01.03.2018 - 14:24 Uhr

Richtiges Zweifeln ist gar nicht so einfach Zum Beispiel Claudia

Wenn Philosophen möglichst einfach erklären wollen, was ihnen so durch den Kopf geht, kann es schon mal kompliziert werden. Vernünftige Zweifel sind nämlich schwerer als gemeinhin gedacht.

Sie gelten als Geisteswissenschaftler durch und durch. Der Philosophie-Lehrstuhlinhaber Prof. Gerhard Ernst ist jedoch auch Diplom-Physiker und spricht gerne über das Phänomen der "intellektuellen Spannung". Bild: Steinbacher
von Michael Zeissner Kontakt Profil

Skeptisch die Stirne zu runzeln, reicht jedenfalls nicht. Das sagt Prof. Gerhard Ernst. Der Lehrstuhlinhaber für Philosophie an der Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg (FAU) muss es wissen. Doch mit dem Wissen ist es halt so eine Sache. Zumal für einen Erkenntnistheoretiker wie Ernst. Im zweiten Vortrag der 39. Universitätstage setzte er deshalb alles dran, seinen Zuhörern zu vermitteln, dass Skepsis im philosophischen Sinne ein intellektuelles Schwergewicht ist. Eine verbreitete Reaktion des Publikums: Stirnrunzeln.

"Täuschungen" lautet heuer das Thema der Universitätstage. Und ausgerechnet ein ausschließlich der Rationalität verpflichteter Philosophie-Professor kündigte an, über "Träume und böse Dämonen: Täuschungen in der Philosophie" zu sprechen. "Wer kann mit Sicherheit ausschließen, dass es Dämonen nicht gibt?", fragte Ernst unter Verweis auf altgriechische Denkerklassiker in die beachtliche Zuhörerrunde. "Eigentlich keiner", dürfte vielen durch den Kopf gegangen sein.

Spätestens an diesem Punkt war der Professor an einer seiner Kernaussagen angelangt. "Das ist nichts, was uns im Alltag unbedingt umtreibt", räumte der Referent freimütig ein. Wer sich jedoch philosophisch mit der Frage beschäftige, ob Wissen überhaupt möglich sei, müsse sich zuvor ernsthaft fragen, welche Kriterien er als unverzichtbar erachtet, um Wissen im absoluten Sinne erst einmal zu definieren. Nur tragfähige Gegenargumente akzeptiert Ernst als Skepsis. Sein Angebot einer in der Philosophie gängigen Definition: "Wissen ist eine wahre gerechtfertigte Überzeugung."

Wie im richtigen Leben

Was er damit meint, veranschaulichte der Lehrstuhlinhaber an einem auf den ersten Blick alltagstauglichen Beispiel. Das geht so. Ein Mann kommt aus der Stadt nach Hause und erzählt seiner Ehefrau, er habe gerade die gemeinsame Bekannte Claudia auf dem Marktplatz getroffen. Die Gattin zieht das in Zweifel, indem sie antwortet, Claudias Zwillingsschwester sei doch gerade in der Stadt. Die von der Frau formulierte Skepsis erscheint nun auch dem Ehemann als nicht unbedingt von der Hand zu weisen.

Hätte die Antwort gelautet, weshalb bist du dir so sicher? Claudia kann schließlich auch eine Zwillingsschwester haben, hätte der Mann wohl ganz anders reagiert. Die Zweifel am Wahrheitsgehalt des Erzählten würden als weitgehend entkräftet erachtet, weil sie deutlich unwahrscheinlicher erscheinen. Unabdingbare Voraussetzung für diese Unterscheidung der Wahrhaftigkeit der aus der Stadt mitgebrachten Geschichte ist allerdings, dass der Mann Claudia auf dem Marktplatz auch wirklich getroffen und seiner Frau nicht nur irgendeine Geschichte aufgetischt hat.

Die einfache Lösung

Nicht genug. Es hätte ja auch sein können, dass der Mann sich nur getäuscht und nicht Claudia, sondern deren Zwillingsschwester Carola gesehen hat. Theoretisch deutlich einfacher zu lösen ist aus der Sicht des Philosophie-Professors hingegen das Problem, das hinter der Behauptung steht, die Zahl aller Fahrräder in China ist gerade: "Nachzählen."

Zur Person

Die Erlanger Schule oder der Erlanger Konstruktivismus sind in der deutschen Philosophie der Gegenwart ein feststehender Begriff. Grob vereinfacht sagt er aus, dass mittels naturwissenschaftlicher Methodiken philosophische Erkenntnisse gewonnen und mithin jederzeit nachvollzogen werden können.

Deshalb verwundert es nicht, dass Prof. Gerhard Ernst auch Diplom-Physiker ist. Ausgangspunkt seiner akademischen Ausbildung war die Universität Kaiserslautern (1989 bis 1991, Studium der Philosophie, Logik und Wissenschaftstheorie sowie Physik). Danach führte ihn sein Weg an die vom Jesuitenorden getragene Hochschule für Philosophie (1991 bis 1995) in München sowie die dortige Ludwig-Maximilians-Universität (LMU, 1991 bis 2000).

Bereits in seiner Promotion (2002) wandte sich Ernst unter dem Titel "Das Problem des Wissens" einem seiner heutigen Schwerpunkte zu. Die Arbeit wurde ausgezeichnet. 2004 folgte die Habilitationsschrift "Die Objektivität der Moral". Über eine Professur an der Universität Stuttgart (2008 bis 2012) kam Ernst 2012 an die Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg (FAU). Hier forscht er hauptsächlich auf den Gebieten der Erkenntnistheorie und Grundlagen der praktischen Philosophie.

Sein bekanntestes, 2012 erschienenes Buch trägt nicht zuletzt deshalb den Titel "Denken wie ein Philosoph: Eine Anleitung in sieben Tagen". Im September vergangenen Jahres wurde Ernst zum Präsidenten der Deutschen Gesellschaft für Philosophie gewählt. (zm)

Das ist nichts, was uns im Alltag unbedingt umtreibt.Prof. Gerhard Ernst über Fragen der Erkenntnistheorie

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