Der Außenminister ist deutlich lockerer geworden - Bei den Sympathiewerten hapert es noch
Wahlkampf mit Señor Westerwelle

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Bayern
04.05.2013
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Manchmal denkt auch Guido Westerwelle darüber nach, was man im Leben außer der Politik noch so anfangen kann. Sogar länger schon. Einmal, noch als FDP-Generalsekretär, kündigte er bereits seinen Abschied an. "Etwa mit Mitte 40 möchte ich aussteigen, um was Neues machen." Dass daraus nichts wurde, ist bekannt. Jetzt ist er 51, ehemaliger FDP-Chef und früherer Vizekanzler, aber immer noch Außenminister. Was er neu macht: Westerwelle hat begonnen, Spanisch zu lernen.

All zu viel hineingeheimnissen muss man in die Sache nicht. Die Vokabelpaukerei hat ihren Grund nicht darin, dass Westerwelle sich beruflich anders orientieren will: Wenn es geht, will er Außenminister bleiben. Und die neue Sprache hat auch nur wenig damit zu tun, dass einige der "neuen Kraftzentren der Welt", von denen Westerwelle jetzt so gerne spricht, in Südamerika liegen. Eher damit, dass er mit seinem Ehemann Michael Mronz jetzt eine Villa auf Mallorca besitzt. Spanisch kann da sehr helfen.

Ausgezeichnetes Englisch


Trotzdem sagt das neue Interesse einiges aus - ruft man sich in Erinnerung, wie Westerwelle seinen Start als Minister auch dadurch verpatzte, dass er keine Antworten auf Englisch geben wollte ("Das ist Deutschland hier!"). Heute, nach dreieinhalb Jahren, in denen er schon mehr als 100 Länder gesehen hat, ist das alles kein Problem mehr: Sein Englisch ist inzwischen ausgezeichnet. Bei den meisten Reisen ist nicht einmal für die komplizierten Fälle noch eine Übersetzerin dabei.

Überhaupt ist Westerwelle nach arg verkrampftem Beginn deutlich lockerer geworden. Bei einem Besuch diese Woche in Mosambik flachste der FDP-Mann mit seinem Kollegen Oldemiro Balói von der ehemals marxistischen Regierungspartei Frelimo vor den Kameras darüber, dass man die Rollen auch mal tauschen könnte. Erwartungsgemäß ließen es die beiden dann doch, aber immerhin.

Fit im Laufschritt

Der Zwischenstopp in Mosambik war Teil eines strammen Programms, das Westerwelle noch einmal unternimmt, bevor der Bundestags-Wahlkampf so richtig beginnt. Allein in den letzten drei Monaten war er in zwei Dutzend Ländern. Die nächste größere Tour führt zu Pfingsten in den Nahen Osten. Fit hält er sich mit Laufen. Auf der Afrika-Reise zog er an fünf Tagen gleich drei Mal los, am Strand von Accra, in Kapstadt und in Maputo. Vergleiche mit dem einstigen grünen Dauerläufer Joschka Fischer mag er trotzdem nicht.
Dass von manchen Reisen zu Hause kaum jemand Notiz nimmt, spielt für Westerwelle angeblich keine große Rolle. Entscheidend sei, in den neuen Wachstumsländern außerhalb von Europa dabei zu sein, wenn es darauf ankommt. Auch im Umgang mit Kritik ist er gelassener geworden. Die gibt es weiterhin - wegen Syrien, wegen der "Kultur der militärischen Zurückhaltung" und zeitgleicher Waffenlieferungen, wegen des Umgangs mit schwierigen Partnern wie Russland oder China. Aber vom "Außenminister light", der auf schwierige Fragen nur Phrasen parat habe, redet heute keiner mehr. Auf dem diplomatischen Parkett macht Westerwelle inzwischen eine sichere Figur. Schon gehört er zu Europas dienstältesten Außenministern. In Frankreich - nur zum Vergleich - trifft er den Kollegen Nummer vier. Status-Probleme wie jüngst beim Besuch des neuen US-Ministers John Kerry, der lieber nur mit Angela Merkel vor die Presse gegangen wäre, sind selten. Manche Komplimente sind aber durchaus noch vergiftet. Einer von den wichtigeren ausländischen Botschaftern in Berlin sagt: "Westerwelle ist jetzt so weit, wie er eigentlich nach einem Jahr hätte sein müssen."
Was die Beliebtheitswerte angeht, stehen die Dinge komplizierter. Seit dem Abschied vom Parteivorsitz im Frühjahr 2011 hat sich Westerwelle in den Umfragen deutlich erholt. In den internen Kabinetts-Vergleichen liegt er inzwischen im oberen Feld, wenn auch mit enormen Abstand zur Kanzlerin. Von Sympathiewerten, wie sie die Vorgänger hatten, kann er immer noch nur träumen. Trotzdem ist der ehemalige FDP-Chef der Meinung, dass er seiner Partei bei der Wahl am 22. September einen "Außenminister-Bonus" bringen wird. Beweisen muss er das in Nordrhein-Westfalen, wo er wieder als Spitzenkandidat antritt. Hier muss die FDP Punkte holen, damit sie ihre schwächeren Regionen ausgleichen kann. Nur so gibt es die Chance, dass sie an der Regierung bleibt.

FDP-Beziehungsgeflecht

Spannend wird auch, ob Westerwelle im ohnehin schon komplizierten Beziehungsgeflecht zwischen Parteichef Philipp Rösler und Spitzenkandidat Rainer Brüderle seine Wahlkampf-Rolle finden kann. Auf dem Parteitag an diesem Wochenende in Nürnberg jedenfalls will er sich zurückhalten. Oben auf dem Podium sitzen, die Debatten übers Wahlprogramm verfolgen, aber keine größere Rede halten. Und wer weiß: Vielleicht hat er sogar die Spanisch-Vokabeln dabei.
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