16.02.2018 - 20:00 Uhr

Der Leseranwalt schreibt Protest wegen Demo

Bei der Grünen Woche in Berlin wurde auch demonstriert - für eine Agrarwende, für mehr Tier- und Umweltschutz in der Landwirtschaft. Das Motto: "Wir haben es satt." Dies meinte danach auch ein Ehepaar aus dem Landkreis Tirschenreuth, weil es mit der Berichterstattung in unserer Zeitung extrem unzufrieden war.

Traktoren stehen in Berlin bei der Demo für eine Agrarwende vor dem Brandenburger Tor. Mehrere Tausend Bauern und Umweltaktivisten hatten unter dem Motto "Wir haben es satt" parallel zur Grünen Woche und am Rande der Agrarministerkonferenz für eine ökologischere Landwirtschaft demonstriert. Bild: Paul Zinken/dpa
von Jürgen Kandziora Kontakt Profil

Amberg/Weiden. Das Schreiben der Eheleute ist ein schönes Beispiel dafür, wie Leser reagieren können, wenn sie ihre Erwartungen zu bestimmten Themen nicht erfüllt sehen. Wenn Wunsch und Wirklichkeit auseinanderklaffen, dann sorgt das schnell für Konfliktstoff.

Natürlich gibt es immer wieder Fälle, in denen die Kritik an der Redaktion durchaus berechtigt ist. In dieser Angelegenheit allerdings ergriff ich dann doch für meine Kollegen Partei.

Meine Aufgabe als Leseranwalt ist es zwar unter anderem, Lösungen für eingehende Beschwerden zu finden. Ich bin aber auch dafür da, die Kriterien redaktioneller Arbeit durchschaubar zu machen (Stichwort Medienkompetenz) und den Prozess der Berichterstattung gegenüber der Öffentlichkeit zu verdeutlichen.

"Beigefügt erhalten Sie einen Bericht des Bund Naturschutz zur Großdemo ... ", so begann das Ehepaar seine Mail an mich und monierte: "Dem Neuen Tag war dieses Ereignis gerade mal einen Kurzartikel im unteren Bereich des Wirtschaftsteils wert." Und weiter: "Mein Mann und ich haben zunehmend den Eindruck, dass der Neue Tag seine Leser über solche Ereignisse, die unser aller Lebensgrundlagen betreffen, nicht informieren möchte. Auch Teilnehmer aus der Oberpfalz nahmen an der Demo teil. Sie sprechen sogar von 50 000 Teilnehmern." Die dpa hatte berichtet: "Nach Veranstalterangaben" zogen "mehr als 30 000 Teilnehmer durch das Regierungsviertel".

Jede Menge Kritik

Außerdem mailten die Eheleute: "Stattdessen berichtet der Neue Tag im Wirtschaftsteil davon, dass Reisen bald teurer wird, und im Regionalteil von Karnevalsveranstaltungen aus Marktredwitz und Nabburg. Da können wir als ehemalige Mainzer nur sagen: Helau! Warum enthalten Sie Ihren Leser/Innen die Infos aus Berlin vor? Wundern Sie sich eigentlich noch, dass der Wirtschaftsteil ... bei einer solchen Berichterstattung (oder sollen wir sagen ,Nicht-Berichterstattung') immer weniger Anklang findet? Der Bericht gehört aus unserer Sicht auch dahin, wo sonst Beiträge über den VLAB (Verein für Landschaftspflege und Artenschutz in Bayern, Anm. d. Red.) stehen, in den Bayern-Teil der Zeitung."

Möglichst viele Infos

Ich antwortete dem Ehepaar, dass ich mich grundsätzlich über Feedback aus der Leserschaft freue. Allerdings könne ich seine Meinung nicht ganz teilen. Folgende Punkte führte ich dazu an: "Wir haben doch informiert, es entspricht aber nicht Ihren Erwartungen, weil offensichtlich zu knapp. Bei einer Wirtschaftsseite, die uns montags zur Verfügung steht, geht es darum, möglichst viele Infos unterzubringen und verschiedenste Themenbereiche abzudecken. Dass Reisen bald teurer wird, interessiert sicherlich auch sehr viele Leser. Faschingsveranstaltungen haben ebenfalls ihre Berechtigung und einen festen Leserkreis. Der Bayern-Teil wäre natürlich nicht der richtige Platz für eine Veranstaltung, die in Berlin stattgefunden hat. Sie verweisen auf eine äußerst umfangreiche Pressemitteilung des Bund Naturschutz und nicht auf einen objektiven Bericht, wir haben einen dpa-Bericht im Blatt. Das finde ich in Ordnung. Über die Länge eines Artikels kann man immer diskutieren."

Abschließend merkte ich an: "Ich finde es persönlich schade, dass der Redaktion alles Mögliche unterstellt wird, wenn die Berichterstattung nicht den Vorstellungen entspricht."

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