Felicitas von Lovenberg im Interview
Krisen können Kreativität wecken

Felicitas von Lovenberg ist seit März 2016 Chefin des Piper-Verlages in München. Sie zieht Bilanz ihres ersten Jahres. Bild: dpa
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Bayern
18.01.2017
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Bevor sie an die Spitze des Piper-Verlages kam, war Felicitas von Lovenberg Literaturkritikerin. Heute liest sie etwas anders - aber nicht weniger gerne.

München. Seit März 2016 ist die ehemalige Literaturkritikerin Felicitas von Lovenberg Verlegerin des Münchner Piper-Verlages. Im Interview zieht sie die Bilanz ihres ersten Jahres an der Verlagsspitze und erklärt, warum ein schwieriges Jahr wie 2016 gut sein kann für die Literatur.

Glauben Sie, dass ein Jahr wie das, das jetzt hinter uns liegt, Auswirkungen auf die Literatur haben wird, die uns in den kommenden Jahren begegnet?

Felicitas von Lovenberg: Diese Frage stelle ich mir seit der Nacht der Wahl von Donald Trump zum US-Präsidenten. Ich glaube, dass Krisen für das Schreiben, für Schriftsteller nicht schlecht sind, denn es geht im Moment um sehr viel. Wenn der Wohlfühl-Kokon aufbricht, ist das für die literarische Produktion oft ergiebig. Das sieht man naturgemäß erst im Nachhinein, weil Literatur Zeit braucht. Aber was bedeuten diese Entwicklungen für die Leser? Bedeuten sie, dass sie eher eskapistisch reagieren und sagen, sie möchten sich mit den komplexen Problemen, die ihnen täglich in den Medien begegnen, nicht auch noch in Büchern befassen? Oder werden sie in ihren Lektüren eher nach Hintergründen, Antworten und Analysen suchen? Wahrscheinlich wird es alles geben.

Hat sich der Wohlfühl-Kokon, in dem wir uns sehr lange befunden haben, schlecht auf die Literatur ausgewirkt?

Das wollte ich damit nicht sagen. Schauen Sie sich die 1980er Jahre an, die für die Bundesrepublik gewissermaßen das Wohlfühl-Szenario schlechthin waren, und welch großartige Romane es darüber gibt. Ich glaube, Schriftsteller von Rang können zu jeder Zeit hinter die Fassaden ihrer Gegenwart schauen - damit sind Katastrophen und politische Entwicklungen ebenso gemeint wie bürgerliche Fassaden der Anständigkeit. Aber Zeitläufe, die einen umtreiben, können kreativ besonders ergiebig sein. Die Herausforderungen sind da. Wer als Autor das Zeug dazu hat, wird versuchen, sie anzunehmen.

Sie haben in einem Interview gesagt, "Lesen ist keine Arbeit". Hat sich daran im vergangenen Jahr durch Ihren Rollenwechsel zur Verlegerin etwas geändert?

Überhaupt nicht. Ich empfinde Lesen nicht als Arbeit, sondern als die schönste Tätigkeit, die ich mir vorstellen kann. Je besser das Buch, desto lieber übt man sie aus. Klar gibt es auch das ein oder andere Manuskript, bei dem man nicht nur Wohlfühlmomente hat. Aber insgesamt empfinde ich Lesen nicht als Arbeit, sondern als Gewinn an Perspektive.

Sie sind jetzt in einer Position, in der sie nicht nur die Qualität von Büchern bewerten müssen, sondern auch ihre Chancen auf dem Markt, ihr wirtschaftliches Potenzial. Hat Sie das schon in die Bredouille gebracht?

Natürlich möchte man, dass sich ein Buch gut verkauft, aber was das bedeutet, ist von Buch zu Buch unterschiedlich. Bei einem literarischen Titel kann bereits eine Auflage ein ansehnlicher Erfolg sein, die für ein kommerzielles Buch eher enttäuschend wäre. Die Frage, die sich bei jedem Buch stellt, ist, ob das Buch sein Potenzial beim Leser ausschöpfen wird. Und natürlich gibt es auch Manuskripte, bei denen das Herz Ja sagt, der Kopf aber Nein. Leider.

Wundern Sie sich manchmal darüber, was auf dem Markt Erfolg hat?

Ich wundere mich eher über das, was keinen Erfolg hat. Bei den erfolgreichen Werken kann man meist ganz gut erklären, warum das so ist. Aber viel größer ist die Zahl der ebenso guten Bücher, die es nicht auf die Bestseller-Liste schaffen, ohne dass man wüsste, warum. Da kann man nur sagen: Es liegt nicht am Buch, dass es keinen Erfolg hat. Ich wundere mich also nicht über die Bestseller, sondern über die Nicht-Bestseller.

Zum Beispiel?

Tilman Röhrigs Luther-Roman "Die Flügel der Freiheit". Das ist ein fesselnd Stück Historie. Natürlich hat Tilman Röhrig viele Fans, aber gerade dieses ist ein Buch, das sich gerade in diesen Zeiten meines Erachtens noch viel stärker verkaufen müsste.

Wo sehen Sie die größten Herausforderungen für Piper in den kommenden Jahren?

Wir stehen vor denselben Fragen wie die ganze Branche: Wie erreichen wir Leser in einer Zeit, in der weniger Bücher gelesen werden? Es gibt gut 80 000 Neuerscheinungen im Jahr, aber die Schar der Leser schrumpft und der Platz in den Läden ist begrenzt. Eine der größten Herausforderungen ist es, auf das einzelne Buch aufmerksam zu machen und den Kontakt zum Leser nicht zu verlieren. Dass Leser, Bücher und Autoren eine Gemeinschaft bleiben, wie sie es immer waren, darin sehe ich die größte Aufgabe.

Leser nicht verlieren ist die eine Sache. Glauben Sie an die Möglichkeit, Menschen, die noch nicht lesen, für Bücher zu begeistern?

Darauf hoffe ich. Zum Glück ist das Kinderbuch eines der erfolgreichsten Segmente auf dem Buchmarkt. Wenn man sich vor Augen führt, was J.K. Rowling für die Leselust von Generationen bewirkt hat, dann lässt sich erahnen, wie groß das Potenzial ist. In unserer Kultur wird viel dafür getan, Menschen von Kindheit an für das Lesen zu begeistern. Lesen ist die wunderbarste Gewohnheit, die es gibt - aber es ist eben auch eine Gewohnheit, die geübt sein will. Man muss lernen, sich in das Geschriebene zu versenken, allein zu sein mit seinem Buch. Wer alle paar Minuten eine neue E-Mail aufruft, Nachrichten oder Bilder empfängt oder verschickt, wird wahrscheinlich nicht zu einem Menschen, der sich ein Leben ohne Bücher nicht vorstellen kann.
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