25.05.2017 - 20:00 Uhr
Oberpfalz

Trotz deutlicher Abfuhr für Hastor-Familie Grammer-Krimi nicht zu Ende

Ein Etappensieg für die Grammer AG, aber die Abwehrschlacht ist noch nicht gewonnen: Mehr als 60 Prozent der Aktionäre stellen sich bei der zehnstündigen Hauptversammlung hinter Vorstand und Aufsichtsrat.

Sie parierten auch die abenteuerlichsten Anschuldigungen der Hastor-Seite mit (äußerlicher) Ruhe und Gelassenheit: Aufsichtsratsvorsitzender Klaus Probst als Versammlungsleiter, Vorstandsvorsitzender Hartmut Müller und Finanzvorstand Gerard Cordonnier (von links). Bild: dpa
von Clemens Fütterer Kontakt Profil

Die Generaldebatte erstreckt sich über acht Stunden, davon beansprucht allein der Hastor-Protagonist, Rechtsanwalt Franz Enderle (Kanzlei Bub, Gauweiler & Partner), fast eineinhalb Stunden: mit teilweise bizarren Anschuldigungen. Über 62 Prozent der Aktionäre entlasten Aufsichtsrat und Vorstand. Über 65 Prozent, beziehungsweise 66 Prozent votieren gegen die Abberufung der Aufsichtsräte Klaus Probst, Wolfram Hatz und Bernhard Wankerl sowie gegen den von der Prevent-Gruppe (Hastor-Familie) geforderten "Vertrauensentzug" für den Vorstand. Die Bosnier scheitern auch mit dem Unterfangen, drei eigene Aufsichtsräte zu installieren. Ebenso weisen fast 65 Prozent der Aktionäre Schadenersatzansprüche wegen der Pflichtwandelanleihe in Höhe von 60 Millionen Euro zurück: Diese Anleihe hatte den Weg für den (rettenden) Einstieg des chinesischen Investors Ningbo Jifeng Auto Parts geebnet.

Im ACC finden sich bei der verspäteten Eröffnung um 10.15 Uhr 490 Aktionäre mit insgesamt 67,31 Prozent des Stimmrechtkapitals ein (in den Vorjahren waren es nur 45 Prozent). Die Stimmung im Saal ist hörbar auf der Seite der Grammer-Verantwortlichen, wie Beifall und Buhrufe zeigen. Erst um 20.15 Uhr endet die spannungsgeladene, emotionale Hauptversammlung.

Die wichtigsten Botschaften:

  • Rechtsanwalt Franz Enderle kündigt Widerspruch gegen alle Beschlüsse an; Hastor (mit den Töchtern Prevent und Cascade) sehe den Einstieg bei Grammer langfristig, "mit der Absicht, den Anteil von 23 Prozent weder zu verkaufen noch aufzustocken".
  • Der chinesische Investor Ningbo Jifeng will zu seinen jetzigen 15,07 Prozent weitere Stimmrechte an Grammer erwerben.
  • Die Schutzgemeinschaft der Kapitalanleger (SdK) bietet sich als Vermittler an. Rechtsanwalt und Vorstand Markus Kienle warnt: "Rechtsstreitigkeiten lähmen die operativen Geschäfte." Mehr als zwei Aufsichtsräte seien für die Prevent-Gruppe (Hastor) bei Grammer nicht drin.
  • In einer ersten Reaktion signalisieren sowohl Aufsichtsratsvorsitzender Klaus Probst als auch Vorstandschef Hartmut Müller "Gesprächsbereitschaft" (neben aller Freude über das "klare, eindeutige Votum"). "Die Anspannung bleibt, denn wie geht es weiter?", fragt sich Aufsichtsrats-Vize Horst Ott von der IG Metall.
  • Die Unsicherheiten wegen einer (feindlichen) Übernahme führten bei Grammer im ersten Quartal zu rückläufigen Auftragseingängen in der Größenordnung von 300 Millionen Euro: Realisiert ab 2019, würde dies einen jährlichen Umsatzausfall von 50 Millionen Euro bedeuten.

Untreue, Lüge, Verrat

Genüsslich reibt sich Anwalt Enderle an der sogenannten "Change of Control"-Klausel, nach der den Vorständen beim Ausscheiden (nach einer Übernahme durch Hastor/Prevent) bis zu drei komplette Jahresgehälter zustehen. Auch Aktionärsvertreter kritisieren diesen goldenen Handschlag als "völlig unangemessen". Enderle zeigt sich auch ansonsten mit Vorwürfen an die Adresse der Grammer-Verantwortlichen nicht zimperlich: Untreue, Lüge, Skandal, Straftat, Verschwörung mit dem Großkunden VW, Verrat von Geschäftsgeheimnissen. Enderle empfindet die Antworten als nicht ausreichend, etwa bei der Frage, ob die Grammer-Spitze nicht absichtlich ihr Unternehmen schlechtgeredet und dadurch den Aktienkurs gedrückt habe. Er scheitert mit seinen Anträgen, Klaus Probst als Versammlungsleiter durch Markus Kienle zu ersetzen, und eine neue Hauptversammlung im Juli/August zu terminieren.

Enderle selber bleibt eine Antwort auf die Strategie von Prevent/Hastor bei Grammer schuldig. Stattdessen nervt er mit Spitzfindigkeiten, ob etwa Grammer manche Redebeiträge gesponsert oder die Pressevertreter nach Gusto selektiert habe.

"Verweigerungshaltung"

CEO Müller, der bei manchen Fragen (etwa zur Rolle des chinesischen Investors) seltsam wortkarg wirkt, rühmt in seinem Bericht Umsatz- und Ergebnisrekorde das sechste Mal in Folge, ein deutlich stärkeres Wachstum als bei den Wettbewerbern sowie die Innovationskraft mit derzeit mehr als 100 Entwicklungsprojekten. Er verspricht bis 2021 einen Umsatz von 2,2 Milliarden Euro, was eine Verdoppelung innerhalb von zehn Jahren bedeuten würde. Müller wirft Hastor "intransparentes Vorgehen" und "Verweigerungshaltung" vor, die eigenen Ziele nicht zu kommunizieren. Fazit: "Hastor gefährdet die Zukunft von Grammer."

Es ist beeindruckend, wie die Mitarbeiter loyal zum Unternehmen stehen.Hartmut Müller, Vorstandschef Grammer AG
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