17.06.2017 - 14:40 Uhr
Oberpfalz

Großbrauereien patentieren neue Getreidesorte Protest gegen Patent auf Gerste

Günstiger Bier brauen: Eine neue Gerstensorte macht's möglich. Die Großbrauereien Heineken und Carlsberg haben sie sich patentieren lassen und hoffen auf sprudelnde Gewinne. Umweltschützer und Bauernverband schäumen. Sie finden: Pflanzen und Tiere sind keine Erfindungen, die man besitzen kann.

Die Großbrauereien Heineken und Carlsberg haben sich eine neue Gerstensorte schützen lassen. Sie macht die Bierherstellung günstiger. Gegen das Patent demonstrieren Umweltschützer und Bauernverband. Archivbild: dpa
von Dominik Konrad Kontakt Profil

Weiden/Amberg. "Ich verstehe die Aufregung nicht", sagt Anton Bruckmüller, Oberpfälzer Vertreter und Beirat im Bayerischen Brauerbund. Es geht um die Patentierung einer bestimmten Sorte Braugerste durch die Großbrauereien Heineken und Carlsberg. In der vergangenen Woche zogen deshalb 100 Demonstranten vor das Europäische Patentamt in München. Die Mitglieder des Bündnisses "Keine Patente auf Saatgut" fordern ein Verbot von Patenten auf Pflanzen, die aus konventioneller Züchtung entstanden sind.

Kann Erfindung sein

"Jeder, der Zeit und Geld in Saatgutforschung investiert, beziehungsweise spezielles Saatgut entwickelt, stellt dieses anderen zur Verfügung", sagt Bruckmüller, der dem Protest wenig abgewinnen kann. "Das kostet halt. Das machen Heineken und Carlsberg genauso." Es gehe um die Optimierung: "Aus dem gezüchteten Saatgut wird Braugerste, die geringere Mengen an Dimethylsulfid entwickelt. Das sind Aromastoffe, die bei der Herstellung wieder verschwinden." Der Vorteil: Die Bierherstellung wird günstiger, weil nicht so viel Energie nötig ist, um das Sulfid aus dem Bier zu bekommen.

Carlsberg und Heineken geben auf Nachfrage von Oberpalz-Medien an, schlicht ihr Recht auf die Patentierung wahrzunehmen. In der Produktion der geschützten Gerste werden die Samen zufällig durch den Einfluss einer bestimmten Chemikalie verändert. Laut Patentamt ist das durchaus schutzfähig: "Ein aus solchen Verfahren gewonnenes Saatgut kann (...) laut geltendem Recht, welches wir anzuwenden haben, sehr wohl alle Voraussetzungen einer Erfindung erfüllen", sagt Rainer Osterwalder, Pressesprecher des Europäischen Patentamts.

"Werden immer mehr Pflanzen geschützt, verringert sich die Zahl der Arten, aus denen Züchter neue Sorten ziehen können", sagt Lara Dovifat, Kampagnen-Führerin bei Campact und Teil der Initiative "Keine Patente auf Saatgut!". "Das verringert auf Dauer die Widerstands- und Anpassungsfähigkeit der Pflanzen." Der Sprecher des Patentamts verweist für Änderungen am Patentrecht an die Politik: "Diese Diskussion ist Gegenstand von Erörterungen unserer Mitgliedstaaten."

Politik in der Pflicht

Ende dieses Monats trifft sich der Verwaltungsrat des Europäischen Patentamts. Dabei soll das Recht, Pflanzen und Tiere zu patentieren eingeschränkt werden. Die EU-Kommission arbeite laut Bruckmüller derzeit an einer Richtlinie, die verbietet, Produkte aus biologischen Verfahren zu patentieren. Das wäre das Ende für das Patent von Heineken und Carlsberg, meint Bruckmüller. "Wir finden das positiv, nach zehn Jahren passiert da was", sagt Dovifat.

"Carlsberg und Heineken haben nie mit uns gesprochen"

Lara Dovivat ist seit zwei Jahren Kampagnen-Führerin bei Campact und Teil der Initiative "Keine Patente auf Saatgut!" Die Sozialwissenschaftlerin spricht mit Oberpfalz-Medien über den Gersten-Protest.

In der Pressemitteilung des Bündnisses "Keine Patente auf Saatgut!" steht, Carlsberg und Heineken beanspruchten das Patent auf Gerste und Bier. Ist diese Behauptung nicht übertrieben?

