23.03.2018 - 10:01 Uhr
Deutschland & Welt

Jazzfestival in der oberbayerischen Kleinstadt Burghausen eines der wichtigsten in Europa Festival-Stimmung rund um die Burg

Fast ein halbes Jahrhundert ist die oberbayerische Kleinstadt Burghausen direkt an der österreichischen Grenze immer im Frühling das Highlight für Jazzfans. Was damals in einigen Lokalen der Altstadt von einigen Begeisterten um Mitbegründer Joe Viera ins Leben gerufen wurde, hat sich längst zu einem der wichtigsten europäischen Jazzfestivals gemausert.

Die "Jazzrausch-Big-Band" versteht es, wie kaum ein anderes Ensemble, den Kosmos zügelloser Kreativität mit den hohen Ansprüchen eines urbanen Nachtlebens zu vereinen. Auch beim Jazzfestival in Burghausen besticht die Formation aus München durch einen hervorragenden Bläsersatz und technisch versierten Solisten. Bild: Roth
von Redaktion OnetzProfil

Burghausen. Die Jazzwoche war nie auf einen stilistischen Schwerpunkt fixiert. Ziel war und ist es, mit einer breit aufgestellten Programmvielfalt neben Puristen auch andere Musikfreunde in die Konzerte zu locken und für den Jazz zu begeistern. Anfang und Ende der Jazzwoche gehören seit mehreren Jahren der jungen Jazzmusikergeneration: So wurden dieses Mal aus über 70 Bewerbungen fünf junge Ensembles für die Bühne im Stadtsaal ausgewählt. Eine fachkundige Jury vergibt die "Europäischen Burghausener Nachwuchs-Jazzpreise".

Der erste Preis geht an die ukrainisch, polnisch und deutsche Band "Leleka", die auch das erste Hauptkonzert eröffnet, bevor die Revivalband der legendären "Blood, Sweat and Tears" für einen ersten Höhepunkt sorgt: die Nachfolger einer der erfolgreichsten Bands, die als eine der ersten eine gelungene Mischung aus Rock und Jazz wagte, trifft mit mitreißenden Bläsersätzen, gigantischen Solis und nicht nur einfach kopierten Hits von der ersten Nummer an den Geschmack des Publikums.

Sprühendes Temperament

Vor allem einer schafft es mit Bravour, die Rolle des für den Sound der Originalband früher so prägenden charismatischen Sängers Davis Clayton-Thomas zu übernehmen: Bo Bice. Er fasziniert mit seiner ausdrucksstarken Stimme und bringt mit einer perfekten Show die Wackerhalle zum kochen. Klar, dass die Band nach dem erwarteten "Spinning Wheel" als Beginn von mehreren Zugaben mit Standing Ovations verabschiedet wurde .

Trompeter Charles Tolliver sorgt für ein "Update" des legendären Thelonious Monk Town-Hall-Konzertes von 1959. Monks Rolle übernimmt in dieser Formation - als "small" Bigband ungewöhnlich mit Tuba und Waldhorn besetzt - der Münchener Pianist Claus Raible. Schade, dass Tolliver seine Trompete nur selten zur Hand nimmt und eher als Leader Höchstleistung beim Spielen Monks rhythmisch komplizierter und harmonisch äußerst komplexen Themen vom Orchester fordert.

Mehr Begeisterung entfacht ein israelisches Klaviertrio: Beim Avishai- Cohen-Trio fungiert der gefragte Bandleader am Bass als "Primus inter Pares. So gibt es für alle Musiker genug solistische Freiräume für spannende, mit einer unglaublichen Technik präsentierte Improvisationen.

Nach den Hauptkonzerten in der Wackerhalle ist noch lange nicht Schluss, denn im Jazzkeller des Mautnerschlosses in der Altstadt geht es ab Mitternacht erst richtig los: In den historischen Gewölben eines mittelalterlichen Salzachflößerlagers wartet eine Band, die als Basis für Sessions mit Musikern aus den Hauptkonzerten fungiert. Dieses Mal war das Quartett des 82-jährigen Don Menza im Einsatz. Don sprüht vor Vitalität und Temperament, sein mitreißendes Spiel am Tenorsaxophon ist gepaart mit einem unglaublichen Sound.

Auf der Bühne steht auch die "einzige Techno-Bigband der Welt". Die Formation "Jazzrausch" aus München besticht zwar durch einen hervorragenden Bläsersatz und technisch versierte Solisten, allerdings gerät der überlaute, monotone Einsatz der Basstrommel gleich bei jeder Nummer allmählich zur Plage. Danach holte Manu Dibango mit "Africadelic" die Zuhörer auf eine Safari ab: gefälliger Afropop und Easy listening auf hohem Niveau.

Nachdem heuer zum ersten Mal auch wichtige Jazzfilme im Altstadtkino gezeigt werden, steht auch der gewohnte Bluesnachmittag auf dem Programm. Trotz oder gerade wegen der extremen Lautstärke und einfach strukturierten Bluesnummern ist die Wackerhalle mit einem begeisterten Publikum ausverkauft. Am Abend hat man, wie immer, die Qual der Wahl: in der Wackerhalle der Burghauser Publikumsliebling Wolfgang Haffner mit hervorragendem Sextett und die "Squeezeband" des Schweizer Percussionisten Reto Weber oder im Stadtsaal eher modernere Töne mit dem norwegischen Saxofonisten Marius Neset und dem Quintett des französischem Akkordeonspielers Vincent Peirani .

Don Menza in Weiden

Wenn es einen Preis für spektakuläre Instrumente gäbe, hätte ihn die Squeezeband bekommen: Neben dem Hang, einem Instrument, das aus zwei Klangschalen besteht, kommt ein 14 Meter (!) langes Alphorn zum Einsatz, was vor allem eine optische Abwechslung war.

Leider hat das Bayerische Fernsehen schon vorletztes Jahr nach 45 Jahren seine qualitativ hochwertigen Fernsehaufzeichnungen aus Kostengründen eingestellt. So bleiben den Jazzfans jetzt nur noch einige BR-Radioaufzeichnungen, Video-Livestreams - oder man hört sich das Don-Menza-Quartett aus dem Burghausener Jazzkeller am Freitag, 6. April (20 Uhr), live beim Jazz-Zirkel im Bistrot Paris in Weiden an.

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