620 BRK-Pflegekräfte am Klinikum gelten per Gesetz als Leiharbeiter
Krankenschwestern empört und in Sorge

Das ist zwar ein Streik von Verdi für höhere Tariflöhne, aber die Gewerkschaft hat auch immer wieder gegen den bisherigen Status der Rotkreuzschwestern mit ihren Gestellungsverträgen protestiert. Ein Vorwurf war, sie seien nur mit der Mitgliedschaft beim BRK und ohne Arbeitsverträge dort oder in den Kliniken praktisch "rechtlos". Archivbild: Huber
 
"Es ist Wahnsinn, dass wir unter die Arbeitnehmer- Überlassung fallen." Zitat: BRK-Oberin Brigitte Wedemeyer

"Rotkreuzschwestern atmen auf": So titelte die AZ noch Ende Februar. Heute könnte die Schlagzeile lauten: "Der Atem stockte erneut" oder "atemberaubende Veränderung". Zumindest viele BRK-Schwestern am Klinikum St. Marien sahen das so, obwohl sich die Aufregung langsam legt.

Dabei hätte sie vielleicht gar nicht so groß sein müssen. Doch das Wort "Leiharbeiter" ist eben ein eher böses und sorgte bei zahlreichen Schwestern des Wallmenichhauses für Unsicherheit und gewisse Empörung. Das wurde nicht vom BRK selbst verursacht, sondern kam durch ein Urteil des Bundesarbeitsgerichts und eine Gesetzesänderung zum 1. April, wonach die Höchsteinsatzdauer für Leiharbeiter nach dem Überlassungsgesetz auf 18 Monate beschränkt wurde.

Ängste und Sorgen

Arbeitsministerin Andrea Nahles nahm die Personal-Gestellungsverträge der Rotkreuzschwestern - einen solchen hat auch das Wallmenichhaus seit 1974 mit dem Amberger Klinikum - zwar per Sonderregelung von dieser Begrenzung aus. Aber was blieb, ist, dass BRK und DRK unters Überlassungsgesetz fallen, obwohl ihren Mitgliedern kein herkömmlicher Arbeitnehmerstatus zuerkannt wurde. Dadurch fühlten sich gestellte Krankenschwestern zum Teil mehr denn je als "Leiharbeiter" und machten sich entsprechende Sorgen.

"Kriegen wir dann weniger Geld, sind wir leichter kündbar?", lauteten zwei der schlimmsten Befürchtungen. Klar, dass darüber viel geredet wurde, manche Spekulationen seit Frühjahr ins Kraut schossen. Und immer mehr BRK-Schwestern wünschten sich insgeheim oder auch offen, lieber direkt beim Klinikum angestellt zu sein.

Ein Gedanke und eine Diskussion, auf die St. Marien und die Leitung des Wallmenichhauses inzwischen reagiert haben, obwohl Letztere das Ganze für ziemlich aufgebauscht hält. BRK-Oberin Brigitte Wedemeyer blutet das Herz bei einem Angebot, das in Absprache mit St. Marien entstanden ist, um für Zufriedenheit und Fairness zu sorgen. Konkret wurde den ans Krankenhaus gestellten Mitgliedern offeriert, dass sie den Arbeitgeber wechseln und direkt am Klinikum beschäftigt werden können. Inklusive neuer Arbeitsverträge dort, deren Konditionen einschließlich Bezahlung gleich bleiben sollen. Schon bisher beziehen die rund 620 gestellten Schwestern von St. Marien ihr Gehalt, so dass dem Haus und der Stadt als Träger kein neuer großer Ausgabeposten erwachsen würde.

Mitglieder entscheiden

Bislang sind es laut Wedemeyer 13 Schwestern, die beim Klinikum angestellt sind, was manche der 620 anderen etwas neidisch darauf hatte schielen lassen. Um das "Etikett" Leiharbeiter abzubekommen, das für viele früher nicht so groß im Vordergrund stand, aber seit dem Erfurter Gerichtsurteil heiß diskutiert wird, entschloss sich das Wallmenichhaus zu diesem für ihn schmerzhaften Schritt. Wenn es dumm läuft, könnte der Verein nämlich auf einen Schlag 620 Mitglieder verlieren.

Genauer gesagt haben die Schwestern nun bis Ende Januar Zeit, sich zu überlegen, was sie machen wollen. Darüber und über alle Hintergründe wurden sie in mittlerweile drei Personalversammlungen im Klinikum - eine vierte folgt - informiert. Auch diese Veranstaltungen sorgten von außen betrachtet bei Nicht-Insidern angesichts des komplexen Themas für viele Fragezeichen. (Angemerkt)

Es ist Wahnsinn, dass wir unter die Arbeitnehmer- Überlassung fallen.BRK-Oberin Brigitte Wedemeyer


Hintergrund"Ja, wir sind durch das Gesetz degradiert worden." BRK-Oberin Brigitte Wedemeyer findet es "bitter", dass rund 620 ihrer beim Klinikum tätigen Krankenschwestern durch das Überlassungsgesetz als Leiharbeiter gelten. "Unsere Mitglieder sind nicht anderes als Angestellte in einem Gestellungsvertrag", schildert sie ihre Sichtweise und hat dennoch Verständnis für die zuletzt gewachsene Verunsicherung ihrer Leute. Selbst wenn die Sorgen unbegründet seien und sich aufgeschaukelt hätten, "wollen wir nicht, dass jemand Angst hat". Aus diesem Grund und weil sich zwischen bisherigen Mitgliedern und Angestellten keine thematisch vertiefte Kluft entwickeln sollte, habe man sich zu diesem möglichen "Wechsel im Zuge der Gleichbehandlung aller Schwestern" entschieden (siehe oben).

Dennoch will das Wallmenichhaus seinen Gestellungsvertrag mit dem Klinikum weiterführen und darüber hinaus selbst wechselnden und künftigen Beschäftigten von St. Marien die Chance bieten, Mitglied in der BRK-Schwesterschaft zu bleiben. Der Vorstand hat dazu die Satzung in puncto verpflichtendes Dienstverhältnis geändert und schlägt der Mitgliederversammlung diese Anpassung am 6. Oktober zum Beschluss vor. Laut Wedemeyer würden die Mitglieder mit einem Ausscheiden einige BRK-typische Vorteile und Vergünstigungen verlieren; auch zur Altersversorgung gebe es hier ein eigenes Konzept.

"Eine Mitgliedschaft bei uns ist etwas Ehrenvolles, nichts Anrüchiges", betont die Oberin mit Blick auf manche Diskussion über die Gestellungstradition der Schwesternschaft. Auch wenn ihre Mitglieder keine direkten Arbeitsverträge hätten, so wurden und werden sie in St. Marien nach Tarif entlohnt und haben den Schwesternbeirat, der sich um ihre Interessen kümmert. (ath)
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