Naturschützer sind begeistert, Viehzüchter sind in Sorge
Angst vorm Wolf, Angst um die Herde

Martin Winter liebt Ziegen. Bereits mit drei Jahren hatte der heute 36-Jährige sein erstes eigenes Tier. Herdenschutzhunde sollen in Zukunft Wölfe abschrecken.

Der Wolf ist wieder da. Auch in der Oberpfalz gibt es Sichtungen und Nachweise mittels Genanalysen. Naturschützer hören das erfreut. Schäfer und Viehzüchter reagieren besorgt.

Martin Winter züchtet Ziegen. Er ist einer von rund 30 in Bayern, deren Leidenschaft die Burenziege ist. Ihre Koppel, ihre Heimat ist bei Neuhaus an der Pegnitz. Der Ortsteil Finstermühle liegt idyllisch zwischen Wäldern und Wiesen. Die Natur scheint hier noch in Ordnung zu sein. Genau das ist Segen und Fluch zugleich, wenn es um den Wolf geht. Segen, weil der Wolf zwischen dem Naturschutzgebiet Veldensteiner Forst und dem Truppenübungsplatz Grafenwöhr ideale Voraussetzungen findet. Fluch, weil dort auch Schäfer, Hirten und Züchter unterwegs sind oder ihre Herden auf Koppeln stehen haben. Sie fürchten um ihre Tiere.

Martin Winter liebt Ziegen. Seine Ziegen. Bereits mit drei Jahren hatte der heute 36-Jährige sein erstes eigenes Tier. Der gelernte Koch führt die Familientradition fort. "Ziegen waren schon immer Familienmitglieder." Rund 25 Tiere gehören zu seiner Herde. "Aus eigener Zucht. Wir kaufen im Normalfall nicht zu." Der Gen-Pool in der eigenen Herde zählt. Auch wenn die Burenziege eine "reine Fleischziege" ist, der Verkauf geschlachteter Tiere ist für ihn nicht das Hauptmotiv für die Zucht. "Natürlich schlachten wir auch und verwenden das Fleisch." Für ihn zählt die Zucht nach Rasse-Gesichtspunkten. Dass er damit erfolgreich ist, zeigt ein Blick auf die Liste der Tier-Käufer. "Die Tiere gehen auch ins Ausland. Nordkorea zum Beispiel."

Wolf auf Beutesuche



Im Winter stehen die Tiere im Stall hinter dem familiengeführten Landgasthof. Von April bis November sind die Tiere auf der Weide. Artgerecht, tiergerecht und in der Nähe. Die Sorge um die "meckernden Familienmitglieder" ist in dieser Zeit besonders hoch. "Es ist schon mal eine verschwunden. Ob es ein Wolf war, wissen wir nicht. Aber die Sorge steigt." Besonders seit im Landkreis Nürnberger Land ein Wolf nachgewiesen ist. Noch mehr, seit auch der Truppenübungsplatz Grafenwöhr keine wolffreie Zone mehr ist. Wölfe halten sich nicht an Reviergrenzen. Sie suchen Futter und legen dafür große Strecken zurück. Auch bis zu den Viehweiden der Familie Winter.

