15.07.2013 - 00:00 Uhr
Deutschland & Welt

"Hamlet" feiert umjubelte Premiere bei den Luisenburg-Festspielen Vom Sein, vom Nichtsein und vom ganzen verrückten Rest

Was macht man bloß in der heutigen Zeit, in der Könige und Königinnen mit ihrem Anhang eigentlich nur noch die Seiten der bunten Klatschpostillen füllen, mit einem mehr als 400 Jahre alten Theaterstück, in dem es um Intrigen und Gegenintrigen bei Hofe geht? Sehr richtig: Man distanziert sich, wenn man es auf die Bühne bringt. Man abstrahiert, man modernisiert, man karikiert.

"Time ist out of joint", die Zeit ist aus den Fugen geraten. Horatio (Matthias Lehmann, links) schreibt in prophetischer Manier an die Wände. Er scheint der Einzige zu sein, der Durch- und Überblick behält. Hamlet hingegen, als Nervenbündel von Holger Bülow (rechts) gespielt, verliert sich schnell im Strudel aus Intrigen und Irrsinn. Bilder: Luisenburg-Festspiele/sff fotodesign
von Redaktion OnetzProfil

Nur so ist es möglich, dass aus Shakespeares altem Dänen-Drama "Hamlet" auf der Luisenburg fast so etwas wie die Boulevard-Version eines Klassikers geworden ist, die zwar an tragischer Wucht verloren, aber an Unterhaltungspotenzial gewonnen hat.

Unter der Regie von Christian Nickel, der unter anderem als Faust in Peter Steins Mammut-Inszenierung auf der "Expo 2000" in Hannover für Aufsehen sorgte, feierte "Hamlet" am Freitag Premiere auf der Luisenburg. Schon das Bühnenbild, das im Wesentlichen aus angerosteten Blechfassaden besteht, soll keinen realen Königshof und keine Burg zeigen, es deutet stattdessen an und illustriert. Ebenso die Kostüme, die weder einer bestimmten Epoche noch einem konkreten Ort zuzuweisen sind: Während die Wachen, die zu Beginn den Geist des verblichenen Königs von Dänemark sichten, eher klassisch gekleidet sind, kommt der Protagonist in Kapuzenpulli und Stoffhose eher wie Facebook-Gründer Mark Zuckerberg daher.

Diesen Hamlet, scheinbar ein ewiger Student, spielt Holger Bülow (Jahrgang 1979) mit durchwegs unsicherer Körpersprache, oft taumelnd, und mit einer Intonation, die nicht selten an Rio Reiser erinnert - das macht es manchmal schwer, ihm seine Gefühle auch abzukaufen. Denn der junge Prinz hat es bekanntlich wirklich nicht leicht: Der Braten vom Leichenschmaus zu Ehren seines Vaters ist gerade erkaltet, da wird er wieder als Häppchen auf der Hochzeit seiner Mutter gereicht.

Gertrud (Chris Nonnast) hat sich des Königs Bruder Claudius (Peter Kaghanovitch) zum Mann genommen - und damit ihm die Krone aufgesetzt und dem Fass den Boden ausgeschlagen. Zumindest für Hamlet: "Ein vernunftloses Vieh würde länger getrauert haben", ätzt er, und Bülow demonstriert durch seine Interpretation hier und in etlichen anderen Momenten, dass Shakespeares Sprache mit ihren wundervollen Spitzen auch nach Jahrhunderten immer noch sticht. "Wenn ich jedem begegne, wie er es verdient, wer bezieht dann keine Schläge?"

Trotzdem ist sein Hamlet kein düsterer Grübler, der gequält zwischen Glaube und Zweifel pendelt und sich in den (gespielten) Irrsinn steigert. Stattdessen wirkt er zumeist wie ein zu groß geratenes, benommenes Problemkind mit messerscharfem Intellekt, der immer wieder aufblitzt. Immerhin will er einen Mord aufklären am Hof des neuen dänischen Königs, wo auch alle anderen Figuren leicht überzeichnet, überdreht, verzerrt und verloren wirken.

Nur ein Mann scheint in Nickels Bühnen-Universum noch normal und hat den Überblick: Es ist Horatio, der Freund des Prinzen, bestens gespielt von Matthias Lehmann. Mit Kreide schreibt er während des gesamten Stückes immer wieder Phrasen aus dem englischen Originaltext an die Blechwände - "there's method in it", es hat Methode. Stimmt. Denn "the writing's on the wall" sagt man im Englischen so schön - es steht oft an der Wand, was unausweichlich ist.

Unausweichlich, das ist das Drama. Erst verliert Hamlets Ex-Geliebte Ophelia (Maria Weidner) nach dem Tod ihres Vaters (Peter Albers) auf höchst theatralische Weise den Verstand, dann ertrinkt sie. Der Prinz, vom Stiefvater und entlarvten Königsmörder nach England in den sicheren Tod geschickt, kehrt zurück, liefert sich mit Ophelias Bruder Laertes (Sebastian M. Winkler) ein Duell.

Am Ende freilich heißt es: "Der Rest ist Schweigen." Fast alle sind tot, und nur Horatio bleibt übrig, um den norwegischen Truppen zu berichten, wie sich der dänische Königshof durch Intrigen und Stümperhaftigkeit selbst ausgelöscht hat.

Tosender Premierenapplaus belohnte zu Recht die ansehnlichen Leistungen auf der Bühne. Dieser behutsam modernisierte "Hamlet" ließ zweieinhalb Stunden rasch vergehen, verschonte das Publikum mit Zumutungen und präsentierte den uralten Stoff unterhaltsam und verdaulich. Vielleicht passt er ja gerade deshalb ganz gut in unsere Zeit.

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Nächste Vorstellungen: 17., 20., 21., 24., 26. und 27. Juli sowie am 3. August jeweils um 20.30 Uhr. Karten beim NT/AZ-Ticketservice unter Telefon 0961/85-550 und 09621/306-230.

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Weitere Informationen im Internet:

www.luisenburg-aktuell.de/klassiker.html

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