26.07.2013 - 00:00 Uhr
Deutschland & Welt

Kultur- und Kreativwirtschaft Erfolg in Bayern boomt Kreativwirtschaft hat cooles Potenzial

Die Kultur- und Kreativwirtschaft boomt. Laut bayerischem Wirtschaftsministerium existieren allein im Raum Regensburg schätzungsweise rund 1800 Kultur- und Kreativunternehmen. Auch in der Oberpfalz können junge Talente damit gebunden werden.

Benno Sawitzki. Bild: Kreativ Inkubator
von Redaktion OnetzProfil

"Wir bräuchten hier in Regensburg endlich ein Kreativzentrum", fordert Benno Sawitzki. Der 30-Jährige hat vor einiger Zeit den Kreativ Inkubator gegründet - einen losen Zusammenschluss von Kreativ- und Kulturschaffenden in Regensburg. Gemeinsam will man sich vernetzen, weiterhelfen und gegebenenfalls einmal im selben Gebäude arbeiten. Ein gemeinsames Unternehmen? Auf gar keinen Fall. Sawitzki würde gerne einen Coworking-Space gründen.

Wo sich Freiberufler, Freelancer und Künstler temporär, also gerne tage- oder gar nur stundenweise einmieten, um dort an ihren Projekten zu arbeiten und Netzwerke zu knüpfen. So ein Coworking-Space sollte bestenfalls in dem vom ihm geforderten Kreativzentrum untergebracht werden. "Und natürlich große Räume für Veranstaltungen, Theater- und Musikevents, aber auch kleine Räume für Workshops und Proberäume und Büros", fordert Sawitzki. Sein Lebenslauf gleicht keiner gewöhnlichen Erwerbsbiografie.

Techno-Label in Berlin

"Ich bin Betreiber einer Grafikdesign-Agentur und bin gemeinsam mit einem Freund auch in der Unternehmensberatung tätig. Dazu habe ich noch kleines Techno-Label in Berlin." Einen Schreibtisch hat Benno Sawitzki in Regensburg, einen in Berlin. Arbeiten kann er überall: "Vor ein paar Tagen hab ich einen Flug für nur 100 Euro nach Barcelona entdeckt. Ich bin hingeflogen, hab mir über eine Couchsurfing-App eine Übernachtungsmöglichkeit gesucht und hab mich zum Arbeiten in einen Coworking-Space eingemietet. Abends bin ich dann noch zu einem Netzwerktreffen gegangen." Der Kreativarbeiter hangelt sich fröhlich von Projekt zu Projekt, zieht immer neue Aufträge an Land und trotzdem: In schöner Regelmäßigkeit muss er dann auch mal ums finanzielle Überleben bangen. "Wenn es funktioniert, ist es super. Wenn nicht, bin ich am Arsch", sagt Benno Sawitzki mit einem Augenzwinkern.

Das aber ist das Problem der meisten Kreativ- und Kulturschaffenden. "Die sind zwar meist hochqualifizierte und innovative Akademiker, wenn es aber um wirtschaftliche Fragen geht, dann mag man sich in vielen Fällen nur ungern damit beschäftigen", weiß Jürgen Enninger. Er ist regionaler Ansprechpartner des Kompetenzzentrums Kultur- und Kreativwirtschaft des Bundes. Zweimal im Monat hält er eine Sprechstunde im Regensburger IT-Speicher. Zu ihm kommen Künstler, Kreative, Gründer, Selbstständige und Unternehmer. Enninger erklärt ihnen in Orientierungsgesprächen, wie man Businesspläne erstellt, unternehmerisches Know-how sammelt und die Tücken des Berufsalltags als Kultur- und Kreativunternehmer meistert. Die Branche boomt. Laut des im Mai vom Wirtschaftsministerium Bayern vorgestellten Kultur- und Kreativwirtschaftsberichts existieren allein im Raum Regensburg schätzungsweise rund 1800 Kultur- und Kreativunternehmen.

"Viele Kreative gehen einfach weg"

Mit bayernweit knapp 180 000 Erwerbstätigen und einem Anteil von 3,5 Prozent an der Gesamtwirtschaft liegt die Kultur- und Kreativwirtschaft knapp hinter der Automobilindustrie (4 Prozent) und dem Maschinenbau (4 ). "Es heißt immer, dass es die Kulturschaffenden in die Metropolen wie Berlin, Hamburg und München zieht", sagt Jürgen Enninger. "Bayern ist der krasse Gegenbeleg." Das fällt ihm auch in Ostbayern auf. "Egal, ob in Regen oder in Wunsiedel - überall, wo ich hinkomme, sind die Netzwerk-Veranstaltungen voll." Auch Benno Sawitzki sieht man dort oft im Publikum sitzen. Er sieht aber noch große Defizite, vor allem in Regensburg: "Hier ist es viel zu geleckt. Es fehlen Freiräume." Und deshalb geht hier seiner Meinung nach viel Potenzial verloren. "Viele Kreative gehen einfach weg." Er nennt dabei zum Beispiel die Gebrüder Teichmann, zwei international vernetzte Musiker und Produzenten, die 2002 den Kulturförderpreis der Stadt Regensburger erhielten und fast gleichzeitig nach Berlin auswanderten.

Von dort aus gehen sie regelmäßig auf Tourneen durch die ganze Welt. Im Auftrag des Goethe-Instituts reisten sie sogar nach China, Vietnam oder nach Bangladesch. Immer wieder sorgten sie mit interkulturellen Musikprojekten international für Aufsehen. "Ohne inspirierende Orte für junge Menschen wird es keinen kreativen Nachwuchs geben", schrieben Hannes und Andi Teichmann in einem offenen Brief, als die Alte Filmbühne, eine Regensburger Kneipe, in der sich der kulturelle Nachwuchs tummelt, von der Schließung bedroht war. "Wir wünschen uns sehr, dass endlich auch ein politisches Bewusstsein dafür entsteht, welch wichtige Funktion kulturelle Orte wie die Filmbühne für die Gesellschaft haben."

Schnell im Kopf

Ins gleiche Horn bläst Benno Sawitzki. "Die Kreativindustrie ist ein Standortfaktor. Durch sie wird Talent angesiedelt. Und damit sich da auch etwas entwickeln kann, muss die Stadt eben für Freiräume sorgen." Damit meint er günstige Büro- und Atelierräume, aber auch, dass Möglichkeiten geschaffen werden, um sich künstlerisch und kreativ auszudrücken und auszuprobieren. Ohne dass dabei ein telefonbuchdickes Regelwerk beachtet werden muss. Benno Sawitzki will weiterhin auf seine unabhängige Art und Weise arbeiten. "Arzt oder Jurist werde ich mit meinem Lebenslauf ja nicht mehr", gibt er lachend zu. Dann klappt er sein Notebook an einem Tisch im Café auf, verbindet sich mit dem freien WLan-Netz und denkt über seine nächsten Projekte nach. Angst, dass er mit der Geschwindigkeit seiner modernen, unabhängigen Arbeitswelt nicht mehr mithalten kann, hat er nicht. "Ich bin immer schneller. Zumindest im Kopf."

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