09.02.2018 - 15:00 Uhr

Projekt läuft nach drei Jahren wie geplant aus Wundernetz im wahrsten Sinne

Sie sind Träger des Inklusionspreises des Bezirks Oberpfalz. Und doch sind es vor allem die kleinen Begegnungen und Erlebnisse, die das Projekt Wundernetz besonders machen. Jetzt neigt es sich dem Ende zu. Es war von Anfang an auf drei Jahre ausgelegt.

Hürden abbauen, Teilhabe ermöglichen - das ist das Ziel des Projekts Wundernetz in Amberg. Symbolbild: dpa
von Andrea Mußemann Kontakt Profil

Die Abschlussveranstaltung steht am Donnerstag, 22. Februar, auf dem Programm. Dort werden Menschen mit und ohne Behinderung aus sechs Arbeitsgruppen ihre Tätigkeitsschwerpunkte vorstellen. Projektleiterin Hildegard Legat und -assistentin Monika Ehrenreich ziehen im Interview Bilanz.

Frau Legat, hat sich das Wundernetz zu dem entwickelt, was Sie sich erhofft hatten?

Hildegard Legat: Die Vorstellungen waren am Anfang nicht so konkret. Es hat sich vieles erst ergeben, womit wir anfangs nicht gerechnet haben. Ich denke aber, wir können auf wirklich gute Jahre zurückblicken. Das merkt man am Gespräch mit den Betroffenen selber. Menschen mit Behinderungen sind wirklich sehr stolz auf das, was sie geleistet haben und dass sie in die Verantwortung genommen wurden.

Wie haben Sie Menschen mit Behinderung in die Verantwortung genommen?

Legat: Bei Menschen mit geistigem Handicap ist es immer noch so, dass man gerne für sie entscheidet. Man neigt dazu, sie zu behüten und zu beschützen. Dieser Drang ist da. Es ist leichter, Menschen zu behüten, als freizulassen, und es ist schwierig, einen Menschen freizulassen und nicht alleine zu lassen. Es ist schwierig, aber das ist uns gelungen.

Wie zum Beispiel?

Monika Ehrenreich: Wir haben drei Menschen mit Behinderung, die selbst Kurse gehalten haben. Wir haben ihnen die Sicherheit gegeben, aufzutreten, zum Beispiel mit Tandem-Lösungen. Ein Bäckergeselle gab gemeinsam mit einer Hauswirtschaftslehrerin einen Kurs. Beim libanesischen Kochkurs war die ganze Familie dabei. Oder auf Aktionstagen haben die Menschen mit Behinderung sich getraut, Menschen anzusprechen, aber sie waren natürlich nicht alleine unterwegs. Wenn man alleine dasteht, ist es eben blöd.

Wie haben die Menschen mit Behinderung diese Aktionen empfunden?

Legat: Sie haben in Freising beim Landesverband der Lebenshilfe ihr Projekt zum ersten Mal selber vorgestellt und waren natürlich total aufgeregt, aber ganz schick mit Jacket gekleidet. Die Kollegen von der Jahrestagung der Offenen Behindertenarbeit in ganz Bayern waren sehr überrascht, wie selbstsicher sie die Präsentation rübergebracht haben. Das waren sie von Menschen mit Behinderung bislang nicht gewöhnt. Sie sind mit dem Projekt gewachsen und konnten besser ihre Meinung vertreten und besser ihre Ideen realisieren.

Woran lag das?

Ehrenreich: An der Vertrautheit. Egal ob Professor, Dozent, Studioleiter von OTV - wir waren immer schnell beim Du. Das war aber ein Du auf Augenhöhe und nicht nach dem Motto: Hascherl, jetzt nehme ich mir Zeit für dich.

Legat: Und es waren tolle Gruppenleiter. Wir waren schon überrascht, wie sie sich auf die Menschen einstellen konnten. Man hat richtige Zuneigung gespürt.

Wie viele Menschen trafen sich im Wundernetz regelmäßig?

Legat: Um die 60, davon 50 Prozent mit Behinderung, aufgeteilt in sechs Arbeitsgruppen.

Was wurde bislang aus den einzelnen Gruppen umgesetzt?

Legat: Die Gruppe der Bildungsträger hatte beispielsweise den Auftrag, die Programmhefte zu überarbeiten. Dort fanden sich bis dahin sehr wenig Bilder, alles war grau in einer kleinen Schrift. Jetzt ist das anders. Die Leute aus der Arbeitsgruppe haben dafür gesorgt, dass Angebote, die für sie interessant sind, in einer größeren Schrift gedruckt werden und Bilder vorkommen.

