"Die Gezeicneten" bei den Opernfestspielen
Von der Tragik der Hässlichkeit

Schreiers "Die Gezeichneten" hinterließen zum Beginn der Münchner Opernfestspiele einen zwiespältigen Eindruck. Bild: Wilfried Hösl
Kultur BY
Bayern
04.07.2017
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Seit fast 100 Jahren wurde Schreiers "Die Gezeichneten" nicht mehr aufgeführt. Zu den Münchner Opernfestspielen sollte die Revitalisierung etwas Besonderes sein. Ein Opern-Hype wie in der Weimarer Zeit wird diese Inszenierung bestimmt nicht.

München. Das Sängerensemble und das erweiterte Staatsorchester unter der musikalischen Leitung von Ingo Metzmacher sind bestens aufeinander eingestimmt, das spätromantische impressionistische Funkeln der Musik ist überaus transparent zu hören, die brachiale Realität tobt mit tonaler Wucht dazwischen und die Sänger halten, wenn auch wenig differenziert, so doch mit souveränen Stimmvolumen, dagegen. Aber: Das Problem ist die Langatmigkeit der Komposition und des Librettos.

Dreieinhalb Stunden arbeitet sich Schreier an der Psychoanalyse gezeichneter Menschen ab. Der hässliche Alvina baut aus Sehnsucht nach Schönheit ein "Elysium", einen Ort des vollkommenen Glücks, den seine Freunde für Orgien missbrauchen. Dem will Alvina durch Schenkung an die Öffentlichkeit entgegenwirken. Dabei verliebt er sich in die schöne Carlotta, ebenfalls eine Gezeichnete. Aus Angst vor körperliche Liebe wird für sie die Kunst zum Surrogat. Im geglückten Kunstwerk spürt sie sinnliche Erregung, lebt sie aber mit Alvinas Freund und Frauenkenner Tamara aus, worauf Alvina ihn ermordet, Carlotta stirbt, Alvina dem Wahn verfällt.

Distanzierende Akzente

Der psychologischen Vielschichtigkeit des Librettos entspricht die facettenreiche Musik. Beides zusammen ergibt eine typische Oper zu Beginn des 20. Jahrhunderts. Man hört viel Strauß, gelegentlich Wagner, Puccini klingt an, wenig Schreier, alles in psychoanalytischer Langatmigkeit. Schreier als Gezeichneter der Zeit zwischen großen Komponisten und Freud?

Krzysztof Warlikowkski (Regie) und Malgorzata Szczesniak (Bühne, Kostüme) zumindest setzen distanzierende Akzente, wenn sie Schrekers mit seinem Text "Mein Charakterporträt" zwischen egomanischer Hybris und selbstironischer Parodie selbst zu Wort kommen lassen und mit Hüftschwüngen einer XXL-Nackten voluminöse Opernlust karikieren. Gespiegelt flimmern die Opernlogen im Bühnenhintergrund als erotisches Elysium, davor ganz modern, kühl und "businesslike" ein Meeting der Machos, die ihre Hahnenkämpfe im Ring ausboxen. Statt Alviano zu zeichnen blickt ihn Carlotta im Stil von Marina Abramovics Sitzungen vis-a-vis, um das Schöne in der Tristesse des Lebens zu entdecken.

Gleichzeitig führt ein Video Carlottas Domestizierung als surreales Kontrastprogramm in einer braven Mäusefamilie vor Augen, das trotz Kuscheltieroptik und Kanapee letztendlich auf die Therapeutencouch führt und gleichzeitig Schrekers Musik auf filmische Begleitmusik reduziert. Die Crux ist, dass sich durch die Wiederholungstrukturen des Videos (Denis Guéguin), wenn auch in unterschiedlichen Symbolfarben und Schärfegraden, die Langatmigkeit der Komposition intensiviert.

Liebe und schnöde Lust

Erst nach der Pause dramatisiert sich das Geschehen durch die Simultaneität der Bildwelten über Liebe, Schönheit und schnöder Lust. Der Opernchor erobert als braves Mäusevolk das Elysium und ist fasziniert von den Schwarz-Weiß-Filmstils, in denen das Schöne das Böse erobert. Gleichzeitig tanzen ein Dutzend Tänzer in Glitzertangas, als wären sie gerade aus dem "Sommernachtstraum" des Staatsballetts entsprungen, auf Spitze Ästhetik pur, während Alvianos Freunde hinter der Bar eine Schöne vernaschen.

Orchestrale Dynamik

Ingo Metzacher, der sich gern vom Bühnengeschehen inspirieren lässt, intensiviert die orchestrale Dynamik, wodurch Schrekers Musik zwischen lyrisch-impressionistischen Glitzern und Funkeln, triumphalen Eruptionen, realistischer Brutalität an Spannung gewinnt, überstrahlt von den kraftvollen Stimmen Catherine Naglestads (Carlotta), John Daszaks (Alvianos), Christopher Maltmans (Tamare). In der Schlussszene ist jegliche Art der Liebe erloschen, das Elysium verlischt, die personifizierte XXL-Lust liegt tot im Glasschrein. Die Sonnenscheibe verblasst zum Neumond und verbreitet Lars-von-Trier-Melancholia. Alvianos siecht weiter als "Elefant Man", selbst im Wahn noch im Bewusstsein seine Hässlichkeit unter einem Tuch verbergen zu müssen.

Das macht alles Sinn, ist klug arrangiert, doch Begeisterung kommt nicht wirklich auf, weil Bildwelten analytisch hinterfragen, wenn Tonwelten emotional schwelgen.
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