"Monade" im Staatstheater Nürnberg
Anmutig durch barocke Landschaftsgärten

Mauro Bigonzetti spürt in seinem Stück "Antiche Danze" seelischen Zuständen nach - von ausgelassener Lebensfreude bis hin zu tiefstem Leid. Esther Pérez und Joel Distefano zeigen das auf der Bühne. Bild: Jesús Vallinas
Kultur BY
Bayern
17.12.2016
62
0

"Monade" heißt der zweiteilige Ballettabend im Nürnberger Staatstheater. Monaden? Laut Gottfried Wilhelm Leibniz sind das kleinste Teilchen, aus denen die Welt besteht. Jedes von ihnen ist einzigartig. Doch nur in ihrer Ganzheit erzielen sie eine Wirkung nach außen.

Nürnberg. Das griechische "monas" steht für "Einheit" - und Ballettchef Goyo Montero entwickelt aus diesem philosophischen Gedanken ein Konzept für einen zweiteiligen Tanzabend, dessen Premiere im Staatstheater Nürnberg mit lang anhaltendem Beifall belohnt wird.

Beeindruckend ist das Bühnenbild, das sich Montero und Eva Adler für die Neuproduktion "Monade" ausgedacht haben. Meterlange, gebogene Platten, rostig und scharfkantig, strecken sich spitz zulaufend in Richtung Himmel aus. Das Ganze wirkt wie ein gotisches Kirchenschiff oder ein monströses Mausoleum. Unter diesem spirituellen Dach bewegen sich die Tänzer zu Klängen von Johann Sebastian Bach.

Chor in schwarz

Erstmals wird der Opernchor mit hineingenommen in das Tanzgeschehen. 50 Männer und Frauen, schwarz gekleidet, wuseln über die Bühne, driften auseinander und finden wieder zusammen. Auch hier also: "monas", eine Einheit von Tanz und Gesang, wobei man immer wieder den Überblick verliert, wer welche Rolle spielt, einige Szenen gehen ganz im Trubel unter.

Die Motette "Ich lasse Dich nicht, du segnest mich denn" und die Worte "dein Kind wirst du verlassen nicht" sind Monteros Reminiszenz an seinen Vater, der vor einem Jahr starb. Die vielen Truhen, die hin- und hergeschoben werden, erinnern an Särge als letzte Heimstätten des Menschen. Sterben, Vergehen, Erlösung und Auferstehung werden versinnbildlicht. Und Montero bleibt auch diesmal seinem Stil treu, eröffnet weite Landschaften aus Düsternis und Beklemmung, betreibt tänzerische Tiefenpsychologie, die allerdings keine Wege findet in Richtung Hoffnung oder Lebensfreude.

Um diesen Weg aufzuzeigen, wäre es geschickter gewesen, Mauro Bigonzettis Stück "Antiche Danze" erst nach der Pause zu präsentieren. Die Dynamik des italienischen Komponisten Ottorino Respighi, dessen Musik über bloße Andeutungen höfischer Tanzmusik hinausführt, lässt beschwingt und unbeschwert in die Zukunft blicken. Hier entfaltet sich Lebensfreude pur und das buchstäblich: Die Tänzer stülpen sich Reifröcke über den Kopf, verkehrt herum, so dass diese wie Tulpenkelche wirken. Immer wieder fallen aus ihnen Tänzerinnen heraus, wie bei einer Geburt. Da wächst aus Altem etwas Neues, ist im Entstehen - einen "barocken Landschaftsgarten" nennt Bigonzetti das.

Vielfalt gefordert

Das überaus kontrastreiche Stück schlägt Brücken von der Renaissance bis zur modernen Sinfoniekultur des 19. Jahrhunderts. Dies erfordert von den Tänzern technische und interpretatorische Vielfalt. Immer wieder entstehen durch wahrlich akrobatischen Einsatz verblüffende Körper-Konstellationen.

Die ausgeklügelte Lichttechnik, der Wechsel von dunklen und hellen Wänden verwandelt die Tänzer in schattenlose Scherenschnitte. Höfischer Tanz verschmilzt mit roboterartigen Bewegungen: "monas" - hier gelingt Vereinigung auf prickelnde und fesselnde Weise. Ein drittes verbindendes Moment, die überaus klangfreudige Staatsphilharmonie unter dem Dirigat von Tarmo Vaask, kommt hinzu und liefert den Beweis: Einheit kommt aus der Vielfalt.
Schon dabei? Hier anmelden!
Schreiben Sie einen Kommentar zum Beitrag:
Spam und Eigenwerbung sind nicht gestattet.
Mehr dazu in unserem Verhaltenskodex.