Zwei Treffen in 72 Jahren
Schicksal einer Freundschaft

Eine kleine Galerie ist im August und September im Wintergarten von Josef Adamiok (rechts) entstanden, seitdem ihn sein einstiger Schulfreund, der Künstler Anton Lischka, in Amberg besucht. Bild: Martin Lindner
 
"Gell, Josl, genau wie früher": Anton Lischka (links) und sein bester Freund Josef "Josl" Adamiok wollten im Mai 2002 bei ihrem ersten Wiedersehen in Amberg ohne Schuhe fotografiert werden und krempelten die Hosen hoch. Wie an ihrem ersten Schultag 1940 (linkes Bild). 1945 sollten sie für über fünf Jahrzehnte voneinander getrennt werden. Bild: tk

Die Sonne strahlt in den Wintergarten von Josef Adamiok. Er sitzt neben seinem Gast Anton Lischka. Die beiden scherzen. Es ist ihr zweites Treffen in Amberg nach einem Abschied vor 72 Jahren. Was verbindet beide Männer heute? Neben der gemeinsamen Schulzeit im polnischen Ruda während des Zweiten Weltkrieges ist es die Freude, sich nach über 56 Jahren wiedergefunden zu haben.

"Wir sind aus der Schule heimgegangen. Und am nächsten Tag haben wir uns nicht mehr gesehen", erinnert sich Josef Adamiok an den Tag, der die Freunde für über fünf Jahrzehnte trennen sollte. Denn am Morgen des 18. Januar 1945 flüchtete seine Mutter mit ihm aus dem oberschlesischen Ruda vor den vorrückenden sowjetischen Truppen.

Als die mittlerweile 83- und 84-Jährigen die plötzliche Entscheidung aus den letzten Kriegstagen nacherzählen, bleibt sogar ungewiss, ob sich das Duo damals voneinander verabschieden konnte. Nur Anton Lischka erinnert sich nach 72 Jahren, dass "der Josl" an jenem Wintermorgen noch hastig über die Straße gelaufen war, an der die zwei Familien wohnten, um zu sagen, dass er jetzt fortgehen müsse. Die gemeinsamen fünf Jahre als Banknachbarn in der Volksschule von Ruda sorgen allerdings noch immer für herzliches Lachen und verbundene Blicke zwischen dem Josl und dem Anton.

Schöne Schulzeit

"Es gab nichts, was ich nicht gemacht habe", während "der Anton eher ein Lieber" gewesen sei, fasst Adamiok verschmitzt die vielen Streiche und waghalsigen Aktionen aus der gemeinsamen Kindheit zusammen. "Wir haben ihn damals Till Eulenspiegel genannt", pflichtet Lischka bei. Einmal hätten sie über einen stillgelegten Schacht des örtlichen Bergwerkes Walenty-Wawel, in dem auch ihre Väter gearbeitet hatten, eine Holzplanke gelegt, um darüber zu gehen. "Eine Mutprobe, es ging da 600 Meter runter. Der Josl überquerte den Balken natürlich zuerst. Nun ja, da mussten wir eben nach", erzählt Lischka mit einem Lachen. Selbst die Frage nach dem Alltag in der Schule beantworten die Freunde nicht ohne Anekdote: "Über einen längeren Zeitraum gab es jeden Tag um 10 Uhr Fliegeralarm. Wir Jungs sind dann einfach raus in den Park und haben Fußball gespielt", erinnert sich Adamiok. Es kommen ihm jedoch auch die Erlebnisse des Krieges ins Gedächtnis - und er schildert eine miterlebte Exekution in seiner Heimatstadt Ruda. "Auch das sind Bilder, die man nicht vergisst", erklärt der Witwer. Kurz verbreitet sich eine nachdenkliche Stimmung um den Gartentisch in seiner Amberger Wohnung.

Stark bleibt aber vor allem das Gefühl ihrer Freundschaft, die 56 Jahre und 80 Tage bis zum ersten Wiedersehen in Oberschlesien im Jahr 2001 überdauerte. Zunächst reiste Adamiok, der 1957 für den Soldaten-Beruf bei der Bundeswehr nach Amberg gezogen war, nach Jahrzehnten der erfolglosen Kontaktaufnahme 1997 nach Ruda. "Lischka? Der ist tot", bekam er zur Antwort. Gemeint war jedoch dessen Bruder, der auf dem dortigen Familiengrab beerdigt worden war. Josls Freund hingegen hatte Ruda bereits 1953 verlassen und sich zum renommierten Hochschullehrer in Kunsterziehung und bekannten Aquarellmaler in der Region um seinen derzeitigen Wohnort Bielsko-Biala gemausert. Anton Lischka erfuhr schließlich über Schulkameraden, dass sein Freund erfolglos nach ihm gesucht hatte. So kam, nach einem Brief an die von Adamiok hinterlegte Amberger Adresse und einem kurzen Telefonat, das erste Treffen in Polen 2001 zustande. Im Mai 2002 sahen sich die beiden Freunde zum ersten Mal in Amberg wieder.

Aquarelle für den Freund

Bis Josef und Anton nun im Wintergarten von Adamiok in Amberg gemeinsam im Buch "Mein Ruda" über ihre Heimatstadt blättern und auf einem Foto Lischkas Vater finden, sind erneut 15 Jahre vergangen. Es ist das zweite Wiedersehen in Amberg. Sepp Adamiok fährt jedoch öfter in seine schlesische Heimat, auch über E-Mail stehen die beiden Freunde des Jahrgangs 1933 in Kontakt.

Ab 14. August war Lischka in Amberg zu Gast und malte in dieser Zeit 18 Aquarelle. Neben der Georgskirche und dem Rathaus findet sich natürlich auch das Haus seines Freundes auf den Bildern, die die ehemaligen Schulkameraden stolz auf der Heizung des Wintergartens als improvisierte Galerie präsentieren. "Amberg lässt sich besser malen als Paris", schwärmt der Künstler - vor allem wegen den vielen historischen Gebäude. Ein paar Tage bleiben die Freunde noch beisammen, denn Adamiok begleitet seinen Freund Lischka auf der Rückreise nach Bielsko-Biala, um dann einen Abstecher nach Ruda zu machen.

Als sich die über 80-Jährigen am Vortag der etwa 650 Kilometer langen Reise necken, wer denn der bessere Autofahrer sei, zeigt sich auch hier: Die Freundschaft der beiden ehemaligen Schulbuben Anton und Josef ist auch nach 72 Jahren jung geblieben.
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