Weidenetze - auch elektrische - sorgen dafür, dass die Tiere nicht ausbüxen. "Ziegen klettern gerne. Und sehr gut." Wenn ein Tier eine Möglichkeit findet, von einer erhöhten Position über die Begrenzung zu springen, werden sie es auch tun. Nicht weil sie aus der "Gefangenschaft" fliehen wollen. Es liegt einfach in der Natur der neugierigen Burenziegen. 110 Zentimeter Zaun-Höhe halten die Tiere nicht auf. Einen hungrigen Wolf wohl auch nicht, vermutet Martin Winter: "Der kann sich auch drunter durchgraben." Eine Koppel ist etwa ein Hektar groß. Diese komplett zu umzäunen, sei praktisch nicht machbar. "Das ist ja keine ebene Wiese. Da gibt es sogar Sträucher, Bäume und Wald. Eine perfekte Deckung für den scheuen Wolf." Während der Freiluftsaison ist Martin Winter täglich bei seiner Herde. "Manchmal mehrmals am Tag." In der Zwischenzeit kümmern sich auch seine Hütehunde um die Tiere. Mehrere Working Australian Kelpies. Kelpies gehören zu den wenigen Rassen, die - falls erforderlich - auch über den Rücken von Schafen oder in Winters Fall eben Ziegen laufen. Perfekte Hunde, um die Tiere im Zaum zu halten und auch mal zu maßregeln. Klein, wendig, schnell, mit ausgeprägtem Hüte-Instinkt. Vor einem Wolf schützen können sie die Ziegen nicht. Die Kelpies sind einfach zu klein. Deswegen gehören seit Anfang Januar "Chili" und "Pepper" zum Rudel: Pyrenäenberghunde.

Herdenschutzhunde als Notmaßnahme



Die Herdenschutzhunde hat Martin Winter von einem befreundeten Ziegenzüchter aus Italien erhalten. Ihr Einsatz hat sich südlich der Alpen bereits bewährt. Ausgeprägte Wachsamkeit und imposante Größe gegenüber Eindringlingen aller Art und Gutmütigkeit gegenüber den "Schützlingen" zeichnen die Rasse aus. Den ersten Winter verbringen die weißen Welpen im Stall zusammen mit den Ziegen und den Kelpies. "Alle müssen sich aneinander gewöhnen und kennenlernen." Die Neuen müssen den Umgang mit den Schützlingen und den Hütehunden verstehen. "Sollte mal ein Kelpie eine Ziege antreiben und zwicken müssen, darf der Herdenschutzhund das nicht falsch interpretieren." Chili und Pepper sind nicht so "scharf" wie der Name vermuten lässt. Sie sind tapsig, neugierig, verspielt - wie andere Welpen auch. Ihre Aufgabe als Herdenschutzhund erfüllen sie durch "Präsenz", nicht durch Aggression.

Der Wert des Fleisches ist nicht so wichtig

Martin Winter überlegt, was er selbst noch tun kann, um seine Tiere zu schützen. "Die Möglichkeiten sind begrenzt." Sogar mit dem Gedanken an einen "Alarmesel" hat er schon gespielt. Dann aber wieder verworfen. "Ich kann doch die Ziegen nicht das ganze Jahr in den Stall sperren. Das ist doch kein Leben für so ein Tier." Kapitulieren vor einer möglichen Wolfsgefahr für seine Herde will er aber auch nicht. Er will, dass die "Wolfsliebhaber" verstehen, was ihn umtreibt. "Von mir aus können Millionen Wölfe durch die Gegend laufen. Es geht um das machbare Miteinander." Die verfügbaren Flächen seien groß genug, um Schaf- und Ziegenherden und einen Wolfbestand zu vertragen. "Wenn es zu Problemen kommt, muss man schnell handeln können." Rechtzeitig, bevor aus einem Wolf ein Problemtier wird. "Sender für alle bekannten Wölfe", beschreibt Martin Winter seine Idee für ein Wolfmanagement. "Dann kann man problemlos feststellen, ob sich ein Tier zu nahe an Siedlungen oder bewirtschafteten Gebieten herumtreibt." Dann sei auch Schluss mit Mutmaßungen und Verwechslungen. "Dann muss man aber Geld in die Hand nehmen." Vorsorge sei wichtig, Steuerung und Kontrolle. Entschädigungen für gerissene Tiere? Martin Winter zweifelt: "Es geht doch nicht um den Wert von 10 Kilo Fleisch. Es geht um die Rasse. Das Genmaterial dieser Zuchtlinie ist dann für immer verloren."



