05.04.2018 - 20:00 Uhr
Oberpfalz

Wenn Schaulustige an Unglücksorten filmen und fotografieren Gaffer - kein neues Phänomen

Ein Mensch kämpft im Unfallwrack um sein Leben. Unverhohlen halten andere Verkehrsteilnehmer mit der Kamera drauf und filmen ungeniert. Das Problem mit Gaffern ist nicht neu - es hat sich in der multimedialen Welt nur verändert.

Bei diesem schweren Verkehrsunfall vergangene Woche auf der A 3 bei Regensburg verlor der Lkw-Fahrer sein Leben. Die Polizei hatte während der Bergungsarbeiten mit zahlreichen Gaffern zu kämpfen - und fotografierte, um deren Vergehen ahnden zu können. Bild: Alexander Auer
von Kristina Sandig Kontakt Profil

Die Liste von Unfällen, bei denen Polizei und Rettungskräfte enorm mit Gaffern zu kämpfen hatten, ist lang. Jüngste Negativ-Beispiele für die unermesslich große Neugierde anderer Verkehrsteilnehmer: Ein Lkw-Unfall auf der A 3 bei Wörth an der Donau in der vergangenen Woche, am Ostermontag auf der A 73, als ein Fahrzeug ausbrennt.

In Sekunden im Netz

Für Friedrich Böhm, Leiter der Verkehrspolizeiinspektion Amberg, steht fest: Neugierde gibt es, seit es Menschen gibt. Er glaubt nicht, dass das Phänomen der Gaffer in jüngster Zeit zugenommen hat. "Wir haben heute nicht mehr die Gaffer von früher, die sich um die Unfallstelle gedrängt haben, um ihr Erlebtes dann im Bekanntenkreis erzählen zu können." Die Veränderung hat die multimediale Welt mit sich gebracht. "Heute wird mit dem Handy fotografiert und gefilmt." Bilder und Videos landen in wenigen Sekunden im Netz - mit allen Konsequenzen. "Und das ist das Problem", sagt Böhm. Wenn Feuerwehr und Rettungsdienst damit beschäftigt sind, ein schwerstverletztes Unfallopfer, das um sein Leben kämpft, aus dem Wrack zu retten und andere Verkehrsteilnehmer dies ungeniert fotografieren oder filmen, "dann hat das nichts mehr mit Menschenwürde zu tun". Böhm wird deutlich: "Das ist nur noch charakterlos." Eindringlich appelliert er an alle Gaffer, sich eine einzige Frage zu stellen: "Würde mir das gefallen, wenn ich das Unfallopfer oder der Angehörige davon wäre?" Er gibt auch eines zu bedenken: Wenn jemand verunglückt, dies in sozialen Medien die Runde machten, dann sehen Angehörige bereits die Bilder oder die Videos, bevor die Polizei sie über den Tod des Ehemanns, des Sohnes oder der Tochter informieren konnte. "Wollen wir das wirklich? Das kann es doch nicht sein!"

Böhm zeigt auch die rechtlichen Konsequenzen auf - von Ordnungswidrigkeit bis zur Straftat. In Paragraf 23 der Straßenverkehrsordnung sind sonstige Pflichten von Fahrzeugführenden geregelt. Unter anderem das Telefonieren im Auto. Das ist verboten, sofern nicht eine Freisprecheinrichtung benutzt wird. Böhm erläutert, dass es für alle gilt, die ein Fahrzeug führen. "Darunter fallen auch Radfahrer."

Punkte in Flensburg

Wer das Mobiltelefon nimmt, telefoniert oder tippt und erwischt wird, muss 100 Euro berappen und bekommt einen Punkt in Flensburg. Gefährdet man andere, sind 150 Euro fällig. Außerdem gibt es zwei Punkte und ein Monat Fahrverbot. "Da ist schnell etwas passiert, weil man durch das Telefonieren abgelenkt wird und mit dem Fahrzeug dadurch leicht abdriftet." Verursacht derjenige einen Unfall, wird dies mit 200 Euro, zwei Punkten und einem Monat Fahrverbot geahndet.

