Yannik (8) hat das Down-Syndrom
Familienalltag wie eben überall

Yannik (8) inmitten seiner Familie, zu der neben Mama Sandra, Papa Christof und dem kleinen Bruder Noah noch Retriever Sammy und Katze Lucy gehören - und natürlich auch Noahs Stoffpinguin, den der Dreijährige fest im Arm hält. Auch ihre beiden erwachsenen Brüder (24 und 20) lieben die beiden Buben heiß und innig und freuen sich immer über deren Besuche. Bild: Wolfgang Steinbacher

Noah (3) will malen, Yannik (8) möchte gerne mit ihm kuscheln. Der Kleine schiebt den großen Bruder unsanft weg. Alltägliche Reibereien unter Geschwistern. "Bei uns geht's nicht anders zu als bei allen anderen Familien", sagen die Eltern Sandra und Christof Scherr.

Yannik Scherr ist einer von fünf Millionen Menschen weltweit, die mit einem dreifachen Chromosom 21 geboren wurden. Der 21. März ist der Welt-Down-Syndrom-Tag. Bis zur Geburt wussten die Eltern nichts von der Behinderung ihres Kindes. "Ich hatte eine ganz unbeschwerte Schwangerschaft", erinnert sich Mama Sandra. Eine Woche, nachdem Yannik auf der Welt war, stellte sich heraus, dass er auch Leukämie hat. "Das war viel schlimmer für uns, da ist das Down-Syndrom in den Hintergrund gerückt", sagen seine Eltern. Yannik war ein Kämpfer, jedoch kehrte der Blutkrebs nach einem Jahr zurück. Inzwischen hat er die Erkrankung überwunden, als geheilt gilt er, wenn die Untersuchungsergebnisse negativ bleiben, bis er zehn Jahre alt ist.

Der Blick auf den Smiley

Am frühen Abend sitzt Familie Scherr am Küchentisch, Noah (3) malt, sein fünf Jahre älterer Bruder will ihn umarmen und drücken. Der Kleine wehrt sich. "Yannik mag immer Kuscheln und Schmusen", sagt seine Mama. Am Kühlschrank klebt ein Zettel mit Smiley. Je nachdem, ob die Jungs artig sind oder eben nicht, ändert sich die Farbe. An diesem Abend ist es ein grüner Smiley - das heißt: alles in Ordnung. Wäre das Symbol gelb, hieße es letzte Warnung. Bei einem roten Smiley drohen Strafen, Fernsehverbot zum Beispiel. Oder eben kein Betthupferl.

"Heute ist alles gut", sagt Sandra Scherr. Vergessen die Eltern abends, wenn die Kinder im Bett sind, den Smiley für den nächsten Morgen wieder auf Grün zu setzen, beschweren sich die Kinder schon mal. "Da schauen sie morgens als erstes, wenn sie aufgestanden sind."

Yannik erhielt früh eine Förderung, als er wegen seiner Leukämie-Erkrankungen in der Kinderklinik war, kamen die Therapeuten ins Krankenhaus, später besuchte der Junge die Schulvorbereitende Einrichtung der Lebenshilfe, jetzt ist er in der dritten Jahrgangsstufe in der Albert-Schweitzer-Schule, eine Außenklasse der Rupert-Egenberger-Schule. "Das ist ein bisschen Inklusion", sagt Sandra Scherr. Wie es nach der vierten Klasse weitergehen wird, weiß sie noch nicht. Yannik ist passionierter Frühaufsteher, um 5 Uhr ist die Nacht für ihn dabei. Er erzählt, was er gerne isst: Toastbrot mit Butter und Salz. Oder mit Marmelade. Am liebsten aber mit Nutella. "Das gibt's immer nur am Wochenende", erklärt sein Papa. Christof Scherr und seine Frau sind froh, dass sie nach Yanniks Geburt und der Krebserkrankung ihres Kinder eine riesige Unterstützung erfahren haben, durch die Familie und Freunde. Noch heute ist der Vater seinem Arbeitgeber dankbar für die "Freistellung bei Lohnausgleich".

Per Bus fährt Yannik morgens zur Schule, sein kleiner Bruder geht in den Kindergarten. Kommt der Achtjährige am späten Nachmittag heim, hört er häufig Musik und tanzt. "Das liebt er", erzählt Sandra Scherr. Noch etwas macht er gerne: Sachen verstecken. Derzeit ist ein MP3-Player im Hause Scherr unauffindbar. "Wir haben einen sehr strukturierten Tag, das muss sein", sagt die Mutter, gesteht aber, dass sie manchmal nicht so konsequent ist wie ihr Mann.

