25.10.2017 - 16:42 Uhr
Oberpfalz

Priester Stefan Hirblinger: Familie statt Kirche Für das Bistum ein Gefallener

Sein Fall sorgte im Januar bundesweit für Schlagzeilen: Stefan Hirblinger, katholischer Priester und Lehrer, liebt eine Frau und wird Vater. Das Bistum suspendiert ihn vom Schuldienst und nimmt ihm alle Rechte, die ein Geistlicher hat. Am Dienstag erzählte der 57-Jährige seine Geschichte. Ohne Vorwürfe, aber dennoch mit teils sehr deutlichen Worten.

"Was ich denke - was ich glaube": Stefan Hirblinger musste nicht lange überlegen, als ihn das Evangelische Bildungswerk gefragt hatte, ob er seine Geschichte erzählen möchte. Mittlerweile ist der 57-Jährige als freiberuflicher Lehrer im Auftrag der Zukunftsakademie tätig. Bilder: Wolfgang Steinbacher (2)
von Thomas Kosarew Kontakt Profil

Siegfried Kratzer, der Vorsitzende des veranstaltenden Evangelischen Bildungswerks, konnte sich nicht daran erinnern, wann der Saal im Paulaner-Gemeindehaus in jüngerer Vergangenheit einmal so überfüllt war wie am Dienstagabend. Pfarrer Reinhard Böttcher zählte gut 150 Zuhörer, die den Worten Hirblingers teilweise im Stehen folgten. Den Autokennzeichen vor der Haustür nach zu urteilen, kamen die Gäste teils bis aus Nürnberg, Würzburg und Regensburg. Sie alle warteten auf den Vortrag, den Kratzer so ankündigte: "Er hätte in Amt und Würden bleiben können, wenn er geschwiegen hätte. Wenn er Frau und Kind verlassen hätte. Aber das hat er nicht."

Im Ausnahmezustand

"Was ich denke - was ich glaube" war der Auftritt des gebürtigen Parsbergers Hirblinger überschrieben, der kein Blatt vor den Mund nahm und sein Innerstes nach außen kehrte. Das, was ihm in diesem Jahr widerfahren ist, sei das Ergebnis einer Entwicklung, die sich über die Jahre hinweg abgezeichnet habe: "Ich wusste, dass es einen Tag im Leben gibt, an dem sich alles ändern würde." Er und seine Partnerin Patricia seien schon länger ein Paar gewesen. Heimlich. Der Wunsch nach Familie und einem Kind habe sich mit der Zeit verdichtet. Als Tage des existenziellen und emotionalen Ausnahmezustands beschrieb Hirblinger den Januar dieses Jahres: Am 18. die Suspendierung, drei Tage später die Geburt von Töchterchen Judith.

"Ich konnte mir keine versteckte Beziehung zu Frau und Kind vorstellen", sagte der 57-Jährige, der zuvor seinen immer wieder von Zweifeln geprägten geistlichen Werdegang beschrieben hatte (siehe extra Bericht). Ende 2016 sei er zu dem Entschluss gekommen, nicht mehr mit dem Geheimnis leben zu wollen, eine Frau zu lieben und Vater zu werden. Hirblinger, der 1986 zum Priester geweiht wurde, und ab 1992 an den Amberger Decker-Schulen als Lehrer tätig war, vertraute sich zunächst seiner Mutter an: "Ein sehr schwieriges Gespräch. Es war nicht leicht für sie." Als Nächstes habe er sich seinen Brüdern anvertraut, die gelassen, souverän und mit Freude auf die Nachricht reagiert hätten. Dann seien die wesentlich schwereren Schritte gefolgt: Schulleitung und Bistum.

