Andreas Gabalier im Olympiastadion München
Der ganz normale Gabalahnsinn

Andreas Gabalier (32) gelang mit einer modernen Auslegung der Volksmusik die Schaffung des neuen Genres "Volksrock'n'Roll".
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Bayern
02.07.2017
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Der Steirer ist pünktlich. Genau um 20 Uhr entert er die Bühne.
 
Das Olympiastadion feiert Gabalier nach drei Stunden Volks-Rock-'n'-Roll-Show.

Olympiastadion, Samstagabend, kurz nach 23 Uhr. Der Regen hat nachgelassen, die Ränge leeren sich. Nur Andreas Gabalier steht noch auf der Bühne.

München. Anscheinend kann er es selbst nicht glauben, was sich in den drei Stunden davor hier abgespielt hat, denn nach 2016 hat er erneut mit über 70 000 Fans das "Oly" gefüllt. Die "größte Volks-Rock'n'Roll-Show der Welt - Teil 2" hat Gabalier sein Open Air in "Minga" betitelt. Die Fans, die meisten in Lederhosen und Dirndl, kommen in Scharen - sofern sie im Chaos zwischen BMW-Welt, Parkharfe hinter der Haupttribüne und sonstigen Nebenstraßen einen Parkplatz ergattern konnten.

Kitsch war gestern

Der Steirer selbst ist pünktlich. Genau um 20 Uhr entert er die Bühne. Die ist unerwartet unkitschig und luftig gestaltet - transparente Leuchtbildschirme, rot-weiß-karierter Steg tief hinein ins Publikum. Für den 32-Jährigen reicht das. "I sing a Liad für Di" und "Hulapalu" kommen nicht gleich am Anfang, obwohl von den Fans gewünscht und gefordert, sondern werden, sauber verpackt in ein grooviges Medley, kurz angespielt. Immerhin zappelt der Hintern zur Freude der vielen "Madln". Gabalier tastet sich rein. Er schwärmt von großartiger Stimmung in München, die zu diesem Zeitpunkt aber erst köchelt. Kochen wird sie erst im letzten Drittel der Show.

"Sie", "Sweet little Rehlein", "Steirerland" sind bekannte Songs, die der 32-Jährige gleich zu Beginn abfeuert. Mit großen Ansprachen hält er sich zurück. Die Band spielt solide, der Ton passt. Das Wetter hält (noch) und mit "Zuckerpuppen", "Die Beichte", "So liab hob i di" und dem CCR-Klassiker "Proud Mary" geht dann schließlich München auch richtig ab. Da holt Gabalier mit der Vollversion von "I sing a Liad für di", "Volks-Rock'n'Roller" und dem zum Partyknaller mutierten Neun-Minuten-"Hulapalu" auch die letzten von den Sitzschalen.

2018 schon fast ausverkauft

Danach setzt der Regen ein. Ein paar eilen raus, verpassen das obligatorische "Amoi seng ma uns wieder". Der Rest feiert Gabalier nach drei Stunden Volks-Rock-'n'-Roll-Show. In München wieder sehen kann man ihn im Juni 2018 - das Olympiastadion ist schon für 16. Juni gebucht. Wie Gabalier selbst sagt, gibt's nur noch 10 000 Resttickets.










Interview der Deutschen Presse Agentur mit Andreas Gabalier vor dem Konzert in München:

Andreas Gabalier (32) gelang mit einer modernen Auslegung der Volksmusik nicht nur die Schaffung des neuen Genres «Volksrock'n'Roll». Der Sänger und Musiker löste mit seiner Musik auch einen gewaltigen Wirbel im deutschsprachigen Raum aus. Acht Jahre nach seinem Erstlingswerk «Da komm' ich her» zählt der Mann aus Kärnten zu den zugkräftigsten Stars Europas. Auch sein zweites Konzert im Münchner Olympiastadion am Samstag war schon Monate zuvor ausverkauft. Wenn Fans bei traurigen Liedern weinen, dann leidet er mit, erzählt Gabalier im Interview der Deutschen Presse-Agentur.

Frage: Machen Sie Auftritte vor so großer Kulisse wie in dem ausverkauften Münchner Olympiastadion sehr nervös?

Antwort: Nervosität ist das nicht unbedingt, und Lampenfieber auf keinen Fall. Es ist mehr Vorfreude. Aber natürlich bringe ich bei solchen Auftritten die nötige Portion Ehrfurcht und Respekt mit. Auch weil ich weiß, dass das – vor 70 000 Zuschauern zu spielen – nicht selbstverständlich ist. Das weiß ich zu schätzen und genieße das.

