03.09.2014 - 00:00 Uhr
Deutschland & Welt

Christoph Willibald Glucks Oper in Münchener Fußgängerunterführung - Verlegt in die Gegenwart Mit "Orphée et Eurydice" in den Untergrund

Danae Kontora und Derek Rue mimten das Liebespaar in Glucks Oper "Orphée et Eurydice" diesseits im Zuschauerraum. Bild: Misha Jackl
von Autor MSRProfil

Orpheus steigt hinab in die Unterwelt. Das Publikum sitzt schon da. Hinter einer dicken Scheibe, in der gekachelten Fußgängerunterführung Maximilians-Forum, wabern rote Nebel. Schemenhafte Gestalten mit Motorradhelmen hasten, schwanken, schlurfen mühsam durch den Hades. In den dunklen Orchesterklang mischt sich das dumpfe Dröhnen einer Straßenbahn, die oben durch die Stadt fährt, und unter ihr den dramatischen Eindruck des Totenreiches effektvoll verstärkt.

Für seine Inszenierung von Glucks Orphée et Eurydice hätte Regisseur Andreas Wiedermann mit seinem freien Ensemble opera incognita keinen geeigneteren Ort wählen können. In einem gesperrten Durchgang entwickelte er das Bühnengeschehen. Im Zwischenbereich zum anderen unterirdischen Durchgang war das Publikum - getrennt durch eine riesige zweiflügelige Glastür - platziert. Orpheus' Klagen und sein betörender Gesang hinter einer Glaswand? Wie kann das gehen und vor allem wie klingen?

Doppeltes Paar

Wiedermann hat sich für die Lösung eines ebenso einfachen, wie genialen Kniffes bedient: Kurzerhand hat er den thrakischen Sänger und seine verstorbene Geliebte verdoppelt. Hinter der Glastür tanzten die Brasilianer Renan Martins de Oliveira und Manuela Fiori Schneider im eigentlichen Bühnenraum das Liebespaar, während diesseits im Zuschauerraum Derek Rue (Tenor) und Danae Kontora (Sopran) auf Tuchfühlung mit dem Publikum sangen.

Nach Benjamin Brittens "The Turn of the Screw" im Müllerschen Volksbad vergangenes Jahr heuer nun zum 300. Geburtstag des Oberpfälzers Christoph Willibald Gluck dessen bekannteste Oper erneut an einem höchst ungewöhnlichen Ort: Wiedermann hat die antike Erzählung mit Kapuzenpulli, Handy, Jeans und Wollmütze in die Gegenwart verlegt. Eurydice auf der Intensivstation mit Großauftrieb, Orpheus in der ersten Szene klagend hinter der Scheibe.

Die Verlegung der Oper ins Heute wirkt stimmig, denn der prosaische Ort unter der Straßenkreuzung wird vielfach als potenziell gefährlich, drogenverseucht und unsauber wahrgenommen. Es ist im wahrsten Sinn eine Durchgangsstation. Wiedermann und sein musikalischer Leiter Ernst Bartmann haben Glucks Meilenstein der Musikgeschichte über die Liebe und die Macht der Musik zudem gestrafft und ein wenig umgemodelt. Spannende Kontraste ergeben sich durch elektronische Zuspielungen düsterer Klangwogen. Der Einsatz einer E-Gitarre anstelle von Orpheus' Leier irritierte zwar anfänglich, wirkte am Ende aber etwas zu zaghaft und rein illustrativ.

Auch für die erneute Erweckung Eurydices zum Leben durch Amour fand der Regisseur eine zeitgemäße Lösung. Angetrieben von Rues (Orpheus) unter die Haut gehender Klage "J'ai perdu mon Eurydice" sang Fasoli "Wenn jemand fortgeht, kehrt alles Erschaffene zurück" in Form eines modernen Popsongs auf englisch. Mit diesem melancholisch-federleichten Gedicht des Mazedoniers Nikola Madzirov wird Eurydices (Weiter-)Existenz auf einer spirituellen Ebene gedeutet. Im Wunsch und Wille des niedergeschmetterten Orpheus zum Leben hat auch seine über alles geliebte Frau eine Chance zum Weiterleben - "Nichts ist neu", heißt es in dem zum Popsong umfunktionierten Poem.

Solisten und Chor sangen und spielten mit vollem Einsatz und engagierter Hingabe auf einem hohen Niveau. Auch einige minimale Abstimmungsprobleme zwischen Orchester und Sänger konnten an diesem positiven Gesamteindruck nichts ändern. Die Akustik des niedrigen Raums und die Nähe zum Publikum verlieh dem Gesang vielmehr eine nahezu physische Präsenz und fesselnde Stärke, die glauben machte, es mit einem doppelt oder dreimal so großen Chor zu tun zu haben.

Noch drei Aufführungen

Gewöhnungsbedürftig war dagegen anfänglich die Choreografie für das doppelte Liebespaar hinter der Glasfront - die nur zweimal kurz als Tor zwischen Unter- und Oberwelt geöffnet wurde. Der enthusiastische Beifall bei der Premiere war durchaus verdient. Diese einfallsreiche und reizvolle Inszenierung hat das Zeug, auch junge, theaterferne Menschen zu begeistern. Weitere Aufführungen am 3., 4. und 6. September, jeweils 20 Uhr, Maximilians-Forum München. Karten unter Telefon 0151/1580 9091 oder Email (awiedermann[at]gmx[dot]de).

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