13.08.2013 - 00:00 Uhr
Deutschland & Welt

Im Landkreis Rosenheim "impfen" Flugzeuge Gewitterwolken mit einem Aceton-Silberjodid-Gemisch: Chemiekeule gegen Hagel-Bombardement

von Agentur DPAProfil

Mit knapp 300 Stundenkilometern rattert Pilot Georg Vogl in 1000 Metern Höhe mit seinem Kleinflugzeug auf eine dunkle Gewitterwolke zu. An den Flügeln sind zwei Tanks mit jeweils 20 Litern einer chemischen Flüssigkeit. Vogl muss sich jetzt auf sein Fingerspitzengefühl verlassen und zum richtigen Zeitpunkt seine Munition zünden. Wenn der Deutsche Wetterdienst Alarm schlägt, "impft" Vogl im Landkreis Rosenheim Gewitterwolken gegen Hagel. Er ist einer von fünf Hagelpiloten und Geschäftsführer des Vereins zur Erforschung der Wirksamkeit der Hagelbekämpfung im Raum Rosenheim.

"Cloud Seeding" nennt sich die Methode, bei der ein Aceton-Silberjodid-Gemisch vom Flugzeug aus unter der Wolke abgeschossen wird. Die Silber-Jodid-Ionen bieten den Wassermolekülen in der Wolke Andockstellen, so dass Wassertröpfchen oder Hagelkörnchen entstehen. Je mehr sich davon bilden, desto kleiner und harmloser sind die Graupelkörnchen, die auf dem Weg zum Boden schmelzen. Zerstörerische Hagelschäden für Mensch und Umwelt könnten so verhindert werden, sagt Vogl.

Wissenschaftlich umstritten

Etwa 20 Hagelflüge pro Jahr absolviert die Crew der Hagelabwehr. Ihr Einsatzgebiet erstreckt sich über die Landkreise Rosenheim, Miesbach und Traunstein sowie über 13 angrenzende Gemeinden des österreichischen Bezirks Kufstein. Die Region ist besonders häufig von Hagel betroffen, erste Experimente zur Hagelabwehr gab es daher schon in den 1930er Jahren. Wissenschaftlich ist die Methode jedoch umstritten. Ein Gutachten des Deutschen Zentrums für Luft- und Raumfahrt (DLR) ergab 1993, dass der Effekt des Hagelfliegens wissenschaftlich nicht nachzuweisen sei. Vor einigen Jahren sagte der ehemalige ARD-Wetterexperte Jörg Kachelmann, man könne das Geld für die Hagelflieger auch gleich aus dem Flugzeug werfen.

Klaus Dieter Beheng vom Institut für Meteorologie und Klimaforschung des Karlsruher Instituts für Technologie findet diese Aussagen jedoch zu drastisch. "Es gibt Hinweise aus der Wissenschaft, dass das Hagelrisiko bei einer Impfung abnimmt, einen Beweis gibt es aber nicht." Diesen könne es aber auch gar nicht geben, weil dafür zwei identische Wolken miteinander verglichen werden müssten - die eine geimpft, die andere naturbelassen. Obwohl wissenschaftliche Beweise fehlen, setzten Landwirte weltweit auf diese Form der Hagelabwehr. Zu zählen scheint die gefühlte Verbesserung. So werden nicht nur in deutschen Wein- und Obstanbau-Regionen wie Baden-Württemberg, sondern auch in Österreich, der Schweiz, Spanien, Frankreich, Kanada, Argentinien, China, Russland und den USA Hagelflieger eingesetzt.
Auf das DLR-Gutachten folgten damals Unterschriftenaktionen der Bürger und Proteste seitens des Bauernverbandes, der Obst-und Gartenbauvereine. "Besonders die älteren Bauern in der Region berichten, seit es die Hagelflieger gebe, habe sich die Zahl der schweren Hagelschäden verringert", sagt Stephan Kürschner von der Geschäftsstelle des Bayerischen Bauernverbandes in Holzkirchen. Die Rosenheimer Hagelabwehr wurde daher fortgesetzt und der Verein zur Erforschung der Wirksamkeit der Hagelbekämpfung gegründet.

Auch Vogl sieht die Kritik gelassen und zweifelt an der Methodik der Studie. Die Forscher hätten nicht die Größe der Körner gemessen, sondern nur, ob in den untersuchten Wolken Hagel zu finden sei. "Dabei behaupten wir gar nicht, Hagel zu vernichten, sondern nur, diesen zu zerkleinern." Das größte Problem sei ohnehin der Wettlauf gegen die Zeit. "Das Radarbild, das ich bekomme, ist schon fünf bis zehn Minuten alt. Wenn es uns nicht gelingt, rechtzeitig an der richtigen Stelle zu sein, hat man keinen Erfolg", sagt Vogl.

Teure Angelegenheit

Die Hagelabwehr in Rosenheim kostet rund 250 000 Euro im Jahr. "Vor allem der teure Sprit und die Versicherungen treiben die Kosten in die Höhe", berichtet Vogel. 25 Prozent trägt der Verein, der Rest wird von den Landkreisen Rosenheim, Traunstein, Miesbach und einigen österreichischen Gemeinden finanziert.

Die überwiegend ehrenamtlichen Hagelflieger werden auch in der Region unterstützt, mehr als 8000 offizielle Mitgliedschaften zählt der Verein. "Der Rückhalt in der Bevölkerung ist nach wie vor groß, solange das so ist, wird es auch weitergehen mit der Hagelfliegerei", sagt Pilot Vogl.

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