06.04.2018 - 14:00 Uhr
Oberpfalz

Pfarrer mit Kind: Stefan Hirblinger im Interview Priester im Familienglück

Der Laufstall ist verwaist. Seine kleine Besitzerin ist mit der Mama bei der Oma. Ansonsten würde das kleine Fräulein munter durch das Wohnzimmer krabbeln. "Als Familie geht es uns gut gut", sagt Stefan Hirblinger. Doch eigentlich dürfte er gar keine haben.

Den Priester und Religionslehrer Stefan Hirblinger hat das Bistum Regensburg im Januar 2017 von seinem katechetischen und priesterlichen Dienst entbunden, wenige Tage zuvor war der damals 56-Jährige Vater geworden. Die Entscheidung für Frau und Kind hat er nicht bereut. Bild: Huber
von Kristina Sandig Kontakt Profil

Dass Stefan Hirblinger Familie hat, ist ungewöhnlich. Denn: Als katholischer Priester müsste er zölibatär leben. Seit Januar 2017 ist er suspendiert, weil er sich bewusst für Frau und Kind entschieden hatte. Jetzt ist Stefan Hirblinger ein fürsorglicher Vater, der sich mit seiner Lebensgefährtin die Aufgaben partnerschaftlich teilt. Und ein stolzer obendrein, wenn er erzählt, dass Töchterchen Judith mit knapp eineinviertel Jahren alleine stehen kann und das Kleinkind schon ein bisschen läuft, wenn es an der Hand geführt wird.

Blick auf Schwesternschule

Wenn Hirblinger aus dem Wohnzimmerfenster seiner Altstadt-Wohnung blickt, sieht er die Vils. Und dahinter gleich die Dr.-Johanna-Decker-Schulen. Viele Jahre waren Gymnasium und Realschule seine Wirkungsstätte als katholischer Religionslehrer. Und er wirkte als Priester, nicht nur in seiner sechsjährigen Kaplanszeit, sondern in all den 30 Jahren, in denen er sich berufen fühlte, Gott zu dienen. Das würde er noch gerne tun - in einer Form, in der es kirchenrechtlich nicht möglich ist.

"Ich bin ein später Vater, aber ich fühle mich nicht alt", sagt der 57-Jährige. Wenn er auf sein Leben zurückblickt, dann hätte er eine Sache anders machen sollen, sagt er selbstkritisch: Vom katholischen Internat nicht gleich aufs Priesterseminar wechseln. Heute meint er, eine Zwischenzeit - Berufsausbildung oder Bundeswehr - wäre eine bessere Entscheidungshilfe gewesen.

Stefan Hirblinger bezeichnet sich als Spätzünder. Er hatte als Jugendlicher keine Freundin. Nicht mit 17. Nicht mit 18. Nicht mit 20. Mit 25 wurde er zum Priester geweiht. Eine für ihn richtige und passende Entscheidung - damals. Inklusive Zölibat. Auch dies war lange Zeit für ihn akzeptabel. "Ich habe damals die kommenden Veränderungen nicht sehen können", sagt er heute. Er habe nicht wissen können, dass er sich in eine Frau verlieben würde, dass beide sich bewusst für ein Kind entscheiden würden. Die Entfremdung von der Leitung der Kirche und deren Linie kam bei ihm schleichend, unter anderem nach dem Ausstieg der katholischen Kirche aus der Schwangerenkonfliktberatung.

"Leben sprengt die Form"

Und immer mehr fragte er sich, ob seine Kirche pastoral und menschlich im 21. Jahrhundert noch in die richtige Richtung laufe. Als Beispiel nennt er das Zölibat. Für die Kirche gehört es wesensmäßig zum Priestertum. "Doch die Kirche muss sich auch fragen, ob das dem sich wandelnden Leben entspricht." Hirblinger zitiert die Heilige Schrift. Darin sagt Jesus über die Ehelosigkeit: "Wer es fassen kann, der fasse es." Für Stefan Hirblinger steht nicht eine Lebensentscheidung wie seine Priesterweihe im Mittelpunkt, sondern das Leben selbst. "Und das Leben sprengt oft die Form." Deshalb sitzt er an einem Donnerstagvormittag in seinem Wohnzimmer, inmitten von Kinderspielzeug. Zwei Dinge vermisst er von seinem bisherigen Leben: den Religionsunterricht an Gymnasium und Realschule sowie die Predigten. 20 Jahre war er Seelsorger für die Menschen in Paulsdorf, teilweise übernahm er als Vertreter des damaligen Pfarrers Bruno Todt die Sonntagsmessen in Dreifaltigkeit.

Unterrichtet "Zukunft"

Beruflich hat Hirblinger wieder ein bisschen Fuß gefasst. Er unterrichtet an der Schönwerth-Realschule das Fach Zukunft und ist Dozent an der Ostbayerischen Technischen Hochschule für Ingenieurs- und Unternehmensethik. "Das ist eine Herausforderung, macht mir aber viel Freude", sagt er über seine Lehr-Tätigkeit. Neu ist für Hirblinger, dass er als Freiberufler Rechnungen schreibt.

Von zahlreichen Menschen hat er seit seiner bewussten Entscheidung für Frau und Kind viel Zuspruch erfahren. Viele hätten ihren Respekt bekundet, wie offen und ehrlich er mit seiner Situation umgehe. Der Kontakt zur früheren Schule ist abgeflaut. "Es würde auch zu viele Wunden aufreißen", sagt Hirblinger als Begründung. Und man merkt, dass er gerne weiter unterrichtet hätte an den Decker-Schulen. Ebenso gerne hätte er als Priester weiterhin gepredigt - schmerzlich bewusst, dass dies Vergangenheit ist, wird es ihm, wenn er bei Gottesdiensten hinten in der Kirche sitzt und vorne den Zelebranten sieht. "Ich bin ein am Rande der Kirche Stehender, aber noch mit vollem Herzen dabei", sagt er über seinen Glauben. Angemerkt

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