Ratgeber Gesundheit am Klinikum
Mythos vom Killerkeim

Jens Schlör, der Leiter der Intermediate Care Station am Klinikum St. Marien, warnt vor falschen Ängsten: "Alle Erreger, die in einem Krankenhaus vorkommen, gibt es auch überall anders." Bild: Mariella Kramer (Klinikum St. Marien)

Immer öfter ist von Krankenhaus- oder gar Killerkeimen die Rede. Doch was verbirgt sich hinter diesem Begriff? Jens Schlör vom Klinikum informierte bei der Vortragsreihe Ratgeber Gesundheit über multiresistente Erreger.

Amberg. (tk) Der Leiter der Intermediate-Care-Station, also der Überwachungsstation für Patienten mit erhöhtem Pflegeaufwand, machte von Beginn an unmissverständlich klar: "Auf meiner Station habe ich täglich mit Keimen zu tun. Der Begriff Krankenhauskeim ist allerdings irreführend und schürt Ängste. Denn alle Erreger, die in einem Krankenhaus vorkommen, gibt es auch überall anders." Nur mit dem Unterschied, dass das Immunsystem kranker oder frisch operierter Menschen diese Erreger nicht so gut in Schach halten könne wie ein gesunder Mensch.

Für den Oberarzt ist es laut einer Mitteilung aus St. Marien grundlegend entscheidend, Krankenhaus-assoziierte Infektionen und resistente Bakterien voneinander zu unterscheiden, da erstere nur zu einem sehr geringen Anteil (sechs Prozent) mit resistenten Bakterien zu tun hätten. Zu den multiresistenten Erregern zählten Keime, die im Laufe der Zeit erfolgreich Abwehrmechanismen gegen bestimmte Antibiotika entwickelt haben. Doch wie erlangen Bakterien diese Fähigkeit?

Zu viel Antibiotikum

Jens Schlör sah dafür mehrere Gründe: "Der Glaube, Antibiotikum sei ein Allheilmittel, ist nach wie vor in vielen Köpfen verankert. In Deutschland wird deshalb wesentlich öfter Antibiotikum verschrieben, als beispielsweise in den skandinavischen Ländern." Hinzu komme, dass immer wieder Patienten kämen, die Medikamente falsch einnehmen - also entweder eine zu geringe Dosis oder aber das Mittel frühzeitig absetzen, weil sie sich besser fühlen. Auch der massenhafte Einsatz von Antibiotika in der Tierhaltung trage entscheidend dazu bei, dass immer mehr Menschen gegen bestimmte Wirkstoffe Resistenzen aufweisen.

Die Quelle für die Infektion mit multiresistenten Erregern sei dabei meist der Mensch selbst. Schlör: "Denn ohne es zu wissen, tragen wir Bakterien auf und in uns. Das ist auch nicht weiter schlimm. Nicht einmal, wenn es sich um multiresistente Keime handelt, solange wir gesund sind. Doch bei einem geschwächten Immunsystem, nach einer frischen OP oder durch das Legen einer Drainage oder eines Katheters können die Erreger Infektionen auslösen" - und das mit teilweise schwerwiegenden Folgen.

Extra Hygiene-Abteilung

Damit solche Fälle von vornherein vermieden werden, gebe es in St. Marien verschiedene Teams, die sich mit der Frage beschäftigen, wie sich multiresistente Erreger besser in Schach halten lassen: Allen voran das Institut für Laboratoriumsmedizin und Mikrobiologie sowie eine eigene Hygiene-Abteilung. Auch der Einsatz von Antibiotika werde sehr genau unter die Lupe genommen. Das Team kläre genau ab, ob ein Patient beispielsweise von einem multiresistenten Keim besiedelt ist. Bei der Wahl des Medikaments werde zudem darauf geachtet, welches Antibiotikum am gezieltesten wirkt, um so die Nebenwirkungen und mögliche Resistenzen so gering wie möglich zu halten.

Da viele Bakterien von außen kommen, könnten auch Besucher dazu beitragen, das Infektionsrisiko für Patienten zu minimieren: "Wir haben am Haupteingang und überall auf den Stationen und in den Zimmern Spender zur Händedesinfektion, die Sie vor und nach Ihrem Krankenbesuch nutzen sollten", ließ der Experte wissen. Als Tipp für Zuhause empfahl Schlör: "Keine antibakterielle Seife verwenden, auf den sachgemäßen Umgang mit Antibiotikum achten und nach der Zubereitung von rohem Fleisch das Schneidebrett und das Messer nicht weiter verwenden, sondern direkt reinigen." So könne jeder einen Beitrag leisten, Resistenzen gegen Antibiotika zu vermeiden.

Der nächste TerminMit dem Ratgeber Gesundheit geht es am Dienstag, 14. November, weiter. Dann klärt Professor Andreas Luchner, Chefarzt der Klinik für Innere Medizin I, über das "Herz im Fokus" auf. Beginn ist um 18 Uhr im Klinikums-Speisesaal. Der Eintritt ist kostenlos.


Auf meiner Station habe ich täglich mit Keimen zu tun. Der Begriff Krankenhauskeim ist allerdings irreführend und schürt Ängste.Oberarzt Jens Schlör
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