14.09.2017 - 21:14 Uhr
Oberpfalz

Patienten stöhnen über Preise Kein Rausch auf Rezept

Cannabis auf Kassenrezept - im Prinzip ist das möglich. Der Bundestag machte im März den Weg frei für die medizinische Anwendung der alten Nutz- und Heilpflanze. In der Praxis aber ist es für Patienten nach wie vor schwierig, an den Stoff heranzukommen.

Cannabisblüten können jetzt auch für medizinische Zwecke gegen Kassenrezept bezogen werden. Bild: dpa
von Gabriele Weiß Kontakt Profil

Amberg/Neumarkt/Vohenstrauß. Denn die Verschreibung der Droge ist an strenge Regeln gebunden - auch wenn der Arzt eine Cannabis-Therapie verordnet, müssen die Kassen zunächst in jedem Einzelfall eine Genehmigung erteilen. Das Patienteninteresse an Cannabis-Arzneimitteln sei allerdings deutlich spürbar: "Die AOK Bayern begrüßt die vom Gesetzgeber ermöglichte Behandlung schwerkranker Patienten mit Cannabis-Arzneimitteln", sagt Thomas Bär, Bereichsleiter im Privatkundenbereich der Direktion Amberg der AOK Bayern.

Mit Einschränkungen

"Die eingehenden Anträge betreffen aber nicht nur schwerkranke, häufig austherapierte Patienten, die der Gesetzgeber im Auge hatte", schränkt Bär ein. Die AOK Bayern prüfe daher die eingegangenen Anträge und behalte sich vor, den Medizinischen Dienst der Krankenkassen (MDK) für eine Begutachtung heranzuziehen.

Viele Anträge, sagt Bär, entsprächen auch nicht den gesetzlichen Vorgaben, etwa dass der Antrag auf Kostenerstattung vom Arzt zu begründen ist. "Erst auf dieser Basis können wir prüfen, ob wir die Kosten für eine Therapie mit Cannabis-Arzneimitteln überhaupt übernehmen dürfen." Wie viele Verordnungen tatsächlich aus den vorliegenden Anträgen hervorgehen, sei daher derzeit noch nicht abzusehen.

Mangelnde Erfahrung

Der auf pflanzliche Arzneimittel spezialisierte Neumarkter Pharma-Hersteller Bionorica ist derzeit der mit Abstand größte Anbieter von Medizinalhanf in Deutschland. Das Gesetz vom März sei ein echter Meilenstein, sagt Lion Pfeufer von der Unternehmenskommunikation. "Allerdings interpretieren verschiedene Kassen den Willen des Gesetzgebers unterschiedlich - auch regionale Unterschiede in der Umsetzung zeichnen sich ab." Das sei mangels Erfahrungswerten nicht anders zu erwarten gewesen. Bei einigen Kassen liege laut Presseberichten die Ablehnungsquote jedoch bei etwa 70 Prozent - "das scheint uns bei allem Verständnis für die Neuheit der Situation viel zu hoch".

Inwieweit die Kassen die Kostenübernahme für Cannabis-Präparate ablehnen, könnten die Apotheker nicht beurteilen, sagt Martin Wolf. Der Sprecher der Apotheker im Kreis Neustadt/WN und stellvertretende Bezirksvorsitzende im Bayerischen Apothekerverband erläutert: "Wir sehen ja nur die Rezepte, die der Arzt ausgestellt hat." Vor allem das Präparat Dronabinol in Tropfenform sei bereits in der Vergangenheit häufiger verordnet worden. Dronabinol entspricht dem in der Cannabispflanze enthaltenen Wirkstoff Tetrahydrocannabinol, kurz THC, der auch für die berauschende Wirkung des Hanfes verantwortlich ist.

Bionorica beobachtet nach eigenen Angaben, dass in vielen europäischen Staaten die Nachfrage nach exakt zu dosierenden Cannabiszubereitungen in höchster pharmazeutischer Qualität wachse. Die Neumarkter sind überzeugt, "dass Cannabis-Wirkstoffe bevorzugt in typischer Arzneiform eingenommen werden sollten, also zum Beispiel als Tropfen oder Kapseln". Man habe sich ganz bewusst dagegen entschieden, Cannabisblüten anzubieten, weil diese sehr umständlich einzunehmen seien. Das Rauchen von Cannabisblüten sei medizinisch nicht zu vertreten: "Es gilt als gesundheitsschädlicher als das Rauchen von Tabak, und eine gleichmäßige Dosierung ist so schon gar nicht möglich", heißt es von Bionorica: "Wir arbeiten daran, dass unser Cannabis-Wirkstoff Dronabinol in Deutschland möglichst bald als Fertigarzneimittel zugelassen wird."

Bionorica habe immer an seinen Wirkstoff Dronabinol geglaubt, der in einem sehr aufwendigen Verfahren aus Cannabisblüten isoliert und schon seit dem Jahr 2002 in Deutschland angeboten werde, sagt Pressereferent Pfeufer. "Allerdings wurden die Therapiekosten bisher nur selten von den gesetzlichen Krankenversicherungen übernommen." Für viele schwer kranke Patienten sei Dronabinol die einzige Möglichkeit gewesen, ihre Beschwerden zu lindern. "Für diese Patienten haben wir durchgehalten und uns von Jahr zu Jahr immer wieder entschieden, die Produktion entgegen wirtschaftlichen Erwägungen weiterzuführen und darüber hinaus sogar in die weitere Erforschung und Entwicklung dieses Wirkstoffes zu investieren."

