17.11.2017 - 20:00 Uhr
Deutschland & Welt

Michael Stipe und Mike Mills stellen Sonderedition R.E.M. vor Melancholischer Bestseller

Zu Beginn der 90er hatte sich die bisherige College Rock-Band R.E.M. aus Athens/Georgia frei geschwommen von den Alternative Rock-Gestaden und war mit dem 1991 erschienenen Album "Out Of Tome" endgültig im Pop-Olymp angekommen und zu Mega-Sellern avanciert.

von Autor MFGProfil

Gut ein Jahr später erschien der Nachfolger "Automatic For The People" (Universal Music). Ein wesentlich introvertierteres Werk als der weitgehend optimistische Vorgänger. Was viele Hörer bis heute nicht ahnen: "Automatic" ist mit (bislang) mehr als 18 Millionen verkauften Tonträgern das kommerziell erfolgreichste Werk der Formation, die sich 2011 aufgelöst hat. Anlässlich des Jubiläums dieses melancholischen Bestsellers ist gerade die opulente "25th Anniversary Edition" jenes Meisterwerks erschienen. Vor kurzem stellten Michael Stipe (im Bild links) und Mike Mills (rechts) die Sonderedition in Berlin vor. Die Musikredaktion hat sich mit Peter Buck unterhalten. Im Interview erinnert sich der Gitarrist an die Entstehungsgeschichte der Ausnahme-Platte.

Viele Fans werten "Automatic" als das beste, da in sich geschlossenste Album von R.E.M. - teilen Sie diese Meinung?

Peter Buck: Da ich in dieser Beziehung als aktiv Mitwirkender etwas befangen bin, drücke ich es diplomatisch aus: Es ist für mich bis heute ein absolut großartiges Werk. Und das, obwohl die Platte ursprünglich ganz anders konzipiert war, als sie letztlich klingt.

Inwiefern anders?

Nachdem wir vom "Out Of Time"-Erfolg förmlich überrollt worden waren und der uns wirklich Angst eingejagt hatte, analysierten wir den Status Quo der Situation. Wir kamen zu der Einsicht, dass die Platte für unsere Verhältnisse zu poppig ausgefallen war. Dem wollten wir mit einer sperrigen, heftigen Rock-Platte etwas entgegensetzen. Man darf nicht vergessen, dass Grunge im Jahr 1992 seine Hochphase hatte. Und wir waren in deren Kreisen durchaus angesehen.

Warum ist doch nichts geworden aus einer Grunge-Produktion?

Weil unser Sänger Michael (Stipe; Anm. d. Red.) sich damals in einer äußerst melancholischen, gelegentlich gar depressiven Phase befand. Und da er für sämtliche Texte verantwortlich zeichnete, hätten wir unmöglich düstere Verse mit aggressiv-hektischen Heavy-Melodien untermalen können. Also mussten wir eine radikale Kehrtwende hinlegen, um unseren Frontmann bei seinen Aktivitäten zu unterstützen.

Wie groß war der Druck von Seiten der Plattenfirma, dass der Mega-Erfolg des Vorgängers wiederholt wird?

Nicht sehr groß. Wir verbaten uns Einmischung gleich welcher Art. Zudem waren wir mit "Out Of Time" nicht auf Tour gewesen. Dadurch war der Kopf frei für neue musikalische Abenteuer. Ich denke, wir haben diese Chance erfolgreich genutzt.

Schritt das Label auch dann nicht ein, als es merkte, dass eine andere Platte entstehen würde, als ursprünglich von der Band angekündigt?

Sie hatten heiligen Respekt vor uns, weil "Out of Time" viele Millionen Kopien verkauft hatte. Geld ist immer ein Argument für eine Plattenfirma, ihre Künstler möglichst frei walten und schalten zu lassen in ihrer Arbeit. Am Ende jedenfalls bekamen unsere Auftraggeber das traurigste Werk, das wir je eingespielt haben. Traurig im Sinne von "schön" und "erhaben". Und sie bekam unser kommerziell erfolgreichstes Werk. Eine Win-Win-Situation demnach für alle Beteiligten. Was will man mehr?

Woher bekam Stipe Inspiration für seine eher düsteren Texte jener Zeit?

Zunächst aus seiner persönlichen Situation, er war unglücklich verliebt. Gleichzeitig beschäftigte er sich damals intensiv mit Sterblichkeit, dem Tod - und wie ein Künstler damit umzugehen habe. Dass er Angst vor der Unendlichkeit hat, gleichzeitig aber auch die Chance auf einen radikalen Neuanfang erkennt. Dass ein Rendezvous mit Gevatter Hein durchaus einen lyrischen Charme besitzen kann. Um solcherart Gedanken drehen sich viele der "Automatic"-Texte.

Aufgenommen worden ist das Album - es war bereits die dritte Kooperation - von Alternative Rock-Starproduzent Scott Litt (Patti Smith, Nirvana, Counting Crows). Wie viel Einfluss hatte er auf die Musik?

Nicht besonders viel, da wir die Lieder in den Monaten zuvor prima vor-produziert hatten. Wir waren Wochenlang durch die halben Vereinigten Saaten gereist, mal in dieses, mal in jenes Studio eingekehrt und hatten etwas eingespielt. Mit diesem Packen an Material sind wir bei Scott eingelaufen und haben der Sache den finalen Feinschliff verpasst.

Wie stolz sind Sie auf die Jubiläums-Edition?

Mächtig stolz! Zum einen auf den technischen Aspekt, denn dank moderner Technologie haben wir das Äußerste aus den Liedern rausgeholt. Zum anderen finde ich den Live-Mitschnitt wirklich sensationell.

Sind die vier R.E.M.-Mitstreiter von einst nach wie vor in Kontakt miteinander?

Na klar, schließlich kennen wir uns seit Urzeiten - so eine Freundschaft wirft man nicht einfach mal weg! Michael etwa habe ich gerade vor zwei Wochen getroffen. Und trotzdem: Zu einer Reunion wird es niemals kommen. R.E.M. ist Geschichte. Und das ist gut so.

___

Weitere Informationen:

www.remhq.com/Bild: Britta Pedersen/dpa

Klicken Sie hier für mehr Artikel zum Thema:

Für Sie empfohlen

 

 

Videos

Kommentare

Um Kommentare verfassen zu können, müssen Sie sich anmelden.

Bitte beachten Sie unsere Nutzungsregeln.