20.02.2017 - 11:44 Uhr
Oberpfalz

Das Internet auch als Chance begreifen In Sorge um den Einzelhandel

"Auch München klagt über sinkende Frequenz. Dieser Trend trifft alle Städte." Karlheinz Brandelik (Gewerbebau) und Johann Schmalzl (IHK) wollen aber nicht nur die Pessimisten geben, was die Zukunft des Einzelhandels angeht. Die Online-Vorlieben vor allem junger Leute sehen sie nicht als Bedrohung, sondern als eine Chance.

Momentaufnahme von einem verkaufsoffenen Sonntag in der Amberger Innenstadt. Solche Menschenmassen in der Fußgängerzone sind die Ausnahme. Die Leute geben im stationären Einzelhandel weniger Geld aus. Archivbild: Steinbacher
von Jürgen Kandziora Kontakt Profil

Schwierige Zeiten, unbestritten. Große Handelsflächen zu vermieten - alles andere als einfach, sagt auch Gewerbebau-Geschäftsführer Karlheinz Brandelik. Er macht diese Erfahrung gerade mit dem ehemaligen Kaufhaus Forum. Eine weitere Sorge, die ihn umtreibt: "Der eine oder andere Händler hat Nachholbedarf bei verschiedenen Trends, die es so gibt." Manche "verweigern sich regelrecht".

Alles verschiebt sich

Und in diesen schwierigen Zeiten ist die Kaufkraft, die in den Einzelhandel fließt, "massiv gesunken", weiß der Amberger IHK-Geschäftsführer Johann Schmalzl. Von 44 Prozent im Jahr 1990 auf 24,5 im vergangenen. Dies, "weil man mehr für Wohnen ausgibt, für Telekommunikation, für Reisen, auch für Nebenkosten". Bei Textilien beispielsweise "verschiebt es sich komplett zu den Discountern", ergänzt Brandelik. Der Kunde "ist bereit, Billigprodukte zu kaufen". Ein großes Problem für inhabergeführte Läden mit den mittleren Preislagen. Und der Anteil des gehobenen Bedarfs sei von 67 auf mittlerweile 44 Prozent gefallen.

Die Kaufkraft, die in den Einzelhandel fließt, ist massiv gesunken, weil man mehr für Wohnen ausgibt, für Telekommunikation, für Reisen, auch für Nebenkosten.IHK-Geschäftsführer Johann Schmalzl

Auch die Fachmarktzentren hätten inzwischen zu kämpfen, die Innenstädte sowieso. Siehe Amberg. Gab es 2010 in der Altstadt noch 234 Geschäfte, waren es im Herbst 2016 nach Angaben der Gewerbebau nur noch 196. "DieLeerstände in den Streu- und Seitenlagen haben deutlich zugenommen", berichtet Brandelik und hält fest: "Einkaufen reduziert sich auf eine Hauptspange zwischen Rathausstraße und Malteserplatz." Schmalzls Erkenntnis daraus: "Für die Nebenlagen müssen wir uns überlegen, welche Nutzung wir dort wollen." Gastronomie, Wohnen, denkbar ist wohl vieles. Experten zufolge werden bis 2030 bundesweit weitere zehn Prozent der Handelsflächen verschwinden. "Die Herausforderung wird sein, die Hauptlage zu stärken", unterstreicht Brandelik in Bezug auf Amberg. Dabei sieht er in Sachen Attraktivität "viel Nachholbedarf in vielen Bereichen".

Nicht kapitulieren

Natürlich sei nicht von der Hand zu weisen, dass vor allem die jüngere Generation im Internet einkauft. Schmalzl verweist hier auf den bekannten Kölner Handelsforscher Ulrich Eggert, der festgestellt habe, dass nur neun Prozent der unter 25-Jährigen den stationären Handel bevorzugen. 65 Prozent in dieser Altersgruppe würden "sowohl als auch" einkaufen. 26 Prozent seien begeisterte Online-Shopper. Deshalb die Flinte ins Korn werfen? Auf keinen Fall, sind sich Schmalzl und Brandelik einig. Der stationäre Handel müsse sich auf seine eigentlichen Stärken besinnen und mit diesen dagegenhalten. Und: "Der Händler sollte versuchen, das Internet für sich zu nutzen." Die Präsenz dort sei das A und O. "Ohne die geht's gar nicht mehr", macht Brandelik deutlich.

Der eine oder andere Händler bei uns hat Nachholbedarf bei verschiedenen Trends, die es so gibt.Gewerbebau-Chef Karlheinz Brandelik

Ein guter Auftritt im Internet, der dem Kunden viele Infos biete, bringe diesen auch ins Geschäft. Jeder Ladenbesitzer, so Brandelik, müsse sich permanent die Frage stellen: "Was bringt den Kunden dazu, noch zu mir zu kommen?" Seine Bedürfnisse zu kennen, sei da außerordentlich wichtig. Zumal Marktforscher herausgefunden hätten, dass 72 Prozent der deutschen Kunden lieber in die Stadt gehen als im Netz zu kaufen. "Der Kunde sucht Orientierung und will beraten und betreut werden", glaubt Brandelik und fügt hinzu: "Ich brauche keinen typischen Verkäufer mehr, ich brauche Berater."

"Die Herausforderung ist nicht gerade klein", ist sich Schmalzl durchaus bewusst, unter anderem im Hinterkopf, dass es bis heute nicht einmal einheitliche Öffnungszeiten in Amberg gibt. "Und "Politik und Verwaltung müssen schon auch ihren Teil dazu beitragen", fordert Brandelik. Die berühmten Rahmenbedingungen halt.

Der Laden der Zukunft - Angemerkt von Jürgen Kandziora

Die Ziegelgasse ist so ein Beispiel. Ein Leerstand nach dem anderen. Traurig. Erschreckend. Der Einzelhandel ist tot in dieser Straße. Wohl auf ewig. Streu- und Seitenlagen haben heutzutage kaum mehr eine Chance. Und selbst in den Fußgängerzonen und guten Lagen läuft nichts mehr von alleine. Siehe die Wöhrl-Krise. Die Filiale in Amberg soll ja erhalten bleiben. Käme es anders, wäre das ein schwerer Schlag für die Innenstadt. Und dem klassischen Kaufhaus prophezeien Experten einen weiteren Bedeutungsverlust.

Der Kunde von heute will umworben und gelockt werden. Schließlich kann er Tag und Nacht im Internet einkaufen. Online shoppen - die meisten haben es schon getan. Hat der klassische Ladenhandel damit verloren? Nicht unbedingt. Zumindest sollte er sich mit den Mitteln wehren, die ihm zur Verfügung stehen. Durchaus auch online. Wer nicht im Netz zu finden ist, der existiert im Prinzip nicht.

Das Wichtigste: Der Kunde sollte wieder König sein. Das Angebot allein bringt ihn nicht in den Laden. Dort muss das ganze Paket stimmen. Der Handelsforscher Ulrich Eggert nennt hier das Schlagwort "totale Emotionalisierung". Und fordert: "Dienstleistungen integrieren". Der Modeverkäufer bzw. -berater, der den Kunden auch zu Hause besucht und ihm interessante Ware mitbringt, muss keine Utopie sein. Ohne Kooperationen der Einzelhändler, ist sich Eggert sicher, wird das aber nicht funktionieren.

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