"Lady Macbeth von Mzensk"
Oper wie ein Film

Kultur BY
Bayern
06.12.2016
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München. Schostakowitschs "Lady Macbeth von Mzensk" avanciert unter Regie von Harry Kupfer und musikalische Leitung von Kirill Petrenko in der Münchner Staatsoper zum Opernereignis. Schostakowitsch titulierte sein Werk zu Recht als tragisch-satirische Oper. Beruhend auf der gleichnamigen Erzählung Nikolai S. Leskows ist seine vorsozialistische Lady Macbeth, alias Katerina, trotz ihrer drei Morde die Sympathieträgerin. Zu widerlich sind die Männer im feudalistischen Umfeld, herrisch impotent der Ehemann, lüstern der Schwiegervater, gewalttätig der neue Knecht Sergei, der jede Frau vergewaltigt und degradiert. Frauen sind nur dazu da, sie lächerlich zu machen.

Katerina ist so ausgehungert nach Liebe, dass sie sich in den Möchtegern-Aufsteiger verliebt und mordet, was die Liebe verraten könnte: den Schwiegervater, gemeinsam mit dem Liebhaber den Mann. Auf dem Weg in das Gefangenenlager tötet Katerina Sergeis neue Geliebte und sich selbst. Mit Anspielungen auf die Erniedrigungen der Frau, Verrohung der Arbeiter und Faulheit der Polizei wird die Oper zur bitterbösen Satire.

Grau in Grau

Hans Schavernoch baut eine gewaltige Lagerhalle, mit Schiebebühnen, Leitern, Stegen als Anspielung auf die technische Gigantonomie Stalins, in der Mitte die schlichte Schlafkammer Katerinas, wie ein Stimmungsbarometer mal tiefer, mal höher, ganz oben in orgiastischer Verschlingung, darunter Raum für das rohe Treiben der Arbeiter. Grau in Grau leuchtet das Holz golden in der Sonne, blitzt etwas Himmel durch die Kammer. Im roten Kleid wird Katerina zum emotionalen Zentrum. Dem Naturalismus folgt die Groteske der Hochzeitsszene im dritten Akt. Das grellweiße Tableau fährt nach oben, eingefroren die Figuren, während sich im Untergrund die Polizisten auf ihren Bürostühle langweilen, sich schließlich soldatisch formieren, um die Mörder zu fassen. Unter dem weiten Himmel Sibiriens, eingepfercht über die Nacht in ein Erdloch, visioniert der Weg ins Gefangenenlager Stalins hoffnungslosen Gulag.

In dieser gewaltigen Szenerie lässt Harry Kupfer die Protagonisten derart authentisch agieren, dass eine fast filmische Aura entsteht, die Schostakowitschs Komposition in faszinierende Bilder umsetzt und durch Petrenkos umwerfendes Dirigat Facetten filmischer Soundtracks der Extraklasse entstehen. Im tonalen Inferno sexueller Begehrlichkeiten spiegeln sich totalitäre Wucht, in hauchzarten Passagen die Vision vom schönen, besseren Leben, das in dieser gesellschaftlichen Konstellation keine Chance hat. Neue Hörwelten eröffnen sich im ständigen Oszillieren zwischen lyrischen Flirren und apokalyptischen Tutti, nur möglich durch die grandiose Präzision Petrenkos und die Qualität der Instrumentalisten des Bayerischen Staatsorchesters.

Mutig, beherzt, ängstlich

Großartig in allen Tonlagen zeichnet Anja Kampe die Katerina mit vielen Seelen in einer Brust, lyrisch zart, leidenschaftlich, mutig beherzt, ängstlich und abgrundtief verzweifelt. Sie überstrahlt das männliche Umfeld, Sergey Skorokhodov (Ehemann), Misha Didyk (Knecht) und selbst Anatoli Kotschergas zunehmend ausdrucksstarken Bariton (Schwiegervater). Charismatische Akzente gelingen in den Nebenrollen Goran Juric (Pope) und Kevin Conners (Schäbiger), vor allem dem Chor durch seine berührende Wucht, einstudiert von Sören Eckhoff.
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