Regionale Energiewende gegen den Klimawandel
Kleine Wende mit Solartankstelle

Grammer-Solar-Geschäftsführer Siegfried Schröpf spendiert der Öffentlichkeit eine Solar-Tankstelle - ein Beitrag zur regionalen Energiewende. Das Amberger Unternehmen will nach den schattigen Jahren wieder wachsen und eine neue Produktionshalle bauen. Bild: Herda

Ein Jahr nach der gefeierten Pariser Klimakonferenz warnen Experten: Ohne konkrete Maßnahmen werden die Ziele klar verfehlt. Der Fokus verlagert sich auf die Energiewende vor Ort: Grammer Solar eröffnet in Amberg eine Solar-Tankstelle.

Amberg/München. Rückblende: Die Politiker sind in Feierlaune. Am 12. Dezember 2015 einigen sich alle Partner des Weltklimavertrags in Paris völkerrechtlich verbindlich auf eine Begrenzung der Erwärmung auf unter 2 Grad im Vergleich zur vorindustriellen Zeit. Ein Jahr danach ist die Bilanz ernüchternd. Das UN-Umweltprogramm kritisiert: Mit den bisher beschlossenen Regulierungen lande man eher bei einer Erwärmung von 2,7 bis 3,5 Grad. Bei der nächsten Konferenz 2017 in Deutschland, die von der Republik Fidschi organisiert wird, können die Teilnehmer den Anstieg des Meeresspiegels im Inselstaat hautnah miterleben - zumindest via Videokonferenz.

Auch das selbst ernannte Öko-Vorbild Deutschland bringt im November erst in letzter Sekunde den Klimaschutzplan 2050 auf den Weg - ohne Fahrplan für den Kohleausstieg. Franziska Buch, vom Umweltinstitut München: "Was dem Klimaschutzplan fehlt, sind die konkret formulierten Maßnahmen." Auf Betreiben der Lobbies seien konkrete Zusagen aus dem Plan gestrichen worden. "Wenn man sich schon weigert, solche Maßnahmen auch nur beim Namen zu nennen, dann besteht für uns der Verdacht, dass die Ziele auch nicht erreicht werden."

Wirklich beeinflussen könne man die Energiewende eben nur vor der eigenen Haustüre, sagt deshalb Eugen Kuntze von der Münchener Zukunftswerkstatt Hadern, ergon e.V., zum Bayerischen Rundfunk. Etwa mit Miniatur-Solaranlagen, die man in Steckdosen einstecken und auf den Balkon stellen könne. "Die decken den Basisverbrauch in der Wohnung ab." Eine Möglichkeit, Photovoltaik auch im Mietwohnungsbereich einzusetzen. "Dort wo Politik tätig werden kann, sehe ich momentan starke Bremsspuren."

Teslas Sogwirkung

Die Bremsen etwas gelockert hat dagegen Siegfried Schröpf, Geschäftsführer von Grammer Solar in Amberg. Nach Jahren politisch gewollter Gängelung der Erneuerbaren Energien habe er den Eindruck, die Talsohle sei erreicht: "Wir haben 40 Prozent mehr Umsatz als im Vorjahr - wenn auch auf deutlich niedrigerem Niveau als zu Spitzenzeiten." Der Grund? "Die negative Berichterstattung hat aufgehört, die Verunsicherung bezüglich des EEG hat abgenommen." Positive Berichte über E-Mobilität, besonders beim solarautonom produzierenden Hersteller Tesla, entfalteten eine Sogwirkung.

"Vielen wird bewusst, dass Solarenergie immer wirtschaftlicher wird", sagt der Volkswirt. Die eigentlichen Vorteile der Photovoltaik würden wieder in den Vordergrund treten: "Man schafft eine eigene, dezentrale und saubere Energieversorgung, für die keine Trassen nötig sind." Und der selbst produzierte Strom sei konkurrenzlos günstig: "Die Kilowattstunde kostet aktuell um die 10 Cent statt 25 Cent aus dem Netz."

Schröpf nimmt Kora Christoph, Expertin vom Umweltbundesamt, beim Wort, die im Vortrag in München über die Energiewende sagt: "Es gibt einige Hotspots, wie das Auto, das Fliegen, und die Ernährung, wo man viel erreichen kann." Mit der eigenen Solartankstelle nimmt der Oberpfälzer den zweiten großen Bereich, den Verkehr, ins Visier: "Wir stellen unseren solarbetriebenen Ladepunkt der Öffentlichkeit zur Verfügung", sagt Schröpf. In Amberg gebe es nur eine handvoll, deutschlandweit 6500 öffentliche Ladestationen.

