28.02.2018 - 20:00 Uhr

Bibelwissenschaftler Hans-Georg Gradl spricht vor großem Publikum in Auerbach Glaube ist keine Privatsache

Hans-Georg Gradl lehrt als Professor an der Universität Trier über die Deutung des Neuen Testaments. Gebürtig in Eschenbach und aus Kirchenthumbach stammend, empfindet er es aufregend, in der Heimat bibelwissenschaftlich tätig zu werden. In Auerbach findet er Gelegenheit dazu.

Professor Hans-Georg Gradl spricht vor 120 Zuhörern im Auerbacher Kolpingsaal über die "Krise in der Kirche". Bild: wku
von Autor WKUProfil

Die Frage "Ist die Kirche in der Krise?" stellte Gradl seinem Vortrag im Kolpinghaus voraus. Um sie beantworten zu können, schilderte der Theologe die Zustände vor 2000 Jahren. Der gekreuzigte Jesus als Gründer des Christentums galt damals als sehr fragwürdig. Zudem gab es auch bei den Urchristen Krisen, zum Beispiel bei der Versorgung der Witwen. Als sich das Christentum ausbreitete, stellte sich die Frage, ob die bekehrten Völker erst Juden werden und beschnitten sein müssten, um zum Christentum zugelassen zu werden. Bereits in der dritten Christengeneration machten sich auch Ermüdungserscheinungen bemerkbar.

Schon immer gab es also Krisen in der Kirche. Gradl rief die Zuhörer auf, nicht über die heutigen Zustände zu jammern. "Mein Glaube an Jesus ist von der Krise unabhängig", erklärte er. Der Glaube sei keine Privatangelegenheit, sondern sollte soziale und politische Folgen haben. Christ würde jemand nur durch Begegnungen und Erfahrungen. Die Person zähle, die den Glauben praktiziere.

In der nördlichen Oberpfalz herrschen seiner Meinung nach immer noch gute kirchliche Verhältnisse. "Bei uns in Trier können die Lehramtsstudenten mit Fach Religion im ersten Semester nicht einmal das Glaubensbekenntnis auswendig", stellte er ernüchtert fest.

Wichtig sei es für die Kirche, auf den Zeitgeist zu achten, um den Glauben in die jeweilige Ära zu übersetzen. Die Kernaufgabe der Priester sah er in der Verkündigung, in der Feier der Eucharistie und im sozialen Handeln. Alles andere könne dahinter zurückstehen.

Bei der anschließenden Diskussion bedauerte Franz Eller, dass "die Kirche als moralische Institution nicht mehr gefragt ist". Die Entchristlichung sei überall spürbar, daher sei die Glaubensvermittlung die wichtigste Aufgabe der Christen. Als ehemaliger Lehrer kritisierte er die Lehrpläne im Religionsunterricht, der viel mehr die Glaubensgrundlagen in den Mittelpunkt stellen müsste. Seine Forderung: "In die Schule gehört ein Geistlicher!"

Wilhelm Schelz plädierte dafür, Geistlichen für den Religionsunterricht mehr Zeit einzuräumen. "Pfarrer und Religionslehrer sind die Visitenkarte des Glaubens", gab er zu bedenken. Toni Schwemmer verlangte eine Strategie der Kirche, um junge Leute für sich zu interessieren.

Schwester Thekla Hofer war beeindruckt vom Vortrag Gradls, der mit viel Begeisterung und Einsatz seinen Glauben bezeugt habe. Sie rief alle Zuhörer auf, zu überlegen: "Was ist das unverwechselbare Christliche, das ich in unsere Gesellschaft einbringen kann?"

Bei uns in Trier können die Lehramtsstudenten mit Fach Religion im ersten Semester nicht einmal das Glaubensbekenntnis auswendig.Hans-Georg Gradl

Fortsetzung folgt

Das Jubiläum "200 Jahre Dekanat Auerbach" wird mit einer Vortragsreihe gefeiert, die Glaubensimpulse geben soll. Das Referat von Hans-Georg Gradl war der Auftakt dazu und verlief erfolgversprechend: Dekanatsratsvorsitzender Herbert Appl war überwältigt, mehr als 120 Zuhörer vor sich zu sehen. Weitere Vorträge hält Gradl am Freitag, 5. Oktober, mit dem Thema "Wie die Gemeinde wächst - Wegweiser aus der Urzeit des Christentums" und am Freitag, 12. Oktober, über "Was den Glauben attraktiv macht - Einsichten aus der Urzeit des Christentums". (wku)

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