Bis Lösungen gefunden und umgesetzt sind, mit denen Züchter, Hirten und Naturschützer gemeinsam zufrieden sind, wird es noch dauern. Zu weit gehen derzeit noch die Vorstellungen von intakter Natur und Wirtschaftsherden auseinander. Bis dahin gilt für den Ziegenzüchter erhöhte Wachsamkeit. Martin Winter hat keine Angst vor dem Wolf. Er sorgt sich einfach um seine "Familienmitglieder".

Burenziege - Kelpie - Pyrenäenberghund Der Ursprung der Burenziege liegt in Südafrika. Wegen der geringen Milchleistung wird sie nicht gemolken. Sie gilt als reine Fleischziege. Das Fleisch gilt als besonders zart und schmackhaft ohne typischen Ziegengeruch.

Australian Kelpies werden etwas 45 Zentimeter hoch und erreichen ein Gewicht von rund 20 Kilogramm. Der allgemein als eifrig und intelligent beschriebene Hund hat eine natürliche Vorliebe für Hüteaufgaben.

Pyrenäenberghunde sind seit dem 15. Jahrhundert dokumentiert. Erwachsene Tiere erreichen eine Höhe von bis zu 80 Zentimeter. Aufgrund seiner ursprünglichen Verwendung als Schutzhund gegen Raubtiere zeichnet ihn eine hohe Wachsamkeit aus.

Schäferei oder Familie

Sven de Vries ist Wanderschäfer aus Bad Wurzach in Oberschwaben. Im Internet berichtet er bei Facebook, Twitter, Youtube, Instagram, Snapchat und in einem Blog über das Leben der Wanderschäfer. Er versucht so, einen Einblick in den Alltag zu geben und teils romantische, teils unreflektierte Vorurteile zurechtzurücken. Seine Follower bekommen so "Stück für Stück, mit jedem Tweet, ein umfassenderes Bild von mir und meinem Leben in einem uralten und wunderschönen Beruf". Auch er sorgt sich um seine Tiere, auch er setzt sich pragmatisch mit den Problemen auseinander, die ein Wolf oder ein Wolfsrudel auslösen können. Für ihn ist klar, Esel oder Zaun kann nicht die Lösung sein. "Wolfsrudel finden Wege." Eine 24-Stunden-Wache als Alternative? Sven de Vries: "Ja, aber ich wünsch mir eine Familie, möchte für die Kinder da sein." Eine Entscheidung für die Familie könne keine Entscheidung gegen die Schäferei sein.


Lernen vom Alpenraum

"Die Angelegenheit ist nicht leicht zu lösen." Der Amberger Biologe Rudolf Leitl ist Mitglied im "Netzwerk Große Beutegreifer" und Fachmann für Bär, Luchs und Wolf. Seit rund 200 Jahren sei Bayern und die Region wolffrei, jede Erfahrung im Umgang mit dem Wolf verlorengegangen. "Die Gesellschaft muss sich darauf einstellen, dass der Wolf wieder hier heimisch wird." Auch wenn noch die Angst vor dem Tier überwiege, habe dessen Anwesenheit auch positive Auswirkungen auf Wald und Wild. Rudolf Leitl versteht die Ziegenzüchter und Schäfer, die sich um ihren Tierbestand und damit die Geschäftsgrundlage sorgen. Herdenschutzhunde können ein Weg sein, die Zuchttiere zu schützen. "Die wachsen mit den Schafen auf, zum Schluss halten sie sich selbst für Schafe und beschützen die Herde." Das berge aber auch Probleme. "So ein Hund unterscheidet nicht zwischen Wanderer und Wolf. Er erkennt nur eine mögliche Gefahr für seine Herde." Da der Einsatz dieser Hunde seit Jahrzehnten im Alpenraum erfolgreich praktiziert wird, sei es sehr wahrscheinlich, dass es auch in Bayern klappt. "Von den Ländern, in denen der Wolf nie verschwunden ist, kann man viel lernen."