Doch Dronabinol schlage nicht bei allen Patienten an, sagt Apotheker Wolf: "Manche müssen inhalieren." Zwar bevorzugten Pharmazeuten generell Reinstoffe, "denn diese sind chemisch definiert und standardisiert", wie Wolf erklärt. Inzwischen seien aber auch die medizinischen Cannabisblüten gut untersucht, und ihr THC-Gehalt schwanke nicht mehr so extrem. "Auf dem Schwarzmarkt ist das natürlich anders."

Nicht lieferbar

In der Apotheke würden die Blüten zunächst aufwendig geprüft und für das Inhalieren mit einem speziellen Verdampfer vorbereitet - "Rauchen ist nicht empfehlenswert" - sowie in äußerst kleinen Einzeldosen abgepackt. Das Problem der Apotheker: Momentan sind Cannabisblüten nicht lieferbar. "Sie müssen importiert werden, weil Cannabis bislang in Deutschland nicht angebaut werden durfte." Frühestens in zwei Jahren sei mit der ersten "heimischen Ernte" zu rechnen. Wolf lobt die Ärzte in der Region ausdrücklich: "Ich möchte betonen, dass sie aufgeschlossen und sehr verantwortungsvoll mit dem Thema umgehen."

Der Pharmazeut sieht für die medizinische Anwendung von Cannabis großes Potenzial. "Das ist eine interessante Wirkstoffgruppe, für deren Anwendung es viele Indikationen gibt." Allerdings müssten wohl noch einige Änderungen auf molekularer Ebene vorgenommen werden. Neben dem klassischen Wirkstoff THC sei auch das im Hanf enthaltene Cannabidiol pharmazeutisch interessant: "Da gibt es Hoffnung, zum Beispiel für einen Einsatz bei Epilepsie oder einer Chemotherapie."

Billig, sagt Wolf, sei die Therapie mit Cannabis zwar nicht - "aber wenn man bedenkt, wie viel etwa eine Krebstherapie, gerade in der Klinik, kostet, dann ist sie auch nicht teuer". Zumal die Behandlung eben ambulant erfolgen könne. In jedem Fall komme Cannabis erst als letztes Mittel der Wahl in Betracht, wenn andere Medikamente versagt hätten. "Und es muss eine gewisse Wahrscheinlichkeit gegeben sein, dass Cannabis im besonderen Fall auch wirklich hilft."

Das ist eine interessante Wirkstoffgruppe, für deren Anwendung es viele Indikationen gibt.Martin Wolf aus Vohenstrauß, stellvertretender Bezirksvorsitzender des Bayerischen Apothekerverbands
Die eingehenden Anträge betreffen aber nicht nur schwerkranke, häufig austherapierte Patienten, die der Gesetzgeber im Auge hatte.Thomas Bär, Direktion Amberg der AOK Bayern

Cannabis

Cannabis ist der botanische Name des Hanfes, der zu den ältesten Kulturpflanzen der Menschheit zählt. Seine Samen dienten als Nahrungsmittel und die Fasern unter anderem zur Herstellung von Seilen, Stoffen oder Papier. Im Zuge der Industrialisierung wurde der Hanf jedoch immer stärker zurückgedrängt.

Bereits seit über 4000 Jahren wird Hanf auch als Heilmittel genutzt. Cannabis ist reich an Inhaltsstoffen, von denen bisher circa 400 verschiedene entdeckt wurden. Darunter sind mehr als 100 sogenannte Cannabinoide, unter anderem die medizinisch interessanten Wirkstoffe Tetrahydrocannabinol (THC) und Cannabidiol (CBD). Die stärkste Wirksubstanz ist das berauschend wirkende THC. Allerdings enthalten nur die weiblichen Hanfpflanzen der Gattung "Cannabis sativa" (auf Deutsch so viel wie "gesäter Hanf") THC in größeren Mengen.

Bereits seit längerem auf dem Markt ist das THC-Präparat Dronabinol, das meist in Form von Tropfen verabreicht wird. Es wirkt unter anderem gegen Schmerzen, Spastik, Appetitlosigkeit und Übelkeit infolge schwerer Erkrankungen wie zum Beispiel Krebs oder Multipler Sklerose.

Konsumiert wird Cannabis meist in Form von Marihuana, also den getrockneten Blüten und Blättern, oder Haschisch, das aus dem Harz der Blütenstände gewonnen wird. In Deutschland gilt Cannabis als illegale Droge, der Besitz und Handel sind strafbar. Haschisch darf auch von Apothekern nicht abgegeben werden.

Damit die Cannabinoide ihre Wirkung entfalten, müssen sie stark erhitzt werden. Cannabis-Produkte werden daher meist pur oder mit Tabak in Zigaretten und Pfeifen jeglicher Art geraucht oder mit Vaporisatoren verdampft und inhaliert. Seltener ist die Beimischung in Getränke oder Speisen, zum Beispiel in Keksen und Tee. Wann die Wirkung eintritt, hängt von der Art des Konsums ab. Beim Rauchen setzen die Effekte meist unmittelbar ein, beim Essen zeitverzögert und in der Wirkung besonders schwer berechenbar. (m)

Quellen u.a.: https://drugscouts.de; www.drugcom.de; www.pharmazeutische-zeitung.de

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