Alte Rinderrasse weidet auf ehemaligem Grubenglände Leonie
Die Auerochsen von Auerbach

Das Kalb ist erst ein paar Wochen alt und der erste Nachwuchs des Jahres. Bilder (3): Wolfgang Steinbacher
 
"Die Rinder sind lebende Rasenmäher, die kein Benzin brauchen und die man später essen kann." Zitat: Peter Eckert, stellvertretender Kreisgruppenvorsitzender der LBV-Kreisgruppe Amberg Sulzbach
 
Die Heckrinder - oder Auerochsen - verbringen das ganze Jahr im Freien.

Er gab der Stadt Auerbach in der Oberpfalz ihren Namen und ist sogar im Stadtwappen verewigt - der Auerochse. Als Rückzüchtung ist die ausgestorbene Tierart seit knapp 20 Jahren wieder zurück.

Große, dunkle Augen blicken neugierig über den Weidezaun. Wer auf dem Rad- und Fußweg zwischen Auerbach und Degelsdorf unterwegs ist, kommt durch das Naturschutzgebiet Grubenfelder Leonie und vorbei an einer Herde Auerochsen. Mit einer Schulterhöhe von rund 1,60 Metern und den langen, gebogenen Hörnern sehen sie ganz schön bedrohlich aus. Nur ein handelsüblicher Elektro-Zaun mit acht Kilometern Länge trennt Mensch und Tiere. Doch Wolfgang Wiesent, einer der Betreuer der Rinder, beruhigt: "Es muss niemand Angst haben." Aber eine gesunde Portion Respekt vor ihnen sei wichtig.

Das heute gut 80 Hektar umfassende Naturschutzgebiet gehörte einst der Maxhütte. In der Grube Leonie wurde in den 1970er- und 80er-Jahren Eisenerz abgebaut. Der Förderturm ist noch immer von Weitem zu sehen. Nachdem die Maxhütte 1987 Konkurs angemeldet hatte, musste auch die Grube Leonie schließen. Das war das Ende des Erzabbaus in Auerbach.

Freifläche für Naturschutz

Wo früher einmal Ackerflächen waren, ist heute Brachland. Das Gebiet über den Grubenschächten ist nicht mehr geeignet, um bebaut oder landwirtschaftlich genutzt zu werden. Durch Erdsenkungen entstanden Einsturztrichter. Regen füllte sie und machte kleine Tümpel und Seen daraus. Sie bieten gefährdeten Tier- und Pflanzenarten inzwischen neuen Lebensraum. Der Landesbund für Vogelschutz (LBV) hat das Grundstück gekauft und machte 1996 ein Naturschutzgebiet daraus.

"Würden wir nicht eingreifen, würde sich ein Sekundär-Urwald entwickeln", sagt Peter Eckert, stellvertretender Kreisgruppenvorsitzender der LBV-Kreisgruppe Amberg-Sulzbach. "Aber viele der Tierarten, die sich hier angesiedelt haben, brauchen freie Flächen." Anfangs konnten sich die ehrenamtlichen Helfer noch mit der Sense gegen die Überwucherung durchsetzen. Eckert hat sogar einen Sensenmähkurs absolviert, verrät er. "Aber bei 80 Hektar ist das irgendwann nicht mehr zu stemmen." Eine andere Lösung musste her.

Auerochsen statt Schafe

Die Weide ist matschig. Nur noch wenige saftige Grasflecken sind zu sehen. Sicher hätten sich die Verantwortlichen des LBV auch für Ziegen oder Schafe zur Bewirtschaftung entscheiden können. "Da ist die Pflege allerdings wesentlich aufwendiger", stimmen Eckert und Wiesent überein. Schafe müssten intensiver gefüttert werden, im Winter könnten sie nicht auf der Weide bleiben.

Vor beinahe 20 Jahren setzte der LBV als Eigentümer der Grubenfelder Leonie die ersten 17 Rinder ein. So kam das Wappentier und der Namensgeber der Stadt wieder zurück nach Auerbach. Eigentlich handelt es sich um Heckrinder - benannt nach ihren Züchten, den Brüdern Heinz und Lutz Heck. "Auerochsen sind die idealen Tiere für die Dauerbeweidung einer so großen Fläche", sagt Eckert. "Die Rinder sind lebende Rasenmäher, die kein Benzin brauchen und die man später essen kann", scherzt er. Den größten Teil der Zeit werden die Rinder sich selbst überlassen. Sommer wie Winter verbringen sie im Freien - ohne Unterstand. Den brauchen sie nicht. Ihr Fell hält sie warm, und der Wald bietet einen natürlichen Windschutz. "Im Winter füttern wir mit Heu zu", erklärt der Auerbacher. "Sonst wäre zu wenig Nahrung da." Aber wenn der Frühling kommt, erholt sich der Boden rasch. Dann ernähren sich die Auerochsen ausschließlich vom frischen Gras auf der Weide. "Die sind ganz wild auf Brennnesseln", ergänzt Wiesent. Zwei urtümliche Exmoorponys leisten den Ochsen Gesellschaft. Sie sind allerdings sehr scheu und lassen sich nur selten blicken.