Wenn der Wolf angefüttert ist und dann auch mal zuschnappt - genau so wie ein Hund - dann ist der Teufel los. Das darf nicht passieren.Rudolf Leitl


Auch Rudolf Leitl hat eine Aufgabe für die Staatsregierung: "Gesetze werden von Menschen gemacht. Damit kann man sie auch mal ändern." In vielen Ländern Europas gebe es einen Weg für ein geregeltes Miteinander von Hirten, Herden und Wölfen. Dass es ausgerechnet in Deutschland oder in Bayern nicht funktionieren solle, daran will Rudolf Leitl nicht glauben. "Dort, wo der Wolf immer heimisch war, hat kaum jemand Angst vor ihm. Nur bei uns hat man automatisch Bilder einer blutrünstigen Bestie im Kopf." Rudolf Leitl will dieses Vorurteil entkräften. "Wölfe haben ein ausgeprägtes Sozialverhalten. Sie sind genauso neugierig und gesellig wie Menschen." Das sei auch der Grund, warum die Tiere in Siedlungsnähe unterwegs sein können. Haben sie gelernt, dass sie dort Futter finden, kommen sie immer wieder. Das müsse nicht sofort Probleme machen. "Aber wenn der Wolf angefüttert ist und dann auch mal zuschnappt - genau so wie ein Hund - dann ist der Teufel los. Das darf nicht passieren."

Managementplan seit Problembär Bruno

2006 wanderte der Bär JJ1 aus der italienischen Provinz Trentino längere Zeit im Bayerisch-österreichischen Grenzgebiet umher. Bekannt wurde das Tier als Bruno oder als Problembär. Ebenfalls 2006 wurde in der Nähe von Starnberg ein Wolf - ebenfalls aus dem Trentino - überfahren. Als Konsequenz hat die Bayerische Umweltverwaltung eine Arbeits- und Steuerungsgruppe "Wildtiermanagement/Große Beutegreifer" eingerichtet. Die Aufgabe der Gruppe: Pläne erstellen, wie mit herumwandernden, durchziehenden oder angesiedelten Bären und Wölfen umzugehen ist.



In der Stufe 1 behandeln die Pläne den Umgang mit ersten Sichtungen. Seit vermehrt Wölfe in Deutschland und in Nordbayern mittels Fotofallen oder Genanalysen aufgrund von Fellproben nachgewiesen sind, bekommt der Managementplan Stufe 2 eine erhöhte Bedeutung. Die Stufe 2 behandelt das Vorkommen von standorttreuen wenigen Tieren. Stufe 3 beschäftigt sich mit einer etablierten Population mit Reproduktion. Für den Umgang mit Wölfen gelten laut Managementplan einige "Eckpunkte". Dazu zählen unter anderem das Monitoring (Beobachtung und Auswertung von Daten) von zugewanderten und standorttreuen Wölfen, Handlungsempfehlungen für den Umgang mit auffälligen Wölfen sowie die Probleme, die eine Weidetierhaltung beeinflussen oder beeinträchtigen können. Ein Fazit im Plan: Es ist damit zu rechnen, dass in den kommenden Jahren weitere Wölfe in Bayern heimisch werden.

Artenschutz Der Wolf unterliegt in Deutschland dem Naturschutzrecht. Darüberhinaus ist er unter anderem durch das Washingtoner Artenschutzübereinkommen (WA) geschützt. Das WA wird in der Europäischen Union (EU) für alle EU-Staaten verbindlich durch eine Verordnung ( Nr. 338/97) umgesetzt. In der Berner Konvention ist der Wolf als streng zu schützende Art aufgeführt. Sie wird in der EU durch die Flora-Fauna-Habitat (FFH)-Richtlinie umgesetzt. Durch das Schutzsystem für den Wolf ist Fang und Töten freilebender Exemplare verboten. Ebenso ist die Störung der Tiere während Fortpflanzungs-, Aufzucht-, Überwinterung- und Wanderungszeiten sowie Besitz, Transport, Handel oder Tausch mit den Tieren verboten.



1 Kommentar
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Sandra Bohun aus Sulzbach-Rosenberg | 31.08.2017 | 15:17  
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