15.01.2017 - 17:54 Uhr
Oberpfalz

Reform der Pflegeversicherung Maß der Selbstständigkeit entscheidet

Wolfgang Hahn ist seit sechs Jahren pensionierter Kommunalbeamter. Als er noch beim Amberger Sozialamt war, hatte er tagtäglich mit sozialen Themen in den unterschiedlichsten Ausprägungen zu tun. Diese langjährige Erfahrung gibt er ehrenamtlich in vielen Info-Veranstaltungen weiter.

Wolfgang Hahn empfiehlt Pflegenden, ein Tagebuch zu führen. Gutachter könnten daraus wichtige Informationen ablesen. Bild: zig
von Hubert ZieglerProfil

Für die AZ erläutert Hahn die wichtigsten Änderungen und Zielsetzungen des Gesetzgebers zur Reform der Pflegeversicherung, die zum 1. Januar in Kraft trat.

Herr Hahn worum geht es bei der Reform der Pflegeversicherung?

Wolfgang Hahn: Die soziale Pflegeversicherung hilft ja seit 1995 den Betroffenen und ihren Angehörigen, ihre schwierige Lebenssituation zu meistern. Aufgrund der geänderten demografischen Situation und der zunehmend höheren Lebenserwartung sah sich der Gesetzgeber nun mit dem vorliegenden Zweiten Pflegestärkungsgesetz (PSG II) gehalten, eine bessere Versorgung, auch der Demenzkranken, zu gewähren.

Was heißt das konkret?

Es ist nun ein Perspektivwechsel in der sozialen Pflegeversicherung eingetreten. Bisher wurde die Pflegebedürftigkeit in drei Pflegestufen (I, II, III) begutachtet und zugeordnet, dabei wurden in hohem Maße die körperlichen Einschränkungen betrachtet. Für Pflegeversicherte mit dauerhaft erheblich eingeschränkter Alltagskompetenz, wie zum Beispiel Demenzkranke, sind schon seit dem Jahre 2013 Leistungen aus der Pflegestufe 0 möglich. Bisher wurden jedoch Menschen mit psychischen oder kognitiven Beeinträchtigungen wie Denken, Verstehen oder Wissen nicht in gleicher Weise wie diejenigen mit rein körperlichen Beeinträchtigungen berücksichtigt. Die aktuell vorliegende Pflegereform beendet nun diese Ungleichbehandlung.

Was ändert sich jetzt in der Begutachtung?

Durch ein grundlegend neues Verfahren wird bei der Pflegebegutachtung künftig das Maß der Selbstständigkeit erhoben und nicht mehr wie bisher die einzelnen Aufwände für die pflegerische und hauswirtschaftliche Versorgung in Minuten gemessen. Über die Leistungshöhe in der Pflegeversicherung entscheidet also künftig, was jemand noch selbst bei der Alltagsbewältigung kann bzw. in welchem Umfang er Unterstützung braucht. Alle Pflegebedürftigen erhalten also künftig gleichberechtigten Zugang zu Pflegeleistungen, unabhängig davon, ob sie an körperlichen, kognitiven (Denken, Verstehen, Wissen) oder psychischen Einschränkungen leiden. Künftig haben also insbesondere Menschen, die an Demenz leiden, einen Anspruch auf höhere finanzielle Unterstützung durch die Pflegeversicherung.

Was folgt daraus künftig in der praktischen Einstufung in die neuen Pflegegrade?

Die Schwere der Pflegebedürftigkeit wird künftig anhand der neuen fünf Pflegegrade (1, 2, 3, 4, 5) beschrieben, die die bisherigen drei Pflegestufen ablösen. Pflegebedürftige mit bisher erheblich eingeschränkter Alltagskompetenz werden nun zum Beispiel künftig um zwei Grade höher eingestuft. Auch für pflegende Angehörige können verbindliche Leistungen für Sozialbeiträge und Familienpflegezeiten übernommen werden.

Gibt es einen Bestandsschutz für Leistungsbezieher, die bereits vor der Änderung des Gesetzes Leistungen aus der Pflegeversicherung erhalten haben?

Ja, die betroffenen Versicherten werden ohne neue Begutachtung von der ursprünglichen Pflegestufe in den entsprechenden neuen Pflegegrad übergeleitet. Die Umstellung erfolgt dabei automatisch, ohne dass es eines Antrags durch den pflegebedürftigen Versicherten bedarf.

Welche Faktoren sind bei der Pflegebegutachtung ausschlaggebend?

Es gibt es sechs elementare Bereiche, mit denen geprüft wird, in welchem Maße eine selbstbestimmte Lebensführung möglich ist: Mobilität, kognitive und kommunikative Fähigkeiten, Verhaltensweisen und psychische Problemlagen, Selbstversorgung, Bewältigung und Umgang mit krankheitsbedingten Anforderungen und Belastungen, Gestaltung des Alltagslebens und sozialer Kontakte.

Wie können sich Pflegende auf die Begutachtung vorbereiten?

Ich möchte dringend anraten, sich auf eine bevorstehende Pflegebegutachtung gut und sehr sorgfältig vorzubereiten. Der Gutachter sollte durch persönliche Aufzeichnungen des Pflegenden, zum Beispiel mit einem Tagebuch, wichtige Informationen über die psychischen und kognitiven Aspekte während des gesamten Tag-und-Nacht-Rhythmus' erhalten.

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