10.02.2017 - 20:00 Uhr
Deutschland & Welt

Landesausstellung über Karl IV.: Der Kaiser kehrt zurück

Endspurt bei der bayerisch-tschechischen Landesausstellung in Nürnberg über Karl IV.: Noch bis 5. März gibt es die Gelegenheit, sich im Germanischen Nationalmuseum über Leben und Wirken dieses bedeutenden Herrschers des ausgehenden Mittelalters zu informieren.

Die Votivtafel gab der Prager Erzbischof Johann Ocko von Vlasim um 1370 in Auftrag. Im oberen Bildteil kniet links Kaiser Karl IV., mit prächtigem Ornat und Krone, vor Maria und dem Christuskind. Rechts kniet sein Sohn, der junge König Wenzel. Das Porträt zeigt Kaiser Karl IV. als weisen und gerechten Herrscher. Bild: © Nationalgalerie Prag
von Günter KuschProfil

Auch eine kleine Ratte gehört zu den Ausstellungsstücken Sie steht symbolisch für die Pest, die weite Teile Mitteleuropas im 14. Jahrhundert geprägt hat. Zählt man die Opfer von Naturkatastrophen und Hungersnöten hinzu, kam damals mehr als ein Drittel der Bevölkerung ums Leben. Zugleich war dieses Jahrhundert aber von einer reichen kulturellen Blüte gekennzeichnet. Architektur, Technik und Kunst erlebten am Hof Karls IV., im Königreich Böhmen und in den Ländern des römisch-deutschen Reichs einen Aufschwung. Die Bayerisch-Tschechische Landesausstellung "Karl IV.", die bis 5. März im Germanischen Nationalmuseum Nürnberg bewundert werden kann, präsentiert eindrückliche Zeugen dieser Zeit.

Gebildet und fromm

Er war ein gebildeter, frommer, zielbewusster und weitblickender Kaiser, aber auch ein kaltblütiger Stratege und erfahrener Diplomat. Die Licht- und Schattenseiten des größten Herrschers in der Geschichte der tschechischen Länder ermöglichten es, in Jahren von Missernten und Finanzkrisen imposante Bauwerke zu errichten, die noch heute von Besuchern aus aller Welt bewundert werden. Auch die freie Reichsstadt Nürnberg, seinen zweithäufigsten Aufenthaltsort nach Prag, hat Karl IV. erheblich durch Stiftungen gefördert. Seine hohe Bildung machte ihn zu einem Kaiser des Schwertes und der Feder. Als erster Herrscher verfasste er eine Autobiografie.

Karl war als Sohn von Johann von Luxemburg und Elisabeth von Böhmen eine wichtige Figur im politischen Spiel. Als Gegenkönig des Wittelsbachers Ludwig der Bayer konnte Karl die Unterstützung des Papstes gewinnen und damit den Kampf um die römisch-deutsche Krone. Seine Krönung 1355 in Rom bedeutete die Erneuerung des Kaisertums im Heiligen Römischen Reich. Und er schaffte ein epochales Werk: Die Goldene Bulle von 1356 wurde zu einer Art Reichsgrundgesetz und regelte für viereinhalb Jahrhunderte die Wahl des Römischen Königs durch die Kurfürsten.

Als Kaiser stützte er sich weniger auf militärische Gewalt als auf Diplomatie - und auf erhebliche Geldsummen, mit denen er die Zustimmung der Kurfürsten erkaufte. Die reichen Silbervorkommen Böhmens, die Förderung des Handels sowie die effiziente Verwaltung und Nutzung seiner Territorien ermöglichten den Erfolg des ebenso frommen wie berechnenden Kaisers. Daneben betrieb er geschickte Heiratspolitik: Bei seinen vier Ehen wie bei der Verheiratung seiner Kinder spielte die Mehrung seiner Hausmacht stets die wichtigste Rolle.

"Vater des Vaterlandes"

So bildete die Mitgift der Wittelsbacherin Anna von der Pfalz die Grundlage für Karls "Neuböhmen" in der Oberpfalz. Weil er für seine Hausmachtpolitik in großem Umfang Reichsgut verpfändete, sahen deutsche Historiker Karl lange als "Vater Böhmens, aber Erzstiefvater des Reiches", während er in Böhmen beziehungsweise Tschechien bis heute als "Vater des Vaterlandes" gilt.

Gut, dass die Ausstellung auch die dunklen Seiten des Herrschers beleuchtet. Man denke an das Jahr 1348, als in Nürnberg ein Aufstand gegen die Luxemburger aufflammte. Karl münzte ihn rasch zum eigenen Vorteil um, indem er ein Jahr später aus Mitgliedern der Patrizierfamilien gegen den Schwur eines Treueids den alt-neuen Stadtrat ernannte. Deren Unterstützung gewann Karl vor allem, weil er dem Stadtrat den Abriss des Judenviertels samt der Synagoge gestattete, um einen neuen Hauptmarkt zu errichten. Bald danach wurde die Nürnberger jüdische Gemeinde in einem Pogrom vernichtet. Statt Juden zu schützen, nutzte der Herrscher immer wieder jüdischen Besitz, um treue Parteigänger zu belohnen oder neue Anhänger zu gewinnen.

Fürsprecher der Gläubigen

Zutiefst fromm zeigte sich Karl dagegen in Sachen Heiligenverehrung. Sie galten als Fürsprecher der Gläubigen vor Gott. Wer Reliquien besaß, dem winkte die Erlösung nach dem Tod. Aber auch politisch waren diese heiligen Hinterlassenschaften von Bedeutung: Der Besitz einer Reliquie konnte Herrschaftsansprüche über das Gebiet zum Ausdruck bringen, aus dem der betreffende Heilige stammte. Karl sammelte vor allem Passionsreliquien, die an das Leiden Christi erinnerten - etwa Dornen aus der Dornenkrone Christi oder Holzsplitter vom Heiligen Kreuz. Diese Gegenstände sollten die Fürsprache durch Christus persönlich garantieren. Verschiedentlich verwahrte man Karl sogar den Zutritt in eine Stadt oder Kirche, um ihn daran zu hindern, wertvolle Kultgegenstände mitzunehmen. Klar, dass er meistens seinen Willen durchzusetzen wusste.

Hochrangige Kunstwerke

Die Bayerisch- Tschechische Landesausstellung wirft mit über 180 hochrangigen Kunstwerken, Urkunden, kulturhistorischen und alltagsgegenständlichen Zeugnissen und medialen Inszenierungen einen neuen Blick auf den facettenreichen Herrscher und seine Zeit. Handschriften, Gemälde und Skulpturen, Vasen, Holzreliefs und Elfenbeinkistchen, Mosaikbilder und Madonnen: "Solch eine Zusammenstellung wertvoller Originale aus dem 14. Jahrhundert gab es noch nie und wird es in den nächsten 20, 30 Jahren nicht geben", ist Ausstellungsleiter Wolfgang Jahn überzeugt. Dass Karl IV. ein Publikumsmagnet ist, zeigen natürlich auch die Zahlen: Über 60 000 Besucher, betont Kunstminister Ludwig Spaenle gegenüber der Presse: "Das ist eine echte Sensation!"

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