Krasse Fälle wie jüngst auf der A 3 nach dem schweren Lkw-Unfall hat es im Bereich der VPI Amberg bislang noch nicht gegeben. Wohl aber Situationen, in denen Verkehrsteilnehmer auf der Autobahn anhielten und stehen blieben, weil auf der Fahrbahn in entgegengesetzter Richtung ein Unfall passiert ist. Laut Paragraf 18 der Straßenverkehrsordnung ist dies verboten. Wer einfach so anhält, auch auf dem Seitenstreifen, wird mit 30 Euro zur Kasse gebeten. Im Falle einer Behinderung (wenn zum Beispiel Rettungskräfte nicht mehr durchkommen) mit 35 Euro. Wird das Auto geparkt, sind es 70 Euro und ein Punkt in Flensburg), mit Gefährdung steigt das Bußgeld auf 85 Euro. Wird dadurch ein Unfall verursacht, fallen 105 Euro an. Wie Böhm erklärt, seien die Rettungskräfte auch bemüht, so schnell wie möglich die Bergearbeiten an der Unglücksstelle und die Opfer vor neugierigen Blicken zu schützen - mittels Decken und Planen als Sichtschutz.

Polizei und Rettungskräfte haben am Unfallort nicht immer die Möglichkeiten und die personellen Ressourcen, sich um Gaffer zu kümmern. "Lebensrettung hat oberste Priorität", betont Böhm. Allerdings: "Wir versuchen schon, die gravierenden Fälle zur Ahndung zu bringen."Böhm unterstreicht, wie wichtig es nach Unfällen ist, eine Rettungsgasse zu bilden, um den Einsatzkräften ein schnelles Durchkommen an den Unglücksort zu ermöglichen. Seiner Erfahrung nach klappt es mit der Rettungsgasse gut, wenn die Ersten gut angefangen hätten. "Machen es die ersten nicht, dann funktioniert es auch nicht", weiß Böhm. Und dann gebe es noch "ganz Schlaue, die in der Rettungsgasse hinter der Polizei herfahren".

"Das ist schnell passiert"

Wer keine Rettungsgasse bildet, wird ebenfalls kräftig zur Kasse gebeten: 200 Euro sind fällig. Kommt es zur Behinderung der Einsatzkräfte, die nach vorne müssen ("Das ist schnell passiert"), kostet das 240 Euro, zwei Punkte in Flensburg und ein Monat Fahrverbot. Böhm berichtet von zwei Verkehrsteilnehmern im vergangenen Jahr, die wegen Rückstaus auf der Autobahn gewendet hatten. Beide kassierten ein Monat Fahrverbot. "Vielleicht überlegt man dann, ob man nochmals auf der Autobahn umdreht." Angemerkt

Verstärkte Kontrollen

"Finger weg vom Handy", appelliert Friedrich Böhm, Leiter der VPI Amberg, an alle Verkehrsteilnehmer. Die Polizei richtet bei ihren Kontrollen darauf ein verstärktes Augenmerk. Erwischt wurden bis jetzt 112 Menschen, die während der Fahrt telefoniert hatten, ohne eine Freisprecheinrichtung zu benutzen, oder eine Nachricht getippt hatten. Laut Böhm bekam jeder von ihnen 100 Euro Bußgeld und einen Punkt im Verkehrszentralregister. "Das wird ihnen hoffentlich ein Denkzettel gewesen sein", so der VPI-Chef. "Wir werden weiterhin verstärkt darauf achten, weil die Aufklärung alleine nicht zum Erfolg führt." Die Ausreden der Verkehrssünder seien immer gleich: "Ich wollte bloß schnell schauen, wer mir geschrieben hat." (san)

Das hat nichts mehr mit Menschenwürde zu tun. Das ist nur noch charakterlos.Friedrich Böhm, Leiter der Verkehrspolizeiinspektion Amberg

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