04.09.2014 - 00:00 Uhr
Deutschland & Welt

Bauer-Verlag sieht Zukunft des schwächelnden Jugendmagazins als Lebensberater und im Netz Das Ende der "Bravo"-Starparade

Wer als Jugendlicher früher die "Bravo" gekauft hat, bekam ein Stück Rebellion gleich mitgeliefert: Mit den Starschnitten tapezierten Generationen von Heranwachsender ihre Zimmer. Und Dr. Sommer stand als progressive Rubrik auch für Aufklärung im klassischen Sinne - für das Recht, sich zum ersten Mal über Sexualität Gedanken zu machen und eigene Sorgen zu äußern.

Wer in Bremen eine originale "Bravo" aus den Siebzigern lesen will, geht in die Kneipe. In der Szene-Bar "Wohnzimmer" können Gäste in Retro-Heften durch das Magazin blättern, während sie auf ihre Drinks warten. Bild: dpa
von Agentur DPAProfil

Ihr Skandalpotenzial hat die "Bravo" inzwischen verloren - und muss ihre Zukunft deshalb neu ausloten. Künftig will sie sich viel stärker als eine Art Lebensberater der Jugendlichen positionieren. "Es mag nicht mehr um Rebellion gehen, aber immer noch um Abgrenzung", sagt Marc de Laporte, Verlagsgeschäftsführer der Bauer München Redaktions KG.

Die "Bravo" will weg vom schnelllebigen Star-Kosmos, um den jungen Lesern mehr Orientierung zu "lebensnahen Themen" bieten zu können, erklärt Laporte. Dabei gehe es um die zentralen Fragen des täglichen Lebens: Welche Kinofilme und Schminktipps sind angesagt? Über was wird auf dem Schulhof geredet? Und welche Trends, Youtube-Stars, Musiker oder Apps sind im Kommen?

Auch der digitale Auftritt befindet sich im Umbruch. Der Verlag will Bravo.de zum "Social Magazine" umbauen, sagt Marc de Laporte. Mit Social-Media-Tools soll die Community besser eingebunden werden, um so einen stärkeren Bezug der Leser zur Marke "Bravo" herzustellen. Die Besucher der Internetseite können künftig die Beiträge in sozialen Netzwerken teilen, ihre Meinung mit vorgegebenen Buttons äußern - Smiley, Herzchen, WTF (übersetzt etwa: Was zum Teufel?). Geplant sind auch Fotos und Mailadressen der Autoren bei den Artikeln - für die Leser soll die Redaktion greifbarer werden.

Relaunch im September

Die neue Version von Bravo.de werde im Laufe des Septembers ins Netz gehen, sagte der Director Digital bei "Bravo", Steffen Schmid. Die alte Webseite mit ihrer großen Reichweite ist relativ profitabel. Die Besucherzahlen kletterten innerhalb eines Jahres um 130 Prozent auf acht Millionen geklettert - mit der Webseite schreibe man "schwarze Zahlen".

Im Gegensatz zum Print-Magazin. Die Gründe liegen auf der Hand: Nicht einmal jeder vierte Jugendliche las 2013 noch regelmäßig gedruckte Zeitschriften. Auf dieses Ergebnis kommt die Studie Jugend, Information, (Multi-) Media (JIM). Tatsächlich gingen zuletzt nur rund 144 000 Hefte über die Theke. 1998 wurden noch 970 000 Exemplare verkauft.

Hinzu kommt, dass die junge Leserschaft das Interesse an Dr. Sommer verliert. "Als ich mein erstes Praktikum bei ,Bravo' gemacht habe, zur Wendezeit, wurden jeden Tag Waschkörbe mit Briefen reingetragen", sagte die ehemalige Leiterin der Aufklärungsrubrik, Jutta Stiehler, dem "Stern". Heute gehen lediglich 500 Mails oder Briefe pro Woche ein. Vor Wochen kündigte Stiehler. 16 Jahre lang beantwortete sie als Dr. Sommer alle "ersten" Fragen der Heranwachsenden - der erste Kuss, die erste Liebe, das erste Mal. Nach ihrer Entlassung entbrannte eine Debatte um die Glaubwürdigkeit der "Bravo".

"Dr. Sommer" digital

Auf die Kritik kontert der Verlag nun mit einer digitalen Lösung: Mit einem Dr.-Sommer-Kanal will die "Bravo" sich wieder stärker seiner Kernkompetenz widmen. "Dr. Sommer als digitale Instanz findet man sonst nirgendwo auf der Welt", sagt Laporte.

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