01.06.2017 - 16:24 Uhr
Oberpfalz

Vorstand unterschreibt Eckpunktepapier mit IG Metall Aufstand bei Siemens

Damit hatten die Siemens-Bosse nicht gerechnet: Statt den angekündigten Stellenabbau in Amberg hinzunehmen, probten ihre Untergebenen den Aufstand. Jetzt haben sie mit der IG Metall ein Eckpunktepapier vereinbart.

von Andreas Ascherl Kontakt Profil

Horst Ott arbeitet seit rund 25 Jahren für die IG Metall in Amberg, seit einigen Jahren steht er an deren Spitze. Doch das, was sich in den vergangenen Tagen und Wochen bei Siemens abgespielt hat, hat auch er noch nicht erlebt. Fünf Versammlungen hat er in 24 Stunden in den Siemenswerken und im Lieferzentrum absolviert. "Dort hat sich alles entladen", so erzählt er. "Die Leute waren total selbstbewusst und auf der anderen Seite völlig enttäuscht von ihren Vorgesetzten."

Dafür gibt es nach Ansicht von Ott auch einen Grund: Die Amberger Siemens-Niederlassung wurde zur Fabrik des Jahres gekürt, steht als Musterbeispiel für die Industrie 4.0. "Jeder Politiker ist doch durch dieses Werk getrieben worden", drückt es Ott deftig aus. Und dann werde genau diesen Leuten, die der Grundstock des Erfolgs sind, gesagt, sie seien nicht gut genug, sie müssten gehen. "In diesem Moment zählt das was wir machen oder tun, überhaupt nichts mehr", so Ott. "Die Beschäftigten haben sich nicht mehr wertgeschätzt gefühlt vom Unternehmen.

Stimmung entladen

Diese Stimmung habe sich nun für den Siemens-Vorstand völlig überraschend entladen. Das sofortige Überstundenverbot, die Arbeitsniederlegung von rund 700 Beschäftigten, um für die Grammer-Kollegen zu demonstrieren, damit habe im Vorstand niemand gerechnet. "Und wenn ich den Leuten sage, ich baue in Deutschland auf der einen Seite 2700 Leute ab und auf der anderen 9000 auf, dann bedeutet das: Ich suche zwar Leute, Dich kann ich aber nicht brauchen."

Ergebnis der Wut: Der Siemens-Vorstand hat sich in Person von Manager Karlheinz Kaul und Personalleiter Peter Rihm mit der Gewerkschaft und den Betriebsrat an einen Tisch gesetzt und verhandelt. Nun gibt es ein Eckpunktepapier in Sachen Personal. Darin steht laut IG Metall unter anderem, dass in Amberg die fertigen Azubis unbefristet übernommen werden müssen, außerdem stellt Siemens hier mindestens 50 Lehrlinge pro Jahr ein. Geht man von einer sehr geringen Fluktuation von 30 bis 40 Menschen pro Jahr aus, dürfte es nach Einschätzung von Horst Ott damit auch kein "natürliches Abschmelzen" der Belegschaft geben. Zweiter Punkt: Für jeden Auftrag, der vom Amberger Werk abgezogen wird - nach China oder Tschechien - muss versucht werden, einen Ersatz zu finden. Dafür wird ein Projekt-Team gegründet, das eine entsprechende Strategie ausarbeitet.

Zahlen unter der Lupe

Der dritte Punkt betrifft das Lieferzentrum, das ausgegliedert werden soll. "Das ist ein völliger Schwachsinn, das Amberger Lieferzentrum ist das erfolgreichste von Siemens", sagt Ott. Und es sei das größte und bedeutendste. Der Vorstand habe zugestimmt, der Gewerkschaftsseite alle Zahlen zu geben, auf denen der Beschluss zur Ausgliederung fußte. "Wir werden die intern und extern einer Prüfung durch Gutachter unterziehen." So lange es hier keinen Abschluss gebe, sei die Verlagerung erst einmal vollständig auf Eis gelegt. "Wenn wir nachweisen können, dass das keine wirtschaftliche sondern eine politische Entscheidung war, dann wird es keine geben."

"Der Erfolg von Siemens Amberg ist der Erfolg von EWA (Elektronikwerk), GWA (Gerätewerk) und Lieferzentrum gemeinsam", macht Ott deutlich. Der freut sich über diesen ersten Erfolg, weiß aber auch: "Das haben wir nur so gut hingekriegt, weil wir alle so gut zusammengestanden haben."

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