Henrik Ibsens Drama "Hedda Gabler" wird im Schauspielhaus Nürnberg als puristische und ...
Die unstillbare, tödliche Gier nach dem selbstbestimmten Leben

Hedda (Anna Keil) erkennt, dass sie sich verrannt hat. Ihre Vernunftehe mit Jorgen Tesman (Stefan Lorch) führt zu Unfreiheit. In ihr wachsen Wut, Verzweiflung und die Sehnsucht nach Leben. Bild: Marion Bührle
Kultur BY
Bayern
18.04.2013
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Nein, auch wenn sie immer wieder sanft ihren Bauch streichelt: Es ist kein Kind, das in ihr wächst. Ein leidenschaftliches Feuer brennt in der Tiefe ihres Leibes. Es sind die Fantasien und Sehnsüchte, die nach außen treiben und nach Leben trachten.

Und es ist die Wut und Verzweiflung, die wie ein Säugling immer größer wird. Aus Angst vor dem sozialen Abstieg hat sie sich auf eine Versorgungsehe eingelassen. Doch schon während der Hochzeitsreise erkennt sie den Fehler. Resigniert steht sie vor einem Scherbenhaufen. Noch ahnt sie nicht, was in ihr wächst.

Christoph Mehler erweckt Henrik Ibsens "Hedda Gabler" im Schauspielhaus zu kargem Leben. Während der Regisseur seinen Nürnberger "Woyzeck" noch als Versuchstier nackt über die Bühne hetzte, versetzt er Hedda in eine Art Schockstarre. Da steht sie still auf einem weißen Bretterboden. Hinter ihr tut sich ein schwarzer Abgrund auf. Kaum eine Rührung ist zu erkennen. Auch ihren Mitspielern wendet sie meist den Rücken zu. Nur die Zuschauer können dem leisen Spiel der Emotionen folgen, indem sie in Heddas Gesichtszügen lesen. Angewidert wendet sie sich von ihrem Gatten ab, sobald dieser sie zu küssen versucht: Stefan Lorch brilliert hier als liebenswert-naiver, tollpatschiger, vor Liebe blinder Jorgen Tesman.

Kalt wie ein Eisberg

Hedda, überaus eindringlich und Gänsehaut erzeugend von Anna Keil in Szene gesetzt, steht da wie ein Eisberg, an dem jedes Gefühl abprallt und im Meer der Kälte versinkt. Nur ab und zu huscht ein Lächeln über ihr maskenhaftes Gesicht. Zum Beispiel dann, wenn ihre Jugendliebe Eilert Lovborg plötzlich auftaucht und ihr scheinbar so abgesichertes Leben ins Wanken bringt.

Felix Axel Preißler gibt dem begehrten Lebemann von einst die stimmige Balance zwischen Verführer und Versager mit auf den Weg. Henriette Schmidt als fürsorgliche, aber hyperaktive Thea Elvsted und Pius Maria Cüppers als Richter Brack setzen weitere Glanzpunkte in Ibsens tiefgründigem Ehedrama. Christoph Mehlers Kunst besteht darin, durch Straffen des Textes auf 90 Minuten den Wesenskern dieser Tragödie auf den Punkt zu bringen. Obwohl wenig geredet wird, gibt es viel zu erleben. Das meiste spielt sich im Inneren ab, ist Kopfkino, regt zum Nachdenken an und lässt immer wieder gruseln.

Asche fällt vom Himmel

Da fällt weißer Ascheregen vom Himmel, und die Musik von Oliver Urbanski schwillt dramatisch an, wenn Hedda ihre Ausweglosigkeit erkennt. Ihr Wunsch, "ein einziges Mal Macht über das Schicksal eines Menschen zu haben", mag in Erfüllung gehen.

Ihre Gier nach Leben jedoch ist nicht zu stillen, wächst weiter, wird zum Verderben für Andere und letztlich zum Todesurteil für sie selbst.

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Die nächsten Vorstellungen: 18. und 26. April sowie am 4., 7., 18. und 23. Mai jeweils um 19.30 Uhr.

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Weitere Informationen im Internet:

http://www.staatstheater-nuernberg.de
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