Sind die Dorfwirtshäuser am Ende?
Land ohne Wirte

Philipp Eichinger (links) und Michael Schröder (rechts) sind seit 1. August die neuen Pächter des Gasthofs "Zum Goldenen Löwen" in Kallmünz. Den Gastbetrieb haben sie von Waltraud und Richard Luber (Mitte) übernommen. Familie Luber hat mit der Traditionsgaststätte über viele Jahre gegen den Trend des Wirtshaussterbens auf dem Land eine Erfolgsgeschichte geschrieben. Bild: Paul Böhm

Dieter Roth aus Weigendorf gibt seinem Wirtshaus noch zehn Jahre. Dann hört der 60-Jährige auf. Ein Nachfolger ist nicht in Sicht. So geht es vielen Wirten auf dem Land. Sterben die Dorfwirtschaften aus? Manche stemmen sich erfolgreich dagegen.

Amberg/Weiden/München. Irmgard Nerdinger wird das Gasthaus "Bummelstall" in Neualbenreuth bald schließen müssen. "Aus gesundheitlichen Gründen", sagt die 70-Jährige. Bereits jetzt öffnet sie mit ihrem Mann Erwin nur noch dreimal in der Woche. Die Wirtin im Landkreis Tirschenreuth hat keinen Nachfolger. "Ich habe gar nicht gesucht. Unsere Kinder wohnen ganz woanders."

In Bayern geht das Wirtshaussterben weiter. Auf Anfrage teilt das Bayerische Wirtschaftsministerium mit, die Zahl der Schankwirtschaften im Freistaat sei von 2014 auf 2015 von 5476 auf 5379 zurückgegangen (-1,8 Prozent). Damit setzt sich der Trend der vergangenen Jahre fort. Seit 2006 hat jedes fünfte Wirtshaus in Bayern seine Gaststube für immer geschlossen.

Investitionen gefragt

Auch in der Oberpfalz gibt es immer weniger Gaststätten und Restaurants. Das Statistische Landesamt zählte 2016 im Bezirk 320 neue Gewerbeanmeldungen von Wirten bei gleichzeitig 414 Abmeldungen. Wie ein Sprecher des Wirtschaftsministeriums erklärt, stehen die Gaststätten zunehmend vor den großen Herausforderungen, die durch die Digitalisierung und den allgemeinen gesellschaftlichen Wandel ausgelöst würden. Deshalb müsse sich auch die Wirtshauskultur weiterentwickeln. "Gefragt sind Innovationen und Investitionen", sagt der Sprecher.

Ein Wirtshaus zu betreiben, bleibt im ländlichen Raum häufig Liebhaberei. Das Ehepaar Nerdinger hatte sich den Bummelstall kurz vor der Rente gekauft. Sie hätten sich gedacht, "wenn wir aus dem Beruf rausgehen und null Aufgabe mehr haben, dann werden wir verrückt, dann drehen wir am Rad." Verdient haben sie an dem Wirtshaus nichts, "aber wir haben ja beide unsere Rente gehabt", meint Nerdinger.

Auch Günther Götz lebt nicht von seinem Wirtshaus. Er betreibt den Landgasthof "Zum Mittler" in Steinamwasser bei Auerbach (Landkreis Amberg-Sulzbach). "Wir machen das im Nebenerwerb. Es würd' eh nicht reichen, ich geh noch zusätzlich in die Arbeit, die ganze Familie ist eingespannt." Die Dorflage ist ein Problem: "Jeder, der herkommen will, muss sich ins Auto setzen. Dann greift die 0,5-Promille-Grenze. Und für ein Limo fährt keiner in die Wirtschaft", sagt Götz. Das Stammtisch-Geschehen habe sich erledigt. Ab und an kämen Busse mit Ausflüglern. Und dann gebe es noch die Fremdenzimmer: Dann säßen ein paar Monteure und Vertreter im Lokal. "Ich glaub kaum, dass jemand von meinen Kindern das im Nebenerwerb weiterführt. Dazu möchte ich auch gar nicht raten."

Ohne Familie geht's nicht

"Ein Familienbetrieb kann sich noch einigermaßen erhalten, aber ein Fachbetrieb hat ja keine Chance", sagt Dorfwirt Dieter Roth. Er betreibt seit 30 Jahren seine Wirtschaft in Weigendorf (Landkreis Amberg-Sulzbach). Der 60-Jährige will noch eine Weile weitermachen, bevor er aufhört. Das Problem sei der Pächterwechsel. Da kämen unter Umständen hohe Auflagen auf die neuen Wirte zu. "Und die jungen Leute wollen das nicht."

In engem Austausch mit den Branchenverbänden steuert der Freistaat gegen das Wirtshaussterben: Er bietet Beratungs- und Fördermöglichkeiten. Zudem arbeite man laut Wirtschaftsministerium am Bürokratieabbau. Ziel sei, Wirtshäuser als touristische Anziehungspunkte, aber auch als zentrale Orte der Begegnung überall im Land zu erhalten.

Erlebnisgastronomie

Der in der SPD-Fraktion für Volksfeste und Wirtshauskultur zuständige Abgeordnete Klaus Adelt spricht von einer "kaum mehr aufzuhaltenden Entwicklung". Eine typische Gastwirtschaft auf dem Land sei nur noch sehr schwer zu erhalten. "Wegen fünf Kartern und ein paar Halben Bier setzt sich heute kein Wirt jeden Abend hinter den Tresen", meint er.

Ziel müsse es laut Adelt sein, pro Ortschaft wenigstens noch eine Gastwirtschaft zu erhalten. Dazu müssten sich die Wirte spezialisieren, auf örtliche Spezialitäten setzen und bewusst lokale Traditionen pflegen. Als Träger könnten wie bei den Dorfläden Genossenschaften oder Vereine einspringen.

Ein Beispiel für ein erfolgreiches Wirtshaus auf dem Land ist das Gasthaus "Zum Goldenen Löwen" der Familie Luber in Kallmünz. "Wenn man ein Wirtshaus führt, ist das kein Beruf sondern eine Berufung", sagt Richard Luber. "Man muss Glück haben und braucht neue Ideen."

Neben der Gastwirtschaft bietet der Familienbetrieb selbst gebrautes Bier an, Tochter Katharina arbeitet als Physiotherapeutin, massiert und gibt Yoga. Außerdem spendiert die Familie ein Stipendium: Ein Künstler bekommt vier bis sechs Wochen Kost und Logie und soll in Kallmünz Kunst schaffen. Die Werke werden in Garten und Gaststätte ausgestellt.

Auch mit dem Pächterwechsel hat es bei Familie Luber kürzlich gut geklappt: Die neuen Wirte mussten sich keinen komplizierten Auflagen beugen. "Wir haben Bestandsschutz", sagt Michael Schröder. Der 33-jährige Tegernseer hat den "Goldenen Löwen" mit Philipp Eichinger aus Kallmünz übernommen. "Das Wirtshaus kann fortgeführt werden, wie das seit über 300 Jahren so ist", sagt Schröder. Die Wertschöpfung in der Region sei ein wichtiges Merkmal des Erfolgs. "Bio- und Naturprodukte aus den Nachbarorten, mit denen man möglichst viel selber macht, einfache Küche mit guten Produkten. Das zieht halt."

Für ein Limo fährt keiner in die Wirtschaft.Günther Götz, Wirt im Landgasthof "Zum Mittler"
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