Hier handelt es sich um eine natürliche Gerstensorte, die dann durch eine zufällige Mutation eine bestimmte Eigenschaft bekommen hat. Beim Patentamt wird nicht nur die Pflanze geschützt, sondern der gesamte Prozess: Die Nutzung und Verarbeitung. Das hat weitreichende Folgen.

Also ist die Aussage eher als Vorwurf an die Konzerne zu verstehen, alles patentieren zu wollen?

Genau. Ein anderer Konzern hatte mal eine Paprika patentiert und mit dem angemeldeten Patent war auch das Schneiden dieser Sorte geschützt.

Carlsberg und Heineken sagen, sie hätten nicht die neue Gerste geschützt, sondern die Art der Herstellung des Saatguts.

Ich weiß nicht, wie wahr es ist, was Carlsberg und Heineken behaupten, weil sie nie mit uns gesprochen haben und auch keine Anfragen beantworten.

Was denken Sie?

Uns liegen die drei Patentanträge vor und wir interpretieren sie anders. Daraus geht hervor, dass es sich um eine natürliche Gerstenpflanze handelt, die eine zufällige Mutation bekommen hat. Auch andere Pflanzen können diese Mutation erreichen.

Also kann ein anderer Züchter aus versehen das Patent brechen?

Das bedeutet, es kann sein, dass andere Pflanzen in den Patentanspruch hereinfallen, ja. Wenn jemand anders in die Richtung züchtet. Das kann die Artenvielfalt einschränken, Züchter können nicht mehr mit der ganzen Vielfalt der Natur arbeiten.

Welche Probleme gibt es noch bei Patenten auf Leben?

Durch die Patentansprüche wird Saatgut teuerer. Es gibt die Patente auch bei Grundnahrungsmitteln wie Mais und Kartoffeln. Da gibt es ja die Auswirkungen, dass sich die Bauern das Saatgut nicht leisten können.

Saatgut, dass nicht wieder auskeimt liefert eine bessere Frucht. Landwirte kaufen deshalb solches Saatgut ein, weil es für sie wirtschaftlich ist. Jeder kann ja selbst entscheiden, was er anbauen möchte.

Es ist so, dass große Unternehmen wie Monsanto einmal dieses Terminator-Saatgut ausgeben. Dieses Saatgut funktioniert auch mit den Pestiziden und Düngern von Monsanto (Glyphosat). Der einmalige Gebrauch von Glyphosat zerstört die Felder schon so, dass nichts anderes mehr angebaut werden kann. Es ist natürlich die Entscheidung des Einzelnen, aber es ist so, dass Monsanto in vielen Ländern, vor allem im afrikanischen Raum und in Indien der einzige Anbieter ist, auch wenn es um die Beratung der Bauern geht.

Ende Juni will der Verwaltungsrat des Europäischen Patentamts die Verbote im Patentrecht stärken. Pflanzen und Tiere die aus Kreuzungen entstanden sind, dürfen nicht mehr patentiert werden. Zufällige Mutationen aber schon. Ist eine solche Unterscheidung nicht quatsch, weil eine Kreuzung immer zufällige Mutationen enthält?

Genau. Das Verbot steuert in diesem Fall wieder darauf zu, nicht mehr wasserdicht zu sein. Wir gehen davon aus, dass es Schlupflöcher geben wird, die eine zufällige Mutation wieder patentierbar machen. Wir finden das positiv, nach zehn Jahren passiert da was. Es hat sehr lange gedauert. Da braucht es eine Entscheidung des Bundestags, des Europaparlaments und so weiter.

Versucht der Verwaltungsrat die seit zehn Jahren andauernden Proteste mit einem wirkungslosen Gesetz ruhig zu stellen?

Das kann man natürlich auch so negativ sehen, ich glaube aber schon, dass es genauere Prüfungen geben wird. Bisher war die Praxis sehr lasch. Das Gerstenpatent wäre auch nach der neuen Regelung erlaubt. Ich denke man muss schauen, ob es überhaupt zu einer Änderung kommt. Wir hoffen auf diese Nachbesserung, sonst müssen wir da noch einmal rangehen. Aber das wird noch komplizierter, man muss dann in die Ausführungsordnung des Europäischen Patentamts eingreifen. Da steckt viel Geld dahinter.

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