23.05.2014 - 00:00 Uhr
Deutschland & Welt

Karen Breeces Theaterprojekt im Konzentrationslager in Dachau Der Musterschüler und sein "Müggelein"

Alles ist so normal hier. Der Theaterabend beginnt mit einem Shuttlebus. Am Pförtnerhaus der Polizeibereitschaft startend, zockelt er über das weitläufige Gelände, gemächlich an Wiesen, Bäumen und zweckmäßigen Verwaltungsbauten und blütenweißen Wohnhäusern vorbei. Ein schöner Ort. Er ist grauenvoll. Hier befand sich in der NS-Zeit die SS-Garnison des Konzentrationslagers Dachau.

Das Ehepaar Martin und Lisa Weiß, gespielt von Schauspielern im Stück "Dachau // Prozess". Von draußen blicken sie durch die Fenster in den Raum des Gerichtsprozesses. Bild: Busch-Frank
von Redaktion OnetzProfil

Im Bus sitzen die Gäste von Karen Breeces Theaterprojekt "Dachau // Prozesse", jeder mit einem Kopfhörer versehen. Sie lauschen den Stimmen von zwei Schauspielern der Kammerspiele München, die Originaldokumente lesen - die Erinnerungen von Lisa Weiß, deren Ehemann Martin hier Lagerleiter war, und von Walter J. Fellenz, der als amerikanischer Soldat gegen Ende des Krieges nach Dachau kam, als Befreier.

Flitterwochen in Dachau

Das Ehepaar Weiß heiratete am 24. April 1943 in Dachau, verbrachte hier sozusagen seine Flitterwochen. Die eine erzählt von dem schön gepflegten Rasen, vom einträchtigen Geschirrabspülen mit dem geliebten Mann - der andere von den ausgezehrten Opfern eines grausam kalten Regimes, die er hier vorgefunden hat.

SA-Gewächs der ersten Stunde

Der Tod ist ein Meister aus Deutschland, er hat viele Namen - und einer davon ist Martin Gottfried Weiß. Er wurde als Sohn eines Eisenbahners in der Max-Reger-Stadt geboren. Auf ihn, eine kaum von der Forschung beachtete Randfigur des mörderischen Systems, stieß Regisseurin Karen Breece (43) bei einem früheren Theaterprojekt. Der Weidener war ein SA-Gewächs der ersten Stunde: Bereits 1926 trat er ihr bei und gründete mit zwei Freunden Ortsverbände der Sturmabteilung und der Hitlerjugend in Weiden. Als frischgebackener Elektrotechniker arbeitete er dann in Thüringen, wurde aber wegen der allgemeinen Rezession im April 1932 entlassen. Weiß kehrte nach Weiden zurück und trat der SS bei, der Parteipolizei der Nationalsozialisten. In dieser Funktion stieg er nach der Machtübernahme auf, und schon wenige Wochen nach der Inhaftierung erster Häftlinge - damals überwiegend Regimegegner - leistete er Dienst in der Dachauer Wachmannschaft. Wenn Dachau die "Schule der Gewalt" war, wie Breece es auf den Punkt bringt, "dann war Weiß ein Musterschüler". Dabei war er nicht einmal einer der Grausamsten. Historische Quellen betonen seine Menschlichkeit und Akkuratesse. Aber er erledigte seine schmutzige Arbeit gut, machte Karriere, wurde weitergereicht nach Neuengamme und Majdanek.

Ruhe und Ordnung

Als er 1942 wieder nach Dachau zurückkam, diesmal als Lagerchef, verbot er das mörderische "Pfahlhängen", das bisher üblich war und oft zum Tod führte. Die Arbeitskraft der Gefangenen und die Wahrung von Ruhe und Ordnung gingen vor. Auch unter Weiß aber gab es Prügelstrafen, Erschießungen, Erhängungen, Folterungen. Die Theatergäste im Bus hören von der Inhaftierung des Lagerleiters Weiß nach Kriegsende, von der Flucht seiner Frau zu ihren Schwiegereltern nach Weiden. Dann hält der Wagen an einem flachen Gebäude, der früheren SS-Schneiderei, in der Uniformen genäht wurden.

Zum Tode verurteilt

Hier wurden nach Ende des NS-Regimes die Dachauer Prozesse abgehalten, bei denen Weiß am 13. Dezember 1945 als einer der Hauptangeklagten zum Tod verurteilt wurde. Die Protokolle der Prozesse sowie die schriftlichen Erinnerungen von Tätern und Befreiern bilden die Basis des Stücks, das hauptsächlich von Laien gespielt wird. Regisseurin Breece hat hier einen Bühnenaufbau aus Drahtkleiderbügeln auslegen lassen, einen Bügel für jeden der geschätzt 41 500 Menschen, die in Dachau zu Tode kamen. Der Raum und das Gelände in Dachau spielen eine große Rolle für sie, die mit einem amerikanischem Vater und einer deutschen Mutter auf zwei Kontinenten aufwuchs: "Wenn man - wie ich - nach Dachau zieht, kommt man nicht darum herum, sich mit der Geschichte dieser Stadt auseinanderzusetzen."

"Nur ein kurzer Traum"

Auf der Rückfahrt des Busses hören die Zuschauer, was Weiß im Angesicht des Galgens an Frau und Kinder schrieb: "Mein liebstes Müggelein, ich darf nicht daran denken, was wir alles verloren haben. Unsere schöne Wohnung, dazu all die herrlichen Geschenke. Feine Wäsche, Kleider, Gardinen. Es war wirklich nur ein kurzer Traum."
___

Karten gibt es noch für die Aufführungen im Juni, und zwar am 10., 11., 12. und 14. Juni jeweils um 19 Uhr. Karteninfos unter Telefon 08131/75-287 oder 286.

Klicken Sie hier für mehr Artikel zum Thema:

Nachrichten per WhatsApp und Facebook Messenger

Kommentare

Um Kommentare verfassen zu können, müssen Sie sich anmelden.

Bitte beachten Sie unsere Nutzungsregeln.