Ehrenreich: Sie haben dann schließlich auch an der Planung des Kurses mitgearbeitet: Gibt es dort eine barrierefreie Toilette oder ähnliches?

Legat: Um all das umzusetzen, dafür sind drei Jahre fast zu kurz. Auch Eltern von Menschen mit Behinderung oder deren gesetzliche Vertreter müssen überzeugt werden, dass das Kind wohin darf, nicht nur zu uns in die Offene Behindertenarbeit. Es braucht die Erkenntnis, dass man niemanden explizit darauf vorbereiten muss, wenn mal ein behinderter Mensch in der Gruppe ist. Das ergibt sich von alleine.

Wie soll es nach dem Wundernetz weitergehen?

Legat: Wir haben ein weiteres Projekt bei der Aktion Mensch beantragt. Es geht wieder über drei Jahre und es hat neue Ziele. Zum Beispiel, dass Leute aus Organisationen in Werkstätten gehen, um dort ihre Arbeit vorzustellen. Aber es ist nicht so leicht, ein zweites Projekt zu bekommen. Wir wollen aufbauen auf etwas, was schon drei Jahre gelaufen ist, mit selben Namen, aber neuen Zielen. Ob das bei Aktion Mensch so verstanden wird, kann ich nicht sagen. Die Entscheidung liegt bei der Aktion Mensch.

Ehrenreich: Wir könnten uns vorstellen, ein Lernfest zu veranstalten. So etwas ähnliches findet in Hamburg statt. Da gibt es Essen und Getränke, Dozenten stellen Kurse vor und Menschen mit Behinderung erklären wie es ihnen dort gefallen hat.

Legat: Wir hoffen sehr, das die Arbeitsgruppen in den Bildungswerken bleiben. Inklusion ist auch eine Haltung. Man fördert oder hindert sie.

Was waren Ihre persönlichen Höhepunkte in den drei Jahren?

Legat: Das war die Verleihung des Inklusionspreises der Oberpfalz. Da waren wir alle sehr stolz. Und unsere inklusiven Fortbildungen, zum Beispiel ein Erste-Hilfe-Kurs. Da krabbelt dann ein Rollstuhlfahrer am Boden und macht Wiederbelebung. Das ist schon beeindruckend.

Ehrenreich: Jedes Treffen war nett. Ich habe die Prüfergruppe für die leichte Sprache betreut. Und ich kam dort immer hin mit meinen hehren Texten und dann kam oft: Das kann man doch viel einfacher sagen. Und ich musste dann zugeben: Ja, stimmt. Geht. Man wird regelmäßig eingenordet.

Legat: Und was ich sehr genossen habe, gerade in der Funktion als Leiterin, ist das große Netzwerk, das dabei entstanden ist.

Ehrenreich: Jeder kennt wieder jemanden. Ein wahres Wundernetz.

Hat sich aus den Untersuchungen zur Barrierefreiheit in der Innenstadt etwas verändert?

Ehrenreich: Nein, das glaube ich nicht. Auf Dauer barrierefrei wird es nur, wenn die DIN-Normen erfüllt sind. Drehtüren sind zum Beispiel die Hölle für Blinde, auch Glastüren sind gemein. Ohne Merkmale auf dem Boden geht es nicht. Es gibt lauter kleine Dinge, die irgendwann umgesetzt werden müssen. Dafür ist auch das Inklusionsbündnis Amberg-Sulzbach da, das ist nicht unser Job gewesen. Aber wenn es langfristig dorthin gehen soll, braucht es Investitionen. Und viele kennen einfach Hilfsmittel nicht. Aber sie sind so einfach: Man müsste eine Treppe nur auf der ersten und letzten Stufe mit Kontrastfarbe behandeln - auch wenn es vielleicht nicht zum Design passt. In Schweden und Norwegen ist das schon viel verbreiteter: Es ist nötig, also macht man es.

Legat: Egal ob unser Projekt weitergeht oder nicht, die Lebenshilfe hat mittlerweile jemanden angestellt, der Texte auf leichte Sprache überprüft.

Ehrenreich: Insgesamt gesehen haben wir viel angestoßen. Inklusive Stadtführungen zum Beispiel. Aber es braucht beharrliches Buddeln und dafür reichen die drei Jahre nicht.

Jedes Treffen war nett. Man wurde dort regelmäßig eingenordet.Projektassistentin Monika Ehrenreich
Es ist leichter, Menschen zu behüten, als freizulassen, und es ist schwierig einen Menschen freizulassen und nicht alleine zu lassen.Projektleiterin Hildegard Legat
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