Frage: Sie haben einen Hype erschaffen. Doch Hypes kommen und gehen. Haben Sie keine Angst, dass alles schlagartig vorbei sein könnte?

Antwort: Nein, gar nicht. Ich bin ein Mensch, der mit beiden Beinen in der Gegenwart steht. Eher denke ich an die Vergangenheit, an die guten, alten Zeiten, an meine Kindheits- und Jugend-Erlebnisse. Da trauere ich so manchem nach. Beispielsweise dass mein Vater und meine Schwester nicht mehr leben.

Frage: Beide haben Suizid begangen. In ihrem Lied «Amoi seg' ma uns wieder» thematisieren Sie das. Wie schaffen Sie es, dieses Lied live zu singen, ohne dabei von den Emotionen überwältigt zu werden?

Antwort: Es kommt schon vor, dass ich da Tränen in die Augen bekomme. Vor allem, wenn ich ins Publikum blicke und tränenüberströmte Menschen sehe, die schluchzen und gestützt werden müssen, weil sie vermutlich selbst einen lieben Menschen verloren haben. Wenn ich das sehe, dann packt es mich. Ich bin ein sehr emotionaler Typ und leide oft mit mir fremden Menschen mit. Das Lied ist für mich mittlerweile ein absolut hoffnungsvoller Song und ich spiele ihn sehr gerne.

Frage: Selbst in Hamburg und Berlin spielen Sie in ausverkauften Arenen. Was, denken Sie, ist der Grund für diese Begeisterung?

Antwort: Ich biete den Menschen mehr als nur Musik: Es ist ein riesiges Lebensgefühl, das ich vermittle. Und ich glaube, dass die Menschen erkennen, dass ich grundehrlich bin, dass ich Geschichten aus meinem Leben erzähle. Geschichten von einem Bauernbub.

Frage: Mit dem Bauernbub kokettieren Sie aber. Ihre Eltern waren keine Bauern und Sie selbst hatten ein Jura-Studium begonnen.

Antwort: Zur Hälfte bin ich schon ein Bauernbub. Meine Eltern waren in der gesamten großen Verwandtschaft die einzigen, die vom Land in die Stadt gezogen sind. Mein Vater war ja Architekt, meine Mutter Lehrerin. Aber meine Großeltern und alle meine Cousins sind Bauern, und wir – meine Eltern, meine drei Geschwister und ich – waren jedes Wochenende und jede Ferien bei ihnen auf den Höfen.

Frage: Sie haben mittlerweile die Schattenseiten der Popularität kennen gelernt. Ihre Worte werden auf die Goldwaage gelegt und manche Kritiker rücken Sie in die rechte Ecke.

Antwort: Stimmt, weil für manche das Wort «Tradition» mittlerweile eine seltsame Bedeutung hat. Aber ich verbinde Tradition mit positiven und schönen Erfahrungen – und so geht es anscheinend auch einer riesigen Menge an Menschen. Meistens rege ich mich über diese Kritik nicht auf. Aber wenn es zu weit geht, dann übergebe ich das meinem Anwalt, dann muss jemand mal in seine Schranken verwiesen werden. Man muss nicht mögen, was ich mache, aber man muss mich auch nicht so anschwärzen.

Frage: Wie zum Beispiel Matthias Naske, der Intendant des Wiener Konzerthauses. Der sagte in einem Interview, dass er Sie nie in seiner Spielstätte auftreten lassen würde, weil man wissen müsse, wer Sie sind und wofür Sie stehen. Nun: Wer ist Andreas Gabalier und wofür steht er?

Antwort: Das ist ein ganz normaler, bodenständiger Bub, der irgendwann mal angefangen hat, Musik zu machen und der sicherlich ein bisschen für Tradition steht – aber in einem modernen Sinne.

ZUR PERSON: Andreas Gabalier wurde 1984 in Kärnten geboren und wuchs mit drei Geschwistern auf. Er absolvierte eine Handelsakademie und begann ein Jurastudium in Graz. 2008 startete er seine Musikkarriere, schon sein 2009 veröffentlichtes Debüt-Album «Da komm' ich her» eroberte die Charts. Seitdem geht es für den selbst ernannten «Volksrock'n'Roller» bergauf. Sein jüngstes, 2015 erschienenes Album «Mountain Man», landete in Deutschland, Österreich und der Schweiz jeweils auf Platz eins der Charts.
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