30.11.2017 - 19:16 Uhr
Oberpfalz

Steigende Aufnahmezahlen bringen Amberger Tierheim in Bedrängnis "Wir kämpfen um jedes Tier"

Wer nicht genau hinschaut, sieht vor lauter weißen Mäusen nicht das viel größere Problem des Tierheims: Es muss immer mehr Schützlinge aufnehmen. Das verursacht immense Kosten.

Nando ist einer der Hunde, für die das Tierheim dringend ein neues Zuhause sucht. Der sieben Monate alte Labrador ist aber ein ungestümes Kraftpaket, das viel Bewegung braucht und eine Familie, die Zeit für ihn hat. Bild: Hartl
von Markus Müller Kontakt Profil

Über 600 Tiere werden es bis Jahresende sein, die heuer in dem Heim waren. Ein Drittel mehr als vor drei Jahren. Damit steigen die Ausgaben für Material, Personal, Futter und Tierarztkosten ebenfalls an. "Aber was sollen wir machen?", stellt Tierschutzvereins-Vorsitzende Sabine Falk eine rhetorische Frage. "Sollen wir bei 400 sagen, jetzt ist die Grenze erreicht, wir nehmen kein Tier mehr auf? Dann wären wir kein Tierschutzverein." Aktuell sind es 50 Katzen, sieben Hunde und 23 Kaninchen (nachdem die Organisationen Kaninchenhilfe und Kaninchenhoffnung 82 übernommen haben, um sie überregional vermitteln zu können).

Warum aber ist die Zahl so gestiegen? Zwei Gründe nennt Sabine Falk: Viele Leute ließen ihre Katzen nicht mehr kastrieren und impfen. Dadurch gebe es immer mehr Nachwuchs, der krank sei und somit Tierarztkosten verursache. "Außerdem werden die Messi-Haltungen immer mehr." In vier Notfällen habe der Verein heuer hohe Stückzahlen von verwahrlosten Tieren aufgenommen, einmal sogar über 50. Einen weiteren Grund nennt der Deutsche Tierschutzbund: Der Amberger Verein habe sich einen guten Ruf erarbeitet, die Leute merkten, dass man hier ein Tierheim habe, in dem man sie nicht alleine lasse. Auch das führe zu mehr abgegebenen Tieren.

Hoffnung auf Spender

Sabine Falk hat nicht vor, an dieser Einstellung etwas zu ändern: "Wir kämpfen um jedes Tier, das unseren Schutz sucht und braucht. Und wir hoffen, dass Spender uns helfen, diese Aufgabe weiter erfüllen zu können." Die Konten des Tierschutzvereins bei der Sparkasse Amberg-Sulzbach haben die IBAN DE05 7525 0000 0190 0107 93. Auch Sachspenden sind willkommen.

Eines betont die Vorsitzende aber mit ebenso großem Nachdruck: "Von diesen Spenden wird kein Cent für den illegalen Tiertransport ausgegeben, alles nur für das Alltagsgeschäft." Von dem Kastenwagen, der Mitte November mit 7000 Kleintieren auf der A 6 aufgegriffen wurde, sind über 2000 weiße Mäuse in Amberg geblieben. In dem Fahrzeug waren die Tiere zu Dutzenden in enge Transportboxen gepfercht. Im Heim hat man versucht, sie so aufzuteilen, dass vier Mäuse einen Quadratmeter Platz bekommen. Die dafür nötigen Käfige hat überwiegend der Deutsche Tierschutzbund besorgt, der laut Falk auch alles bezahlte, was nicht durch anderweitige Spenden abgedeckt war - Käfige im Wert von 1000 Euro stellte der Amberger Fressnapf zur Verfügung, ebenso viel die Zentrale des Tiernahrungsgeschäfts. Neben "großzügigen Spenden aus ganz Deutschland" hat das Tierheim sogar Futterspenden aus Österreich und der Schweiz bekommen.

Trotz aller Hilfe: Unterbringen muss das Heim die Mäuse selbst. Folge: "Es ist kein Stuhl, kein Tisch mehr frei, und es stinkt." Sabine Falk benennt diese Probleme offen, aber im Moment sieht sie keine Alternativen: "Wir sind ein Tierschutzverein, und wir werden auch das meistern, zum Wohl der Mäuse." Natürlich weiß sie, dass diese Haltung zum Teil Unverständnis hervorruft, dass viele Leute die Mäuse einfach töten oder sie als Futtertiere hergeben würden. "Aber das werden wir auf keinen Fall machen, das hat nichts mit dem Tierschutzgedanken zu tun."

Container-Lösung

Sabine Falk hofft, dass der Tierschutzbund weitere Einrichtungen findet, die Mäuse übernehmen wollen. Aber zunächst muss man sich vor Ort Gedanken über die Unterbringung machen. Eine vorstellbare Lösung sind isolierte und beheizbare Container, die man im Freien aufstellen und mit denen man die Räume des Tierheims wieder mäusefrei bekommen würde. "Aber das ist eine Frage des Geldes, das müsste vom Tierschutzbund kommen."

Angemerkt: Was ist schützenswert? Alle Mäuse aus dem Tierheim aussetzen, hat diese Woche ein Leserbriefschreiber vorgeschlagen. So kann man es auch sehen, wenn man sie nur als Schädlinge betrachtet, nicht als schützenswerte Lebewesen.
Damit ist dem Amberger Tierschutzverein diese Einstellung von vornherein verwehrt. Wenn der weiter ernst genommen werden will, muss er sich so verhalten, wie er es als Vereinszweck in seine Satzung geschrieben hat: Tierschutzgedanke verbreiten, Tierliebe fördern, Tierquälerei verhindern. Denn nichts anderes als Quälerei wäre es, Tiere, die in der freien Natur nicht überleben können, weil sie für das Leben in Käfigen gezüchtet wurden, sich selbst zu überlassen. Es ist leicht, für Tierschutz zu sein, wenn es dabei nur um Hunde und Katzen geht. Die mag ja jeder.
Aber Tiere ohne Lobby, gar mit zweifelhaftem Ruf? Müssen sie sterben, weil windige Geschäftemacher aufgeflogen sind und sich danach ganz schnell aus der Verantwortung gestohlen haben? Man muss sich allerdings auch bewusst sein, was hier ein Nein als Antwort bedeutet: Wenn sich niemand findet, der dem Tierheim die weißen Mäuse abnimmt, müssen sie zwei Jahre lang in Amberg versorgt werden. So lange leben sie nämlich im Durchschnitt.

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