Interview mit Hubert Ettl
"Ein mit Zweifeln gepflasterter Weg"

Hubert Ettl beschäftigt sich auf über 200 Seiten mit der Frage, welche Rolle die Religion im großen Konkurrenzgeschäft der Sinnanbieter spielt. Vor allem aber legt er seine Beweggründe dar, weshalb für ihn Glaube und Zweifel zwei untrennbar verbundene geistige Aggregatszustände sind. Bilder: Verlag (2)
Kultur BY
Bayern
16.12.2016
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Ein Buch, das Denkanstöße gibt.

Kurz nach dem Fall des Eisernen Vorhangs hat Hubert Ettl in Viechtach den Verlag "Edition Lichtung" gegründet. Bis vor zwei Jahren führte er dessen Geschäfte. Als er dann in den Ruhestand ging, da fand er endlich Zeit, das zu tun, wozu er so lang keine Gelegenheit gefunden hatte: nämlich selbst ein Buch zu schreiben.

Viechtach. Das Ergebnis liegt jetzt vor: In "Zweifelnd glauben" setzt sich Hubert Ettl damit auseinander, weshalb den traditionellen Kirchen die Leute davonlaufen, obwohl Religiosität und Spiritualität den Menschen in Europa offenkundig nicht verloren gegangen sind. Die Suche nach etwas, das das Innerste berührt, scheint nach wie vor lebendig zu sein, auch in der entzauberten Gesellschaft unserer Gegenwart. Die Kulturredaktion führte mit ihm dieses Interview.

Wir befinden uns im Advent, in einer Wochen ist Weihnachten. Die Christenheit feiert die Geburt des Sohns Gottes. Ist das eher Kinderglaube - oder ein wichtiger Bestandteil auch Ihres Weltbildes?

Hubert Ettl: Natürlich lebt an Weihnachten der Kinderglaube. Für jeden, der von klein auf in den christlichen Glauben hineingewachsen ist. Und auch bei denen, die nicht mehr an Gott glauben, hat das Fest seinen Zauber meist nicht verloren. Für den gläubigen Christen ist es das Fest, bei dem die Geburt dieses Mannes Jesus von Nazareth gefeiert wird. Ich denke, dass Jesus uns Gott neu gezeigt hat. Er bricht mit dem alten Gottesbild eines rächenden, strafenden und Angst einflößenden Gottes. Das bedeutet: Wenn man die Religionsgeschichte insgesamt betrachtet, dann ist das schon eine Revolution

Ihr Buch "Zweifelnd glauben" hat etwas von einer Streitschrift: Sie treten ein für ein undogmatisches Verhältnis zu Gott und für ein Glaubensverständnis, das um sein Nichtwissen weiß. Das ist aber nicht unbedingt die Position der Amtskirche?

Leider ist's so. Die Amtskirche tut zum Teil noch immer so, als könnte der Glaube heute noch ein Gehorsamsglaube sein, bei dem man einige Lehrsätze auswendig lernt und die dann Grundlage des Glaubens werden. Diese Zeiten aber sind vorbei. Gott sei Dank. Freilich - und das ist meine Erfahrung in den letzten zehn Jahren - es herrscht an der Basis der katholischen wie auch der evangelischen Kirche eine große Offenheit. Und ich war auch überrascht, wie aufgeklärt sich die Theologie in den letzten 50 Jahren entwickelt hat.

Ihr Weg als Glaubender ist nicht geradlinig verlaufen. Ihre Kindheits- und Jugendjahre waren stark vom katholischen Glauben geprägt, später wandten Sie sich ab - um jetzt, als Mittsechziger, wieder zurückzukehren. Sind das bloße innere Entscheidungen? Oder sind dafür auch äußere Wegmarken ausschlaggebend?

Wie man lebt, welche Erfahrungen man macht, was man letztlich glaubt - rein weltlich oder auch religiös, das basiert immer auf Erfahrungen in der Welt. Meiner Meinung nach sind Inneres und Äußeres eng miteinander verbunden und nicht strikt zu trennen. Ich bin in den letzten Monaten oft gefragt worden, ob ich so ein Saulus-Paulus-Erlebnis gehabt hätte. Ich muss die Frager dann immer etwas enttäuschen.

