27.04.2004 - 00:00 Uhr
Oberpfalz

Wie der "Duzl" die bayerischen Kleinen - Junger Amberger recherchiert die Gemeinsamkeiten der ...: "Dudlík" beruhigt die böhmischen Babys

Wenn ein waschechter Oberpfälzer mal so richtig loslegt und spricht, wie ihm der Schnabel gewachsen ist, dann verstehen viele - zumindest außerhalb eines 60-Kilometer-Radius' um Amberg und Weiden - nur noch "böhmische Dörfer". Gar nicht zu unrecht, denn der Oberpfälzische Dialekt ist dem Tschechischen nämlich näher, als viele glauben.

Harald Bäumler ist ein Spezialist für oberpfälzisch-böhmische Beziehungen: Der Amberger ist seit vier Jahren mit einer hübschen Tschechin verbandelt, hat tschechisch gelernt und festgestellt, dass die Muttersprache seiner Freundin dem Oberpfälzer Dialekt bisweilen sehr ähnlich ist. (Bild: Piehler)
von Uli Piehler Kontakt Profil

Harald Bäumler (28) aus Amberg weiß, wovon er spricht. Seine Freundin kommt aus Tschechien. Seit vier Jahren lernt er jetzt schon tschechisch. Er sagt: "So wie es in der neudeutschen Sprache von Anglizismen nur so wimmelt, ist in der oberpfälzischen Mundart das Tschechische vertreten." Das geht schon mit den Ortsnamen los. Perschen (bei Nabburg) zum Beispiel leitet sich vom tschechischen "Persani" ab, das eine Stelle am Fluss bezeichnet, an der das Wasser schäumt. Perschen liegt bekanntlich im "Naabdol" - "Dol", das oberpfälzische und das tschechische Wort für Tal, sind nahezu identisch. Und so deuten Ortsname wie "Döllnitz" auf eine Senke in der Landschaft, tschechisch "Dol", hin.

"Über Jahrhunderte hat die Böhmische Kultur die Bayerische beeinflusst und umgekehrt. Da ist natürlich jede Menge hängen geblieben", erklärt der Amberger, der in den letzten vier Jahren zum Spezialisten für oberpfälzisch-böhmische Bande geworden ist. Ein Beispiel aus längst vergangenen Tagen: Der Amberger Winterkönig - er war zumindest für kurze Zeit auch König von Böhmen. Die Musikanten aus dem Egerland, aus Marienbad und Klattau zogen mit Dudelsack und Klarinetten vorwiegend durch Oberpfälzer Wirtshäuser. Doch aus Böhmen kommt nicht nur die Musik - aus Böhmen kommt auch das Wort "Stodl".

Es ist die Oberpfälzer Form des tschechischen "Stodola", gleichbedeutend mit Scheune oder Tenne. Auch das tschechische Wort "dr¡dit" ist in der Oberpfalz weit verbreitet. Wer noch Dialekt spricht, findet es in seinem Wortschatz als "trazn" für "trietzen", "hänseln" oder "piesaken" wieder. Welchem Oberpfälzer ist das nicht schon mal passiert: Er fährt mit seinem Auto gegen einen Lichtmasten und klagt über eine "Dellackn". Die "Delle" in der Karosserie - ein vom Wort "Dulek" herrührender "Tschechismus".

Der "Dizl" oder "Duzl" ist sogar den Oberbayern bekannt. Er wird den Babys in den Mund gesteckt und heißt im Hochdeutschen "Schnuller": Seine Wurzeln liegen ebenfalls in Böhmen: "Duzl" kommt von "Dudl­k", mit dem die Tschechen für gewöhnlich ihre Kinder beruhigen. Und was machen die Kleinen mit dem "Duzl"? Sie "zuzln" - abgeleitet von "cucat", dem tschechischen Wort für "saugen".

Eines der schönsten eingedeutschten Wörter aus Tschechien ist das Wort "Bussl". Es stammt vom tschechischen Wort "Pusa" ab, das nichts anderes heißt als "Mund". Wenn die Oberpfälzer "bussln", dann küssen sie sich nicht, sondern "mündeln" vielmehr. Harald Bäumler macht das mit seiner Freundin auch ab und zu. Die spricht übrigens lieber Oberpfälzisch als Hochdeutsch.

Anmerkung der Online-Redaktion: In einigen Web-Browsern werden die tschechischen Sonderzeichen unter Umständen nicht korrekt dargestellt.

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