Gespräch mit Bischof

"Ich würde gerne weitermachen, aber gleichzeitig zu Frau und Kind öffentlich stehen", sagte Hirblinger im persönlichen Gespräch mit Rudolf Voderholzer. Nach einer Zeit des Schweigens betonte der Bischof, dass er nur sehr ungern einen Priester verliere. Andererseits stehe Hirblingers Weiheversprechen im Raum. Nach einem 45-minütigen Gespräch, in dem Argumente zum Zölibat und zum Priesterbild ausgetauscht wurden, sei es eine Woche später die Aufgabe des Generalvikars gewesen, die kirchenrechtlichen Konsequenzen zu ziehen und die Suspendierung auszusprechen. In dem Gespräch seien auch Vorwürfe geäußert worden, Hirblinger habe ein Doppelleben geführt und das Bistum zu spät über seine Situation informiert. Bemühungen, Hirblinger im kirchlichen Dienst zu belassen, habe es nicht gegeben. Niemand aus der Bistumsleitung, laut Stefan Hirblinger mit einer einzigen Ausnahme, habe sich in den vergangenen Monaten nach ihm oder auch nach seiner Tochter erkundigt. "Ich spürte schon, dass man aufseiten der Amtskirche als gefallen gilt. Der Hirblinger, der gehört jetzt nicht mehr zu uns."

Doch die Liebe zu seiner Familie und der Rückhalt aus der Bevölkerung hätten ihm geholfen, diese schwere Phase zu überstehen: "99,9 Prozent waren Respekt und Zustimmung." Ein mittlerweile verstorbener Paulsdorfer, den Hirblinger namentlich nicht nannte, den er aber "weit über den Tod hinaus" schätze, habe zum Nachwuchs gratuliert und mit Blick auf mögliche weitere Kinder gesagt: "Fünfe wünsche ich euch."

Glaube zwischen tiefer Überzeugung und wachsenden Zweifeln

Bevor Stefan Hirblinger die wichtigste Entscheidung seines Lebens schilderte, blickte er auf seine jungen Jahre zurück, in denen er sich ganz bewusst für einen geistlichen Beruf entschieden hatte, als aber auch erste Zweifel aufkamen. In einer gläubigen Familie aufgewachsen, reifte noch vor dem Abitur der Entschluss, sich in den Dienst der Kirche zu stellen: "Sie stand damals mitten in der Gesellschaft. Ich dachte: Da kannst du was bewegen. Das Thema Familie war für mich noch weit weg." Priesterseminar, Freisemester in Rom und persönliche Begegnungen mit dem späteren Papst Benedikt XVI. prägten den jungen Hirblinger, der aber stets "mit diesem Fragezeichen gelebt" habe: "Du wirst nie eine Frau und Familie haben." Aber: "Ich gehe diesen Weg. Ich schaffe das." Heute stellt sich der 57-Jährige diese Frage: "Kann man eine solche Entscheidung, die die Amtskirche von einem verlangt, in so jungen Jahren überhaupt treffen? Für das ganze Leben?" Die Antwort gab Hirblinger selbst: "Ich denke, es ist unredlich, so eine Entscheidung, die so sehr in das Persönliche eingreift, von einem jungen Menschen zu verlangen." Im Laufe der Zeit habe der Zölibat für ihn immer mehr an Plausibilität verloren. Hirblinger verglich den Verzicht auf Sexualität, Ehe und Familie mit einem Felsblock, "der immer mehr verwittert". Anfangs schlummernde Zweifel seien immer stärker in Erscheinung getreten. Negativ beeinflusst hätten ihn auch Aussagen des ehemaligen Bischofs Gerhard Ludwig Müller: "Priester brauchen keinen freien Tag. Sie sind rund um die Uhr für die anderen da. Da kriegt man einen dicken Hals, wenn man das gelegentlich hört." Bei der Amtskirche sei er schon 2005 in Ungnade gefallen, weil er öffentlich den Rücktritt des von Alter und Krankheit gezeichneten Papstes Johannes Paul II. ins Spiel gebracht hatte: "Die Leute, die mich gemaßregelt haben, waren die gleichen, die bei Ratzingers Entscheidung gejubelt haben. Da habe ich dann schon sehr gezweifelt." (tk)

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