Die Kombination hat Charme: "Ein Viertel unserer Anlagen haben wir heuer mit Speicher gebaut", sagt der Unternehmer. Das bringe schon heute eine Autonomie von 66 Prozent. In Kombination mit einem PV-bedeckten Carport mit 10 kW Leistung seien übers Jahr gerechnet zusätzlich rund 50 Prozent der Betriebskosten des Elektrowagens gedeckt. "Ideal ist es, Produktionsspitzen beim Laden des Wagens abzufangen", sagt Schröpf.

Wenn man neben dem Überzeugungstäter im elektrisch betriebenen Firmen-BMWi3 sitzt, kann man nachvollziehen, was Politikwissenschaftler Claus Leggewie meint, wenn er sagt: "Der Klimaschutz kann Spaß machen, das ist ein Projekt für Leute, die die Infrastruktur nicht nur reparieren, sondern vielleicht eine neue aufbauen wollen." Schröpf skizziert eine Welt ohne permanenten Lärm und ohne Abgase: "Wenn wir die Mobilität der Zukunft mit regenerativen Energien betreiben, sehe ich nur Vorteile."

Vorteile der E-Mobilität

Der E-Motor halte deutlich länger als ein Verbrennungsmotor. Ein Benziner mit einem Verbrauch von 5,9 Litern koste pro 100 Kilometer 7,67 Euro - ein E-Auto mit einem Verbrauch von 15 kWh auf 100 Kilometer mit Netzstrom 3,75 und mit Strom aus der eigenen PV-Anlage sogar nur 1,70 Euro. "Bei einer durchschnittlichen Fahrleistung von 15 000 Kilometern im Jahr ergibt sich ein Preisvorteil zwischen 600 und 900 Euro."

Auch Leggewie betrachtet den augenblicklichen Wandel als Chance. Diese müsse man den Menschen besser vermitteln: "Ich versteh' schon, dass viele, die einen Öko in der Verwandtschaft haben, deren Gebaren oft etwas seltsam finden." Weniger Zeigefinger, mehr Lebensfreude, das wirke ansteckend.

Postfaktischer Klimawandel: Angemerkt von Jürgen HerdaDrei beliebte Einwände gegen den "Mensch gemachten Klimawandel" samt Replik:

Klimawandel gab's schon immer: Ja, aber natürliche Klimaschwankungen betrugen in den letzten Jahrtausenden weniger als 1 Grad Celsius im globalen Mittel. Zu einer 3 Grad wärmeren Erde gibt es keine Erfahrungswerte in der Menschheitsgeschichte: So warm war es zuletzt im Pliozän vor 3 Millionen Jahren - bis 3 Grad wärmer bei 20 Meter höherem Meeresspiegel.

Computerprognosen zum Klima sind so verlässlich wie der Wetterbericht: Das ist leider kein guter Vergleich, da das Klima den bekannten Gesetzen der Thermodynamik und Hydrodynamik folgt.

Der menschliche Faktor wird überschätzt: Die Strahlungsbilanz des Planeten, die die globale Temperatur bestimmt, wurde in Grundzügen schon von Joseph Fourier (1768-1830) beschrieben: Wir fügen dem Planeten nach den Gesetzen der Physik Wärme hinzu, und daher steigt zwangsläufig die Temperatur.

Mehr als 2500 wissenschaftliche Gutachter aus 130 Ländern bestätigten für den Weltklimarat der Vereinten Nationen den menschgemachten Klimawandel. In Frage gestellt wird er von einer Handvoll zweitklassiger Forscher im Dienst der Industrie. Dass eine wachsende Zahl von Zweiflern diesen mehr glaubt, ist postfaktischer Mentalität zu verdanken: Ich glaube nichts, was ich nicht glauben will.

juergen.herda@oberpfalzmedien.de
6 Kommentare
234
Dr. Peter Steinbock aus Eschenbach in der Oberpfalz | 14.12.2016 | 20:56  
94
Maria Estl aus Pullenreuth | 15.12.2016 | 10:13  
234
Dr. Peter Steinbock aus Eschenbach in der Oberpfalz | 15.12.2016 | 12:32  
94
Maria Estl aus Pullenreuth | 15.12.2016 | 15:39  
234
Dr. Peter Steinbock aus Eschenbach in der Oberpfalz | 15.12.2016 | 19:41  
6
Wolfgang Rosner aus Mitterteich | 18.12.2016 | 18:42  
Schon dabei? Hier anmelden!
Schreiben Sie einen Kommentar zum Beitrag:
Spam und Eigenwerbung sind nicht gestattet.
Mehr dazu in unserem Verhaltenskodex.