Zehn Ehrenamtliche unterstützen die Rinder-Haltung. Sie helfen, das Gras entlang des Weidezauns auszuschneiden oder dokumentieren die Geburten und Schlachtungen. "Das Sterben gehört eben genauso zum Leben wie die Geburt", sagt Wiesent nüchtern. Spätestens nach zwei bis drei Jahren müssten die Jung-Stiere geschlachtet werden. "Dann beginnen sie mit den Rangkämpfen und werden unberechenbar." Gemeinsam mit Dieter Treuter ist Wiesent unter anderem dafür verantwortlich, die Kühe und Rinder in den Fang-Stand zu treiben.

Die beiden Degelsdorfer kennen die Körpersprache der massigen Tiere und können entsprechende Zeichen deuten. Im Gegenzug fressen ihnen die Auerochsen nicht nur aus der Hand, sondern reagieren auch auf jede kleine Bewegung. "Wenn nicht so viele Zuschauer dabei sind, kann ich sie nur mit Schulterbewegungen treiben", erzählt Wiesent stolz. Die Kühe werden in den meisten Fällen bis zu 20 Jahre alt. Um eine Überpopulation zu verhindern, muss aber auch die eine oder andere von ihnen dran glauben.

Erste Nachwuchsfreuden

Den Auerochsen - oder Heckrindern - auf Leonie geht es trotzdem richtig gut. Derzeit leben 42 Tiere auf der Weidefläche. Sie haben genügend Auslauf, Wald, Wiesen und Wasser. Der Rad- und Fußweg, der durch das Naturschutzgebiet verläuft, ist untertunnelt. So gelangen sie an das fließende Wasser des Speckbachs.

Ungefähr 15 bis 17 Geburten können die Naturschützer jedes Jahr verzeichnen. Derzeit freuen sie sich über den ersten Nachwuchs des Jahres. Das Kalb ist gerade einmal zwei Wochen alt. "Zur Niederkunft spalten sich die Kühe von der Herde ab. Erst ein paar Tage nach der Geburt kehren sie mit ihrem Kalb zurück, damit die Herde es aufnimmt", erläutert Eckert. In der folgenden Zeit ist nicht mit den Tieren zu spaßen. "Die Mütter verteidigen ihr Kind bis aufs Äußerste."

Die Rinder sind lebende Rasenmäher, die kein Benzin brauchen und die man später essen kann.Peter Eckert, stellvertretender Kreisgruppenvorsitzender der LBV-Kreisgruppe Amberg Sulzbach


Der AuerochseEr ist der Stammvater aller Hausrinder - der Auerochse, auch Ur, Urochse oder Urus genannt. Er kam in weiten Teilen Europas, Asiens und Nordafrikas vor. Die wildlebende Rinderrasse wurde jedoch vom Menschen gejagt und durch dessen Kulturlandschaft immer mehr aus seinem Lebensraum verdrängt. Seit fast 400 Jahren gilt der Auerochse als ausgestorben. Das vermutlich letzte Exemplar starb 1627.

Die Brüder Heinz und Lutz Heck machten es sich in den 1920er- und 30er-Jahren zum Ziel, eine Abbildungszüchtung des Auerochsen zu erschaffen. Die beiden waren Zoologen und Tierparkdirektoren. Heinz Heck im Münchner Tierpark Hellabrunn, Lutz Heck im Zoologischen Garten Berlin. Zur Rückzüchtung verwendeten sie unabhängig voneinander Genmaterial unter anderem von Podolischen Steppenrindern, Schottischen Hochlandrindern, Spanischen Kampfrindern und einigen Hausrinderrassen. Nach nur wenigen Generationen präsentierten sie Ende der 30er-Jahre einen neuen Auerochsen. Er vereinte wesentliche Eigenschaften des Ur-Rindes, war allerdings erheblich kleiner. Im Laufe der Jahre hat sich dadurch eine sehr robuste, widerstandsfähige Rasse etabliert. (mip)
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