31.08.2017 - 16:56 Uhr
Oberpfalz

Pro Bewerber vier freie Ausbildungsplätze Lehrstellen im Überfluss

"Hast du schon eine Lehrstelle?" Vor ein paar Jahren war das noch eine bange Frage. Die Zeiten haben sich grundlegend geändert. Im Raum Amberg kommen auf einen Bewerber gleich vier freie Stellen.

Im Amberger Siemens-Werk löten Mädchen hochkonzentriert, um ihre binären Uhren anzufertigen. Bild: Stephan Huber
von Carolin Maul Kontakt Profil

Johann Schmalzl, der Amberger Geschäftsstellenleiter der Industrie- und Handelskammer (IHK), bringt es aus seiner Sicht auf den Punkt: "Die Situation hat sich für Lehrstellensuchende verbessert. Die Leidtragenden sind die Betriebe." Es herrsche demnach ein erheblicher Mangel an Fachkräften in der Region, der sich wohl noch verschärfen werde. Zum Ausbildungsstart 2013 konnten 80 Plätze nicht besetzt werden, heuer sind es vermutlich rund 240.

Vor allem bei gewerblich-technischen Berufen sinkt laut Schmalzl die Zahl der abgeschlossenen Ausbildungsverträge, obwohl hier großer Bedarf herrsche. Bei einer Marktanalyse im Juli ergab sich, dass beispielsweise im Bereich Lebensmittelverkauf 33 Azubis gesucht wurden. Bewerber? Null! Ganz ähnlich stellt sich die Situation im Handwerk darf.

Der Trend geht nach wie vor über das Abitur zum Studium. Johann Schmalzl dazu wörtlich: "Dabei sind gut ausgebildete und qualifizierte Fachkräfte die Grundlage des wirtschaftlichen Erfolgs in Deutschland. Betriebe sind auf solche Leute angewiesen, auch, weil die Älteren in Rente gehen." Es gebe beispielsweise immer mehr Ingenieure, doch die Maschinenbaubetriebe müssten Aufträge ablehnen, weil ihnen Leute in der Konstruktion fehlen.

Jedes Jahr Messe

Der IHK-Vertreter appelliert an Eltern, Bewerber und die Ausbildungsbetriebe mit freien Plätzen, das Ruder herumzureißen. Eltern hätten oft keine aktuellen Kenntnisse über die Gegebenheiten und Anforderungen in den einzelnen Berufen, allerdings seien sie meist die wichtigsten Ansprechpartner ihrer Kinder bei der Berufswahl. Um die Eltern auf den neuesten Stand zu bringen, lädt die IHK jedes Jahr zur Ausbildungsmesse nach Amberg ein. Dort erfahren Schüler und Eltern, welche Voraussetzungen, Ausbildungs-, und Aufstiegsmöglichkeiten es gibt. "Die Eltern sollen in einer Ausbildung eine Chance sehen", sagt Schmalzl.

Den unversorgten Bewerbern rät der IHK-Fachmann dazu, nicht starr auf den Traumberuf zu pochen. "Oftmals gibt es sehr ähnliche Alternativen, an die zu Beginn gar nicht gedacht wird", sagt Schmalzl. Die jungen Leute sollten sich bei der Berufsberatung der Arbeitsagentur, auf Messen oder während eines Praktikums über die Berufe informieren. "Vor allem durch ein Praktikum vermeidet man spätere Frustration, wenn einem die Arbeit doch nicht gefällt, weil man sich etwas ganz anderes vorgestellt hat." Eine Variante für schwächere Schüler, die beispielsweise den Quali nicht schaffen, wäre die Praxisklasse in der Ammersrichter Schule. Dort werde nur in Quali-Fächern unterrichtet. Während dieses Jahres lernten die Schüler verschiedene Berufsfelder kennen, vom Sanitär- über den Lebensmittelbereich bis zum Handel.

Einen Tag der offenen Tür, mehr Praktikumsplätze, mehr Kontaktsuche zu den Schülern - alles Punkte, die die IHK den Ausbildungsbetrieben empfiehlt, die noch Lehrlinge suchen. "Die Betriebe müssen an Ihrer Öffentlichkeitsarbeit arbeiten und mehr auf die Schulen zu gehen um die Bewerber zu erreichen", erklärt Schmalzl. Zusätzlich sei es wichtig, die vorhandenen Auszubildenden zufriedenzustellen und somit zu motivieren. Automobile Fischer schaffe das bei den Lehrlingen beispielsweise damit, dass den besten Absolventen nach der Ausbildung für ein Jahr ein kostenloses Auto stellt wird. Die Firma Stahlgruber ist mit ihren Auszubildenden in sozialen Medien vertreten und bietet den Jugendlichen so einen Einblick in die Ausbildung, auch abseits des Alltags. "Motivation macht sehr viel aus", sagt Schmalzl.

Beispiel Siemens

Auch das Bildungswerk der Bayerischen Wirtschaft hat das Problem erkannt. Mit der Initiative "Technik - Zukunft in Bayern 4.0" will es dem Nachwuchsmangel entgegenwirken. Teil des Programms sind die "Mädchen für Technik-Camps" in den Schulferien, die in Unternehmen angeboten werden. In Amberg beteiligt sich zum Beispiel die Siemens AG. Eine Woche lang Auszubildende sein, selbstständig arbeiten, mit den anderen Mädchen Spaß haben und am Schluss die Ergebnisse vor einem großen Publikum präsentieren - das ist die Aufgabe für die Jugendlichen.

"Ich habe mich für das Camp beworben, weil ich mich sehr für Technik interessiere. Es passt alles, es ist voll cool. Auch als Gruppe machen wir ganz viel zusammen", erzählt Tamara mit Begeisterung. Sie und die anderen Mädchen lernen während der fünf Tage bei Siemens gemeinsam technische Ausbildungsberufe kennen und können in den Arbeitsalltag hineinschnuppern. "Das Löten macht einfach Spaß und die Azubis helfen auch", sagt Leonie. Unter Anleitung der Ausbilder und Lehrlinge fertigen die Mädels ihre eigene binäre Uhr an. "Mir gefällt es, dass wir erst üben durften, bevor es richtig losging", findet Larissa.

Auch für Mädchen

"Für die Berufswahl ist es natürlich noch zu früh, aber wir möchten den Mädchen ermöglichen, Technik auszuprobieren", sagt Wolfgang Klee, der Ausbildungsleiter bei Siemens ist: "Technik ist nicht nur etwas für Männer, sondern auch für Frauen." Um Unternehmen langfristig Nachwuchs zu sichern, möchte Siemens mit Hilfe des Technik-Camps die technischen Ausbildungsberufe und Studiengänge attraktiver machen."Es ist das alte leidige Thema, im Handwerk genügend qualifizierte Lehrlinge zu finden. Wir würden gerne mehr ausbilden", sagt Jürgen Pichl, Geschäftsführer der Baufirma Pichl in Hiltersdorf. In seinem Betrieb seien derzeit fünf Auszubildende angestellt, fünf weitere Plätze stehen zur Verfügung. Der Nachwuchs fehle vor allem auf der Baustelle.

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