Zwei Klöppel überlebten vor 100 Jahren den Abtransport der Michelfelder Glocken
Relikt aus dem Ersten Weltkrieg

Neun und 15 Kilogramm schwer sind die beiden eisernen Klöppel, die vor 100 Jahren in Michelfeld blieben, als etliche Glocken aus den Kirchtürmen abtransportiert wurden. Ihr Metall sollte die Rohstoffknappheit in der Kriegswirtschaft lindern. Erst vor kurzem kamen die beiden versteckten Klöppel wieder ans Tageslicht. Bild: ll

Fast 100 Jahre galten sie als verloren, dann tauchten sie wieder auf: zwei Klöppel der Glocken in der Michelfelder Friedhofskirche St. Leonhard, die im Januar 1918 abgeliefert werden mussten, damit man aus ihrem Metall Kriegswerkzeug herstellen konnte.

Michelfeld. Gefunden hat sie der Michelfelder Reinhold Böhm. Den einen davon schon vor einiger Zeit, den anderen im vergangenen Jahr, als er seine Scheune abriss. "Die Klöppel waren so halb im Dreck vergraben", erzählt der Michelfelder Kirchenführer Luitpold Dietl, zu dem Böhm die beiden schweren Eisenteile - sie wiegen 9 und 15 Kilogramm - brachte. Aus dem Gewicht lässt sich schließen, dass sie zu der großen und der mittleren der drei Glocken gehörten, die 1918 der Rohstoffknappheit in der deutschen Kriegswirtschaft zum Opfer fielen.

Luitpold Dietl kann sich vorstellen, dass der Großvater und der Vater von Reinhold Böhm - beide waren 1918 beim Abbau der Glocken dabei - sie entweder zur Erinnerung an die schönen Glocken behielten oder in der Hoffnung, dass diese eines Tages zurückkommen könnten. Das geschah jedoch nicht.

Zurück in die Kirche

Dietl lässt für die beiden historischen Teile, die 1889 von der Amberger Firma Kleeblatt gegossen wurden, Halterungen anfertigen, damit man sie wieder in der Friedhofskirche aufbewahren kann.

Wie sehr die Ablieferung der Glocken im Januar 1918 die Michelfelder Katholiken aufwühlte, lässt sich noch an der Schilderung im Verkündbuch von Pfarrer Jakob Eberth erkennen: "Schmerz und Zorn bemächtigte sich der Pfarrei, dass die geweihten Glocken dem schauerlichen, unmenschlichen Morden dienen müssen, Zorn hauptsächlich deshalb, weil noch an keines der ungezählten, sehr oft recht kunst-, wert- und zwecklosen Denkmäler in deutschen Landen die Hand gelegt war und wird." Er meinte offenbar die vielen Bronze-Denkmäler und -Statuen, die man stehen ließ.

Nach Eberths Aufzeichnungen musste die Pfarrei damals eine Leonhardsglocke (über sechs Zentner), eine Marienglocke (über drei Zentner) und eine Michaelsglocke (fast zwei Zentner) aus dem Turm der Friedhofskirche abgeben. Eine weitere durfte bleiben, und: "Das Sterbeglöckchen meldete ich nicht an." Immerhin bekam die Pfarrei für die drei abtransportierten Glocken eine Entschädigung: 3,50 Mark pro Kilogramm, also insgesamt 2037 Mark.

Glocke gleich zerstört

Die Michelfelder Pfarrkirche durfte "durch Vermittlung des königlichen Generalkonservatoriums" drei Glocken behalten. Doch die über elf Zentner schwere Ave-Maria-Glocke, 1835 gegossen, musste abgeliefert werden. Da man sie mit vertretbarem Aufwand nicht in einem Stück aus dem Turm bekam, wurde sie an Ort und Stelle zerschlagen.

In Nasnitz traf es die gut 50 Jahre alte und nur 85 Pfund schwere Glocke in der St.-Anna-Kapelle. Im Akt des Pfarrers Joseph Kormann findet sich dazu der Eintrag: "Durch Verfügung der Heeresleitung musste dieselbe am 30. Januar 1918 abgenommen und eingeliefert werden. Eine traurige Erinnerung für die Nachwelt an den Weltkrieg 1914 - 1918, wodurch die Glocke ... als Gegenstand zum Kriegsdienst und zum Menschenmorden bestimmt wird."
Schon dabei? Hier anmelden!
Schreiben Sie einen Kommentar zum Beitrag:
Spam und Eigenwerbung sind nicht gestattet.
Mehr dazu in unserem Verhaltenskodex.