18.08.2017 - 16:56 Uhr
Oberpfalz

Nach Schocknachricht bemüht sich jesidische Gemeinde um eigene Grabstellen in Amberg Vier tote Kinder erwecken Friedshofswunsch

Vier Flüchtlingskinder ertrunken: Dieses Leid, das man in Amberg nur aus TV- und Zeitungsberichten kannte, schwappte Ende September bis vor unsere Haustür. Denn es waren zwei jesidische Elternpaare mit Ziel Amberg und Kastl, die diesen schrecklichen Verlust auf ihrer gefährlichen Flucht erlitten hatten.

Ein Gedenkstein mit dem typischen Glaubenssymbol vom Engel in Pfauenform kennzeichnet den neuen jesidischen Friedhof im oberen Teil des Waldfriedhofs. Die Vorstandsmitglieder der Amberger Gemeinde, Fadhil Omar Ali, Daoud Shekho Seleman und Ibrahim Khalf Saado (von links), sind froh über dieses Stück Heimat in Raigering. Beerdigt wurde hier noch niemand; der 3000 Euro teure Marmorstein zeigt jedoch, wie wichtig den Jesiden das Thema und die Bestattungsmöglichkeit für ihre Angehörigen in Amberg ist. Bild: Ha
von Thomas Amann Kontakt Profil

Sie waren vor religiöser Verfolgung aus dem Irak geflohen und erlebten auf der Balkan-Route dieses noch schlimmere Trauma. Beim Übersetzen von Bulgarien nach Rumänien auf der Donau kenterten zwei wackelige Kähne, in die eine Schleuserbande Erwachsene und Kinder gezwungen hatte. Für zwei Buben und zwei Mädchen im Alter von erst zwei bis fünf Jahren bedeutet das den Tod. Sie wurden von der reißenden Strömung erfasst und sofort unter Wasser gedrückt. Ihre Eltern konnten sie nicht retten, sie kämpften selbst um ihr Leben, während sich die skrupellosen Schleuser aus dem Staub machten. Die zwei Elternpaare blieben mit anderen Flüchtlingen verzweifelt zurück und mussten nach ihrer Inhaftierung in Bulgarien - bis das Ganze als furchtbarer Unfall aufgeklärt war - lange warten, bis sie weiterreisen konnten.

Schock: Vier tote Kinder

Die jesidische Gemeinde in Amberg war damals genauso geschockt wie viele Bürger, nachdem die Amberger Zeitung über den Vorfall berichtet hatte. Ihr Sprecher Daoud Shekho Seleman setzte sich ursprünglich dafür ein, die Leichname der Kinder nach Deutschland zu überführen. Doch zwei wurden im Fluss gar nicht mehr gefunden, die anderen beiden mussten zurück in den Irak und sind dort beigesetzt worden. Bis das geklärt war, stellte sich für Daoud und einige Vorstandsmitglieder seiner Gemeinde dennoch die Frage, wo man die Toten hätte beerdigen können. Die Jesiden hatten bisher keinen Friedhof oder eigene Grabstellen in Amberg. Die Betonung liegt auf der Vergangenheit, denn vor dem Hintergrund dieses tragischen Geschehens bemühten sie sich um dieses Thema und hatten schließlich Erfolg.

Die Stadt hatte Verständnis für ihren Wunsch und stellte auf dem Waldfriedhof in Raigering eine Fläche für die Jesiden zur Verfügung. Dort im nördlichen Teil hat die Gemeinde bereits einen Gedenkstein aus Marmor errichten lassen, der auf den jesidischen Friedhof hinweist. In Kürze soll er offiziell eingeweiht werden, hat aber zuletzt schon bei den Besuchern gewisses Aufsehen erregt.

Leben im Exil wird bleiben

"Die Leute sprechen uns an und fragen, was unser Gedenkstein bedeutet", schildert Daoud, der immer gerne antwortet und den Hintergrund erklärt. Und er freut sich über dieses Interesse, und dass die Bürger Verständnis zeigen für den Wunsch der Jesiden, "ihren eigenen Friedhof" an der Seite einheimischer Gräber zu haben. Dafür ist Daoud mit seiner Gemeinde der Stadt dankbar. Denn eines steht für ihn fest: Die Jesiden werden bei dem seit Jahren unverändert hohen Verfolgungsdruck auf ihre Religion und ihren Volksstamm nicht so schnell in ihre angestammte Region im Nordirak zurückkehren können. Gut möglich, dass sie für immer im Exil leben müssen, meint Daoud ebenso bedauernd wie realistisch.

Gerade deshalb sei es wichtig für sie, sich an ihren neuen Wohnorten heimisch zu fühlen. Ein Friedhof, auf dem sie ihre Toten nach ihrer Sitte - im Sarg und per Erdgrab im Grunde identisch zu christlichen Riten - bestatten können, gehört dazu. "Der Tod ist Teil des Lebens", sagt Daoud in der Hoffnung, dass seinen Landsleuten in Amberg ein langes Leben beschert sein möge. Auch wenn es ein Leben weit weg von der ursprünglichen Heimat ist - "aber es ist ein Leben in Frieden".

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