist falsch", sagt der 43-Jährige. Christen und Muslime wüssten nur viel zu wenig voneinander. Deshalb käme es zu diesen Missverständnissen und Vorurteilen. "Ich kenne diese Leute (gemeint ist der IS, Anm.d.Red). Ich weiß wie und was die denken", wirft Mohamed A. ein und kommt zu dem Schluss: "In deren Augen sind wir ebenso ein Feind wie ihr."

Deshalb stehen alle aus dieser Runde auf der Seite der Bundesanwaltschaft, die diese Durchsuchung als Teil einer deutschlandweiten Aktion veranlasste. Verunsicherung herrscht aber, weil keiner etwas mitbekommen hat, sich nichts, gar nichts herumgesprochen hat. Um was geht es, um wen geht es, ist es nur ein vager oder ein ganz konkreter Verdacht?, fragen sich die Flüchtlinge. In der Sammelunterkunft in der Kümmersbrucker Straße habe die Durchsuchung nicht stattgefunden, mutmaßt Abdul R. Er wohnt dort, gehört hat er nichts.

Die Nachrichtenlage ist dürftig. Bestätigt wird lediglich die Polizeiaktion unter anderem in Amberg. Sie richtete sich gegen insgesamt fünf Beschuldigte. Die Vorwürfe gehen in Richtung IS-Mitgliedschaft, Unterstützung der Terrormiliz und Verstöße gegen das Waffengesetz, teilte die Bundesanwaltschaft mit. Aber: "Festnahmen sind nicht erfolgt." Ob etwas sichergestellt wurde, ist nicht bekannt. Mourad Y. sagt einerseits "Chapeau" (frei übersetzt: Hut ab) zu den Anstrengungen der Sicherheitsbehörden in Sachen IS und stößt durchweg auf Zustimmung.

Sich selbst ertappt

Doch alles bleibe so unkonkret, dass es mehr verunsichere als ein Sicherheitsgefühl schaffe. So geht es den anderen aus der Runde auch und sie befürchten, gedanklich mit den Ambergern in einem Boot zu sitzen. Mohamed A. hat eine Anekdote dazu parat. Kürzlich beobachtete er bei einem Discounter, wie - seiner Einschätzung nach - ein Flüchtling massenweise Speiseöl eingepackt hat. Was macht der damit? Für sich kann er das alles nie und nimmer brauchen, will er etwa eine Bombe bauen?, sei ihm sofort durch den Kopf geschossen, erzählt der 24-Jährige freimütig und fügt an: Wenn es ihm schon so gehe, wie gehe es dann erst den Einheimischen?

"Ich höre immer wieder, dass ein großes Bedürfnis da ist, sich vom islamistischem Terror klar zu distanzieren", sagt Kuchler. Es gebe aber nur wenig Gelegenheit dazu, weil intensivere persönliche Kontakte zwischen Flüchtlingen und Einheimischen nach wie vor dünn gesät seien. Flucht ist immer auch Sehnsucht, gibt Faiz M. zu verstehen. Sehnsucht nach Frieden, einem ganz normalen, ungestörten Familienleben und zusehen zu können, wie aus den Kindern etwas wird. Das sei doch eigentlich das Ziel aller - Flüchtlinge und Einheimischen.

Genau deshalb haben wir unser Land verlassen, und nun soll uns all das wieder einholen?Ahmad H.
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