"La Favorite" in München
Liebesdrama ohne glühende Erotik

Fernand (Matthew Polenzani) verliebt sich in Léonor (Elina Garancas), die Mätresse von König Alphonse (Mariusz Kwiechiens). Bild: Wilfried Hösl
Kultur BY
Bayern
28.12.2016
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"La Favorite" von Gaetano Donizetti wird eher selten gespielt. Umso größer ist die Neugierde auf die Münchner Inszenierung. Doch der Funke springt nicht über. Bühnenbild, Orchester und Sänger finden nicht zueinander. Es hakt an allen Ecken und Enden.

München. Unter der musikalischen Leitung von Marel Mark Chichon vermisst man die harmonische Balance zwischen Sängern und Orchester, der einzelnen Musikinstrumente untereinander. Viel zu heftig schieben sich die Schlagwerke in den Vordergrund. Oft führen die Streicher ein Schattendasein. Phasenweise sehr schnell dirigiert, bleibt der Zauber der Melodien und auch des Belcanto immer wieder auf der Strecke. Ungenaue Einsätze mindern die Expressionskraft des Opernchores.

Brillante Einzelleistungen

Die Sänger, allesamt Meister ihres Faches, brillieren in Einzelleistungen, ohne dass sich atmosphärische Synergieeffekte ergeben. Mariusz Kwiechiens begeistert als Alphonse mit seinem leidenschaftlich durchglühten Bariton und durch sein schauspielerisches Talent. Matthew Polenzani vermittelt durch seinen kraftvollen Tenor leidenschaftlich den zunehmenden Liebesschmerz Fernands.

In den Nebenrollen lassen Mika Kares (Prior Balthazar) und die wunderbar durchglühten Koloraturen Elsa Benoit (Léonors Vertraute Ines) aufhorchen. Gesangstechnisch perfekt lässt Elina Garancas Mezzosopran durch ihren kühlen Farbklang und ihre distanzierte Ausstrahlung jegliche erotische Verführungskraft vermissen, wodurch die ohnehin extrem konstruierte Liebesgeschichte noch steifer wirkt.

Als Mätresse vom König immer noch heiß begehrt, rächt er sich an ihr, als sie sich zu einem anderen bekennt, indem er höchst persönlich die Ehe mit Fernand arrangiert, der sie über alles liebt, wohlwissend dass er Léonor verlassen wird, sobald er um ihren gesellschaftlichen Status weiß. Die Rechnung des Königs geht allerdings nicht ganz auf. Léonor stirbt aus Scham und Liebe. Fernand, der erst an ihrem Sterbebett die Intrige durchschaut, kündigt an, ihr am nächsten Tag in den Tod zu folgen.

Hosenanzüge und Stühle

Eine derartige Liebesdramatik auf Hosenanzüge und Stuhlreihen zu reduzieren, vor glatten Glasfassaden im diffusen Licht grauer Alltäglichkeit zu verorten, nimmt der Oper jeglichen Charme, ohne inhaltlich wirklich neue Denkanstöße zu geben. Bühnenbildner Alexander Müller-Elmau gelingen zwar durch die wuchtigen Bühnenbauten interessante Wechsel von Innen- und Außenräumen, irdischer Bedrängnis und himmlischen Visionen. Mit Jesus am Kreuz, von liebreizenden Madonnen umgeben, romantisch umlichtert, bleibt das Bühnenbild, in keinster Weise von der Regie weiterverfolgt, nur plakative Kulisse.

Amélie Niemeyer drapiert die Figuren in räumlicher Distanz und wenn sie sich nähern, obliegt es den schauspielerischen Temperament der Sänger, was sie daraus machen. Elina Garanca ist dabei hoffnungslos überfordert, in ihrem hellblauen Hosenanzug trotz roten Wickelmantels (Kostüme Kirsten Dephoff), alles andere als erotisch, zumal sie die Partie mit kühler Distanz interpretiert. Erst in den letzten Arien werden Liebesleid und Tragik Léonors als Braut in schwarzer Robe optisch und akustisch spürbar. Der starke Schluss kann die konzeptionellen Schwächen dieser Inszenierung nicht ausgleichen. "La Favorite" enttäuscht auf vielen Ebenen.
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