Nein, mein Zurückkommen war ein langer Prozess, bei dem zum einen mein säkulares Weltbild ohne Gott immer löchriger und fragwürdiger wurde und ich mir andererseits meine Religiosität, meinen Glauben wieder neu aneignen musste. Der religiöse Glaube ist heute einer der Suche, ein sicherlich immer wieder mit Zweifeln gepflasterter Weg, kein sicherer Besitz von allein seligmachenden Wahrheiten.

Die Beschäftigung mit dem Glauben ist für Sie auch intellektuelles Abenteuer, und dabei spielen die Schriften eines Theologen eine besondere Rolle: Die von Joseph Ratzinger, der als Papst Benedikt XVI. auch den Stuhl Petri erklommen hat. Was hat er Ihnen gegeben?

Zunächst hatte ich bei meiner Auseinandersetzung mit dem Christentum einige Bücher von Hans Küng gelesen. Joseph Ratzinger war für mich ein erzkonservativer, ja reaktionärer Vertreter der katholischen Kirche. Elektrisiert hat mich 2004 ein Bericht über ein Gespräch von ihm mit dem großen Philosophen Jürgen Habermas. Der ist ein wichtiger Vertreter der kritischen Frankfurter Schule, von denen ich während meines Studiums einiges gelesen hatte.

Gerade die ersten beiden Interview-Bücher von Peter Seewald zeigten: Dieser Ratzinger, der inzwischen Papst geworden war, vertritt eine Theologie, die von Vernunft und Aufklärung geprägt ist. Da musste ich mein Urteil, mein Vorurteil korrigieren. Aber das muss man auch sagen: Manchmal scheint er in seinem Leben und Handeln Angst vor seiner eigenen Courage bekommen zu haben und ist voll auf die Bremse gestiegen. Aber man kann von ihm einiges lernen, zum Beispiel über die Bedeutung der Vernunft für den Glauben oder das christliche Gottesbild.

Der Glaube ist einerseits etwas, das einem persönlich Stabilität und Halt zu vermitteln vermag. Sie sind ein gebildeter Mensch, haben nicht nur ein Lehramtsstudium absolviert, sondern sich auch mit Soziologie beschäftigt. Religion, als gesellschaftliches Phänomen betrachtet, begegnet uns heute in der global vernetzten Welt aber häufig auch als Ursache für Fragilität und Instabilität.

Ja, nicht nur Instabilität, Religion ist zweifellos auch die Ursache von Gewalt und Kriegen. Islamische Glaubensbrüder bekriegen sich auf brutale Weise. Aber das war unter Christen und gegenüber Andersdenkenden auch so. Mein Buch ist aber ein Plädoyer, erst einmal den eigenen Stall auszumisten. Nachzudenken, welcher Glaube, welches Denken denn zu solcher religiöser Rechthaberei und Aggressivität führt. Ratzinger sagt, nur die Vernunft kann uns vor den Pathologien der Religionen schützen. Das geht tief. Es geht um Gottesbilder. Es geht um die biblischen Geschichten. Diese dunkle Seite unter die Lupe zu nehmen war auch ein Grund, mich in die Debatte um Religion einzumischen.

Wer ein Buch schreibt, ist gezwungen, seine Gedanken zu ordnen und allgemeinverständlich und pointiert zu formulieren. Hat die Fixierung Ihrer Gedanken Sie dabei im Glauben gestärkt, oder die Zweifel gemehrt?

Schreiben kann in gewissem Sinne immer auch eine Selbstverständigung sein. Das war es bei mir ganz gewiss. Mir war dabei ganz wichtig, klar und verständlich zu schreiben. Das zwingt dann zur eigenen Klärung. Aber mehr wurden dabei die Zweifel nicht, eher weniger. Schreiben zwingt das Nachdenken zur Klarheit. Und ich hoffe, dies empfinden auch die Leser und Leserinnen des Buches.

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Hubert Ettl: "Zweifelnd glauben. Über Religion und Spiritualität in der heutigen Zeit", 224 Seiten, 19,90 Euro, Edition Lichtung.
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