Ein großer Club-Fan

Nach Schule und Kindergarten spielen die Buben oft miteinander, doch wenn Noah nicht mag, dann hört Yannik eben Musik. Und Kindersendungen schauen sie beide gerne: Shaun das Schaf, Feuerwehrmann Sam oder Peppa Wutz. Und weil heute auch abends noch der grüne Smiley am Kühlschrank in der Küche klebt und die Jungs den ganzen Tag brav waren, verziehen sie sich ins Wohnzimmer, machen es sich auf der Couch gemütlich und schauen fern, bevor es ins Bett geht. Yannik ist stolz, dass er derzeit einen Schwimmkurs macht. "Wasser mag er sehr", erzählt seine Mama. Und auch Fahrradfahren hat er gelernt. Auf den Spielplatz gehen sowohl Yannik als auch Noah gerne. Da seine Eltern große Club-Fans sind, ist auch der Achtjährige relativ oft im Stadion. Begeistert erzählt er von seinem jüngsten Besuch dort, als Nürnberg gegen Dynamo Dresden spielte und er aus Leibeskräften schrie, um seine Mannschaft anzufeuern. "Wir sind schon Fußball-Freaks", gesteht Christof Scherr. Klar, dass die ganze Familie eine Dauerkarte hat.

Langsam geht es auf 19 Uhr zu, die beiden Jungs müssen ins Bett. In der Küche stoßen sie beim Toben zusammen. Beide weinen. Familienhund Sammy, ein Retriever-Rüde, der unter dem Küchentisch döst, schreckt hoch. "Jetzt sind sie überdreht", sagt Sandra Scherr. Alltag eben - wie in allen anderen Familien. (Hintergrund)

Down-Syndrom-TagDer heutige 21. März ist der Welt-Down-Syndrom-Tag. Seit gestern und bis Samstag, 25. März, läuft eine Aktion der Elterninitiative "Down Syndrom aktiv" zusammen mit der Bäckerinnung. In dieser Zeit werden in vielen Bäckereien, aber auch in einigen Metzgereien, in Stadt und Landkreis die Einkäufe der Kunden in Papiertüten mit den Porträts von Down-Syndrom-Kindern und dem Slogan "Jeder isst anders" verpackt. Zum Abschluss ist die Selbsthilfegruppe am Samstag, 25. März, von 9 bis 12 Uhr am Marktplatz mit einem Infostand vertreten. Neben Gelegenheit zu Gesprächen bekommen die Bürger auch Emmer-Einkorn-Kringel zum Kauf angeboten. (san)


Als sich eine Woche nach Yanniks Geburt herausstellte, dass er Leukämie hat, ist das Down-Syndrom völlig in den Hintergrund getreten.Sandra Scherr


Mittendrin in der Gesellschaft - Große Vorfreude auf den USA-TripKinder, die mit dem Down-Syndrom geboren wurden, sind häufig sehr anhänglich und verschmust. So auch der achtjährige Yannik. Immer wieder erklären ihm seine Eltern Sandra und Christof Scherr aber, dass es völlig in Ordnung ist, Mama, Papa, seinen dreijährigen Bruder Noah, Oma und Opa ein Küsschen zu geben, aber er das nicht bei jedem Menschen machen kann.

"Er geht offen auf Menschen zu, er hat jeden lieb", sagt seine Mama. "Da muss man ihn manchmal schon bremsen." Manchmal will Yannik mit Noah kuscheln, aber der kleine Bruder will das nicht. "Stopp", sagt Noah dann. Und der Achtjährige weiß, dass es jetzt genug ist. Schon lange nimmt der Drittklässler an den Angeboten der offenen Behindertenarbeit der Lebenshilfe teil. "Das findet er toll." Er genießt die Spiel- und Erlebnistage, in den Osterferien verbringt er mehrere Tage bei einer Freizeit. "Wir haben von Anfang an auch geschaut, dass wir ihn loslassen", sagt seine Mutter und gesteht: "Man wird sonst so gluckenhaft."

Das Ehepaar widmet sich dann ausgiebig dem Jüngsten, denn Noah (3) muss oft zurückstecken. Trotzdem vermisst er seinen achtjährigen Bruder in dieser Zeit. Jetzt schon freut sich die ganze Familie auf den Urlaub im Sommer: Zu viert geht's zwei Wochen in die USA, um Papas besten Freund, der in Pennsylvania lebt, zu besuchen. Zur Elterninitiative "Down Syndrom aktiv" ist Sandra Scherr gekommen, nachdem ihr Sohn Yannik seine Leukämiekrankheit überwunden hatte und der Alltag bei der Familie eingekehrt ist.

"Damals ist die Lebenshilfe auf uns zugekommen", erinnert sich die Mutter. Ihr Ziel und das ihres Mannes ist, dass Yannik so selbstständig wie möglich wird. "Wenn er mit 18 Jahren sagt: "Mama, Papa, ich will meine eigene Bude haben oder in eine WG ziehen, dann denke ich, haben wir alles richtig gemacht." Sie weiß aber jetzt schon: "Loslassen, das wird nicht so einfach." Familie Scherr ist oft im Nürnberger Fußballstadion, wenn der Club spielt. Schräg gegenüber der Dauerkarten-Besitzer sitzt stets ein junger Mann mit Down-Syndrom. Wann immer sie ihn sehen, stellen sich Sandra und Christoph Scherr vor, dass später einmal so wie der junge Mann ihr Sohn mitten im Fanpulk sein und den 1. FC Nürnberg anfeuern wird.

Das Bild, das Yanniks Eltern vor Augen haben, ist symbolisch für ihren Wunsch, den sie für ihren Sohn, aber auch für alle anderen behinderten Menschen haben: "Dass sie nicht am Rande der Gesellschaft sind, sondern mittendrin." (san)
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