22.05.2017 - 20:00 Uhr
Oberpfalz

Warum Bakterien so wichtig sind Mehr Mikroben als Freunde

Sie sind winzige Lebewesen und tragen doch mehr Erbinformationen in sich, als der Mensch: Mikroorganismen. Etwa 1500 verschiedene Arten besiedeln den Körper. Warum das gut ist, war beim Ratgeber Gesundheit des Klinikums zu erfahren.

Professor Hamid Hossain kennt sich mit Mikroorganismen aus. Er ist Chefarzt des Instituts für Mikrobiologie am Klinikum St. Marien. Bild: Mariella Kramer
von Thomas Kosarew Kontakt Profil

Amberg. (tk) Alle Mikroorganismen zusammen bilden das Mikrobiom. Welche Rolle es für Menschen spielt und wie es sich auf das Befinden auswirkt - das versuchen Wissenschaftler zu entschlüsseln. Zu ihnen gehört Professor Hamid Hossain, Chefarzt des Instituts für Medizinische Mikrobiologie am Klinikum St. Marien. In seinem Vortrag "Mehr Freunde als bei Facebook - wie Billionen von Mikroorganismen die Gesundheit des Menschen beeinflussen" erfuhren Interessierte alles über die mikroskopisch kleinen Untermieter.

Menschen und ihre Mikroben gehen laut einer Pressemitteilung aus St. Marien eine lebenslange Symbiose ein. "Sie sind Ihre besten Freunde und begleiten Sie von Geburt an. Sie interagieren ständig mit Ihnen, ohne dass Sie das bemerken", sagte Professor Hamid Hossain.

Bakterien fürs Baby

Ein Neugeborenes sei zunächst steril. Auf dem Weg durch den Geburtskanal erhalte das Baby von der Mutter die erste Population Bakterien: "Durch das Stillen und Kuscheln werden weitere Bakterien übertragen. Das ist gut so. Denn direkt nach der Geburt ist jeder Mikroorganismus erst einmal willkommen und trägt positiv zur Entwicklung des Immunsystems bei." Das persönliche Mikrobiom unterliege vor allem in den ersten fünf Jahren großen Schwankungen. In dieser Zeit ist es laut dem Wissenschaftler für Kinder wichtig, mit möglichst vielen und unterschiedlichen Bakterien in Kontakt zu kommen. Denn je größer die Vielfalt an Bakterien, desto seltener gerate das komplexe Ökosystem aus dem Gleichgewicht. "Übertriebene Hygiene, falsche Ernährung, Stress oder Veranlagung können das System unser menschlichen Bakteriengemeinschaft durcheinanderbringen", ließ der Professor wissen. Das habe Auswirkungen auf die Gesundheit: "Wir wissen heute, dass die Zusammensetzung der Bakterienart und -anzahl Hinweise auf bestimmte Krankheiten wie Fettleibigkeit, Diabetes Typ 2 oder chronisch entzündliche Darmerkrankungen geben kann."

Autismus und Depression

Wissenschaftler vermuten laut Hossain, dass eine Dysbiose, ein Ungleichgewicht der Bakterien in der Darmflora, eine Rolle bei Krankheiten wie Autismus und Depression spielen könnte: Mikroorganismen steuern die Produktion von körpereigenen Substanzen wie Serotonin. Der Botenstoff entscheidet wiederum über den Gemütszustand. Aber auch in vielen anderen Bereichen des Körpers seien die Menschen auf die kleinen Helfer angewiesen: "Mikroorganismen bilden den Säureschutzmantel der Haut. Sie helfen dabei, unsere Nahrung aufzuspalten, damit wir sie besser verwerten können, und sind beim Abbau von Giftstoffen beteiligt. Außerdem produzieren sie Vitamine und das Glückshormon Dopamin", erklärte der Chefarzt.

Auch Küssen ist gut

Welche Bakterien bei welchen Krankheiten eine Rolle spielen - das versuchen Forscher anhand von Studien mit keimfrei gezüchteten Mäusen zu erforschen. Die Wissenschaft steckt hier noch in den Kinderschuhen und arbeitet an interessanten Studien, wie der Stuhltransplantation. Was sich zunächst wenig appetitlich anhört, soll Patienten mit chronischer Durchfallerkrankung in naher Zukunft Heilung bringen. Der Kot von gesunden Spendern aus der Familie enthält gesunde Mikroorganismen, die dabei helfen sollen, die Symptome bei Betroffenen zu lindern. Jedoch gibt es bislang zu wenige Studien. Am Ende des Vortrags überraschte Professor Hossain die Zuhörer mit einem Experiment, anhand dessen er eindrucksvoll zeigte, wie schnell sich Mikroben über die Hände miteinander austauschen und verbreiten lassen. Und in puncto gesunder Darmflora lautete der Rat: auf eine abwechslungs- und ballaststoffreiche Ernährung achten, fermentiertes Gemüse wie selbst gemachtes Sauerkraut essen und auf Fertignahrungsmittel und Fast Food verzichten. Und auch Küssen ist gut: "Wir tauschen dabei zwar 80 Millionen Bakterien aus - aber ich ermutige Sie dazu - denn wir prägen uns durch das Küssen aufeinander." (tk)

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