Große Befragung der Gewerkschaft IG Metall
„Rote Linien“ in der Arbeitswelt

Nicht die 35-Stunden-Woche, sondern ihre "intelligente Verteilung" muss nach Ansicht der IG-Metall-Funktionäre Horst Ott und Josef Bock (von rechts) auf die neuen Herausforderungen abgestimmt werden. Diese Erwartung drückt auch eine Arbeitnehmer-Befragung aus. Bild: Schönberger

Amberg/Weiden. Dem Wandel in der Arbeitswelt entzieht sich auch die mächtige Gewerkschaft IG Metall nicht. Wie antwortet sie auf Herausforderungen wie Digitalisierung, Flexibilisierung oder Homeoffice? Fast 8300 Beschäftigte in der nördlichen und mittleren Oberpfalz schildern ihre Arbeitssituation und formulieren ihre Wünsche.

Die IG Metall befragte - schriftlich über sechs Seiten - bundesweit 681 241 Arbeitnehmer: sowohl Mitglieder, als auch "Nichtorganisierte". Die Geschäftsstelle der IG Metall in Amberg fokussierte sich auf die Beschäftigten in 65 Unternehmen zwischen Amberg und Tirschenreuth.

Bei einer Rücklaufquote von etwa 50 Prozent stufen 1. Bevollmächtigter Horst Ott und Josef Bock (Mitglied des Ortsvorstands der IG Metall) die Umfrage als durchaus repräsentativ ein. So kamen aus dem Siemens-Werk Amberg 1550 (ausgefüllte) Fragebögen, von Siemens Kemnath 700, von Constantia in Pirk (Kreis Neustadt) 350, von der Hamm AG in Tirschenreuth 400, von der BHS Corrugated in Weiherhammer 300 und von ATU in Weiden 450. Im Verhältnis zum Bundestrend beteiligten sich in der mittleren und nördlichen Oberpfalz deutlich mehr Nichtmitglieder (44 Prozent im Vergleich zu 38 Prozent bundesweit). Im Grundtenor der Antworten sieht aber Ott ansonsten "keine großen Abweichungen".

Der IG Metall-Funktionär interpretiert die Zustimmung zum Flächentarifvertrag als große "Leitlinie zur Absicherung von Mindeststandards": "An der 35-Stunden-Woche - im Jahresschnitt - wird in der Befragung nicht gerüttelt. Doch die Verteilung der Arbeitsstunden müssen wir neu justieren ..." Im Gegensatz zu früher, mit vielen strukturell gleichen Betrieben, "ist heute jedes Unternehmen anders": bei Arbeitsabläufen, Arbeitzeiten oder den Anforderungen an die Qualifizierung, Schicht- oder Projektarbeit.

"Für jeden der 65 Betriebe in unserem Zuständigkeitsbereich gilt eine eigene Schublade", betont Ott im Gespräch mit unserer Zeitung. Bisher gibt es für Homeoffice oder Projektarbeit ("ein Riesenthema") keine klaren tariflichen Regelungen, sondern "nur" Betriebsvereinbarungen.

"Strukturierte Spielregeln"

Die Debatte um Flexibilisierung hat in der Arbeitswelt voll eingesetzt. Ott: "Mitglieder fragen, ob es möglich ist, 70 Stunden in der Woche zu arbeiten, um dann die Woche darauf frei zu nehmen ..." Für die zu erwartenden - einschneidenden - Änderungen in der mittel- bis langfristigen Tarifpolitik bedarf es nach Einschätzung von Horst Ott "strukturierter Spielregeln".

Ott und Bock bekräftigen, dass der Flächentarifvertrag "nicht starr und unveränderlich" sei, sondern jeweils an die betrieblichen Erfordernisse angepasst werde. Bock: "Die 35-Stunden-Woche stellt dabei die rote Linie dar." Unaufgeregt sieh Ott das Megathema Industrie 4.0: "Technologische Veränderungen hat es immer schon gegeben. Davon lebt Deutschland." Viel wichtiger sei die Frage, welche Rolle der Mensch dabei spiele.

Wir müssen differenzierte Antworten auf die Veränderungen in der Arbeitswelt geben - und damit intelligent umgehen.Horst Ott, 1. Bevollmächtigter der IG Metall in Amberg


Die Arbeitnehmer generell gibt es nicht mehr.Josef Bock, Mitglied im Ortsvorstand der IG Metall


Befragung der IG MetallAllein in Bayern kamen 150 774 Fragebogen zurück, 8289 im Bezirk der IG-Metall-Geschäftsstelle Amberg. So wurde unter anderem gefragt nach "Gegenleistungen" der Arbeitnehmer für zeitliche Flexibilität, Ausgleich für zusätzliche Arbeitszeit, Schichtmodelle (Vereinbarkeit mit dem Privatleben), Homeoffice, Gleitzeit-Rahmen, befristeter/unbefristeter Beschäftigung. "Hohe Zustimmung" erfolgte für "Arbeitszeiten, die zum Leben passen". Bundesweit sind 90 Prozent der Befragten für die Abschaffung der "sachgrundlosen Befristung", 93 Prozent fordern "gute Perspektiven in der Industrie 4.0". 63 Prozent in der Region stufen die "faire" Integration von Flüchtlingen als sehr wichtig und wichtig ein. 74 Prozent (bundesweit 79 Prozent) wünschen ein Arbeitszeitgesetz (Recht auf Ruhezeit/Abschalten). 92 Prozent regional verlangen eine gesetzlichen Anspruch auf Tarifverträge, um z. B. "Tarifflucht" bei Ausgliederungen zu verhindern. (cf)
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