11.05.2017 - 16:32 Uhr
Oberpfalz

Job-Abbau bei Siemens in Amberg Tränen an der Werkbank

Die Standortleitung hat die Siemens-Mitarbeiter am Donnerstag über die Pläne zur "Effizienzverbesserung" informiert. Die Stimmung bei den Versammlungen sei bedrückend gewesen, berichten Teilnehmer. Auch Tränen seien geflossen.

Das Siemens-Lieferzentrum an der Fuggerstraße gilt firmenintern als Vorzeigebetrieb. Dennoch soll es ausgelagert werden. Der Konzern wolle sich auf sein Kerngeschäft konzentrieren, heißt es zur Begründung. Bild: Hartl
von Uli Piehler Kontakt Profil

Es ist die massive Verunsicherung, die den Siemensianern zu schaffen macht. Alles in allem stehen an den Amberger Standorten 400 Arbeitsplätze zur Disposition. Insgesamt sind im Gerätewerk, im Elektronikwerk und im Lieferzentrum derzeit rund 5000 Menschen beschäftigt. Betriebsratschef Volker Jung zeigte sich am Donnerstag höchst alarmiert, versuchte seine Kollegen aber auch zu beruhigen. "Das wird sich am Ende nicht 1:1 durchschlagen", erklärte Jung.

Oberbürgermeister Michael Cerny war am Mittwoch bei einem vertraulichen Gespräch über die Pläne informiert worden. Noch am Abend habe er länger mit Staatssekretär Albert Füracker und Landtagsabgeordnetem Harald Schwartz telefoniert, sagte er. "Wir brauchen jetzt auch die Unterstützung aus München." Für Amberg komme es mit dem Aus der Leopoldkaserne und der Verlagerung des Firmensitzes der Grammer AG "ganz schön dicke." Sorge bereite ihm vor allem die Auslagerung des Lieferzentrums. Horst Ott von der IG Metall zeigte sich empört. "Es gibt keinen wirtschaftlichen Druck für diese Vorgehensweise", kritisierte er. Er warf der Konzernspitze einen "massiven Vertrauens- und Tabubruch" vor. "Wenn man ohne Not Jobs in Gefahr setzt, heißt das ja im Umkehrschluss: Ich kann so gut arbeiten wie ich will. Irgendwo sitzt einer, der vielleicht Karriere machen will und der dann einfach Stellen streicht." Solche Signale seien fatal. Ott kündigte Widerstand gegen die Pläne an. Am Freitagmorgen will er mit dem Betriebsrat die weitere Vorgehensweise besprechen. Die von der Unternehmensspitze geplanten Maßnahmen für den Amberger Standort im einzelnen:

Lieferzentrum

Am gravierendsten wirken sich die angekündigten Pläne wohl für das an der Fuggerstraße angesiedelte Lieferzentrum (LZA) aus. Die Unternehmensspitze hat erklärt, die bestehenden acht Läger im Großraum Nürnberg, Fürth, Erlangen und Amberg in einem komplett neuen Logistikzentrum zusammenfassen zu wollen. Von einem neuen Standort "im Raum Amberg" ist die Rede. Siemens will das neue Großlager aber nicht betreiben. Ein externer Dienstleister soll das übernehmen. Konkret geht es um 170 Arbeitsplätze, die möglicherweise an diesen ausgelagert werden. Wo das neue Lager entstehen soll, ist noch nicht bekannt. Betriebsratschef Jung geht aber davon aus, dass eine Erweiterung am bisherigen Standort im Westen der Stadt nicht in Frage kommt.

Gerätewerk

Im Gerätewerk (GWA) fällt zunächst ein Volumen von 60 Arbeitsplätzen weg, weil die Herstellung eines Altproduktes ausläuft. Weitere 100 Jobs sollen in den nächsten drei Jahren Schritt für Schritt in das Schwesterwerk Trutnov im Nordosten Tschechiens verlagert werden.

Elektronikwerk

Trotz hervorragender Auftragslage sollen im Elektronikwerk (EWA) 70 Stellen abgebaut werden. Sie wandern in das Partnerwerk nach Chengdu in Zentralchina, wo kostengünstiger produziert werden kann. In Chengdu entsteht gerade eine neue Halle. Durch die Präsenz in Fernost will sich Siemens auch den Zugang zu den asiatischen Märkten sichern.

Effizienter Nackenschlag

Angemerkt von Uli Piehler

Alle waren sie da: Bundeskanzlerin Angela Merkel, der tschechische Premier Bohuslav Sobotka, Ministerpräsident Horst Seehofer, Wirtschaftsministerin Ilse Aigner sowieso. Und immer dienten die Werkshallen an der Werner-von-Siemens-Straße als deutschland-, ja sogar europaweit leuchtende Beispiele für erfolgreiches, effizientes Arbeiten.

Jetzt also hat der Siemens-Konzern seine Pläne für"weitere, gezielte Effizienzverbesserungen" vorgestellt und den Amberger Vorzeige-Mitarbeitern quasi als Dankeschön für ihre Bemühungen einen Nackenschlag verpasst. So wird es empfunden, das Maßnahme-Paket, draußen in den Werkshallen. Und wahrscheinlich liegen die Beschäftigten mit diesem dumpfen Gefühl gar nicht mal so falsch.

Vor allem im Lieferzentrum ist der Unmut riesig. Regelmäßig gab diese Einrichtung innerhalb der Siemens-Familie bei Wirtschaftlichkeit, Leistung und Qualität die Richtung vor. Jetzt sollen die Mitarbeiter, die diese Erfolgsgeschichte zu verantworten haben, ausgegliedert werden, später vielleicht bei einem externen Dienstleister für niedrigere Löhne die gleiche Arbeit verrichten - eine persönliche Tragödie für jeden einzelnen Mitarbeiter und eine Milchmädchenrechnung für den Siemens-Konzern.

Im Blickpunkt

„Das berührt emotional“ Amberg. (ll) CSU-Fraktionsvorsitzender Dieter Mußemann arbeitet seit 36 Jahren bei Siemens, ist seit 26 Jahren im Amberger Standortbetriebsrat. Er nutzte die Sitzung des Hauptausschusses am Donnerstag für einige Worte zur aktuellen Entwicklung am Standort: Es sei ein düsterer Tag für die Mitarbeiter und die Stadt – „das berührt emotional und hat mich wie ein Blitz aus heiterem Himmel getroffen“. Acht Prozent der Belegschaft seien von den Stellenstreichungsplänen betroffen, da müsse es „unser Ziel sein, möglichst viele Arbeitsplätze für die Region zu erhalten“. Zum Beispiel indem man alle Anstrengungen unternehme, um Amberg mit interkommunalen oder städtischen Gewerbeflächen als Standort für das neu entstehende Lieferzentrum des Konzerns interessant zu machen.
Klaus Mrasek (ÖDP) empfand es als besonders bitter, weil keine wirtschaftliche Zwangslage, sondern eine Maßnahme der Gewinnmaximierung hinter der Siemens-Entscheidung stecke. „Ein Unternehmen hat aber nicht nur gegenüber der Kapitalseite eine Verpflichtung, sondern auch gegenüber den Mitarbeitern und der Gesellschaft.“

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